Donnerstag, 15. Oktober 2015

„Peer, du lügst!“


… so beginnt Henrik Ibsens dramatisches Gedicht Peer Gynt.

Diese Worte möchte man so manches Mal Per Fink, dem Klinikdirektor der Research Clinic for Functional Disorders and Psychosomatics in der Universitätsklinik Aarhus an den Kopf werfen. Zwar teilt der dänische Psychiater nicht die Schreibweise seines Vornamens mit der literarischen Titelfigur, jedoch deren ausgeprägten Hang, die Wirklichkeit und Wahrheit seinen Ideal- und Wunschvorstellungen zu opfern.

Trotz WHO-Einordnung der Myalgischen Enzephalomyelitis als eine eigenständige nosologische Entität unter den neurologischen Krankheiten leugnet Per Fink die eigenständige Krankheitsidentität von ME. Es gebe, so Fink, keine überzeugende Evidenz, dass „ME/CFS“ ein deutlich unterschiedenes „Syndrom“ sei, das von anderen ähnlichen Syndromen klar abgrenzbar sei. Die Patienten hätten vielfache Symptome und viele von ihnen würden somit die Kriterien mehrerer Syndrome erfüllen. Er sieht ME als eine Spektrumsstörung an. [Fink, Schröder, 2015]

Fink nimmt dabei jedoch weder die vorhandenen Krankheitsdefinitionen, wie z.B. die Kanadischen Konsenskriterien oder die Internationalen Konsenskriterien, zur Kenntnis, die neben Diagnostikempfehlungen auch das unverwechselbare Symptommuster beschreiben, noch die sich mehrenden Belege, dass ME inzwischen immunologisch, neurologisch und kardiovaskulär differentialdiagnostisch zu anderen Krankheiten abgrenzbar ist. Er ignoriert sogar die gesamte biomedizinische Forschung zu ME mit ihren über 6000 Publikationen, nimmt in seinen Studien keinerlei Bezug auf sie und tut einfach so, als sei sie schlichtweg nicht existent. Man fühlt sich dabei an das Guck-guck-Spiel von Kleinkindern erinnert, deren Objektpermanenz noch nicht voll ausgebildet ist, weshalb Objekte außerhalb ihres Blickfelds gewissermaßen nicht existieren. Doch für jemanden, der für sich in Anspruch nimmt, wissenschaftlich zu arbeiten, ist das ein geradezu ungeheuerlicher Vorgang. 



Darüber hinaus behauptet Per Fink, die finanzielle Förderung seiner Studien durch z.B. Versicherungskonzern, Pharmaunternehmen, dänisches Arbeits- oder Gesundheitsministerium nehme keinen Einfluss auf seine Studien. Dabei ist es für jedermann offensichtlich, dass hier ein erheblicher Interessenkonflikt vorliegt. Doch der wird vehement verleugnet. Erst wird sich artig für die Zuwendung bedankt und im nächsten Satz jegliche Abhängigkeit bestritten. Wäre Per Fink nicht dank üppiger finanzieller Förderung so wirkmächtig, dass er gesundheitspolitische Weichen zulasten kranker Menschen stellen darf, und hätte er sich nicht zum willfährigen Handlanger von Staat, Versicherung und Pharmakonzern gemacht, würde man diese armselige Erklärung einfach nur lächerlich finden – Kindergartenniveau! „Hast du von der Schokolade genascht?“ „Nö, das ist bloß braune Tusche!“

Erst kürzlich brachten Fink und Kollegen eine Studie heraus, finanziert vom zweitgrößten skandinavischen Versicherer Tryg und vom dänischen Arbeitsministerium, die es Patienten mit medizinisch unerklärten Symptomen (MUS), wozu Fink ganz selbstverständlich organische Krankheiten wie ME und Fibromyalgiesyndrom zählt, künftig schwerer machen wird, Rentenansprüche durchzusetzen. [Loengaard et al, 2015] Sie warnen davor, dass MUS-Patienten ein erhöhtes Risiko für Langzeitkrankschreibungen, Arbeitslosigkeit und Erwerbsunfähigkeitsrente haben, „obwohl Arbeitnehmern mit MUS eine medizinische Diagnose fehlt.“ (Ü.d.A.) Kranken- und Sozialversicherer werden ermuntert, Arbeitnehmer mit MUS über dieses erhöhte Risiko aufzuklären und sie in Präventions- oder Reintegrationsprogramme zu stecken.

„Obwohl Arbeitnehmern mit MUS eine medizinische Diagnose fehlt“ – hoppla! Was wird denn diesen Arbeitnehmern unterstellt? Etwa Simulantentum? Oder eine psychische Störung? Und wie soll die Aufklärung seitens der Versicherer aussehen? Etwa indem man den kranken Menschen mit der Kürzung von Bezügen droht, wenn sie nicht das Reintegrationsprogramm absolvieren können?

Hier wird wieder einmal ganz bewusst die Desinformation gestreut, medizinisch unerklärlichen Symptomen liege keine organische Krankheit zugrunde. Doch medizinisch unerklärte Symptome sind in aller Regel nur so lange medizinisch unerklärlich, wie nicht nach ihren Ursachen geforscht wird. Anstatt Arbeitnehmer mit multiplen Beschwerden gründlich zu untersuchen und angemessen zu behandeln, sollen sie von desinformierten Ärzten abgewimmelt und sowohl aus der medizinischen als auch aus der sozialen Versorgung herausgedrängt werden. 

Das hat Methode. Denn es ist billiger, kranke Menschen mit medizinisch unerklärten Symptomen als Simulanten, Faulpelze, Rentenbetrüger und Sozialschmarotzer zu diffamieren und in die Armut zu stürzen als Krankheiten zu erforschen, die möglicherweise menschengemacht sind und, wenn das als Tatsache bestätigt würde, Milliarden an Schadensersatzzahlungen, Forschungsgeldern und Behandlungskosten verschlingen würden.

So verwundert es nicht, dass Per Fink, Steigbügelhalter einer solchen Politik, für die nächste Version der WHO-Krankheitsklassifikationen emsig an einer Umdefinition von ME und anderen organischen Krankheiten mit angeblich medizinisch unerklärten Symptomen arbeitet. Er schlägt vor, all diese Krankheiten im ICD-11 zu subsumieren und als Bodily Distress Syndrome (BDS) beziehungsweise Bodily Distress Disorders (BDD) unter der Kategorie „Psychische und Verhaltensstörungen“ zu verankern. Seine „Forschung“ zum BDS und zu MUS lässt Fink sich u.a. vom zweitgrößten skandinavischen Versicherer Tryg und vom dänischen Pharmazieunternehmen Lundbeck sponsern. Kernprodukte von Lundbeck sind – Überraschung! – Antidepressiva. Cipralex/Lexapro von Lundbeck ist laut Jahresreport 2008 des Konzerns das meistverschriebene Antidepressivum in Europa und den USA und mehr als 160 Millionen Menschen weltweit sind bereits damit behandelt worden.




Allein in 2013 erhielten Fink et al. für ihre Forschung zu den sogenannten Funktionellen Somatischen Syndromen (ein Synonym für MUS), von der Lundbeck Foundation 11,5 Millionen DKK  (umgerechnet ca. 1,5 Millionen Euro). Von TrygFonden bekamen Fink et al. im Jahr 2011 allein 3.155.480 DKK (mehr als 400.000 Euro) und eine weitere Zuwendung von 700.000 DKK (fast 100.000. Euro). Im Jahr 2012 waren es 3.336.458 DKK (ca. 450.000 Euro) und noch einmal 357.000 DKK (fast 50.000 Euro). Im Jahr 2013 sponserte TrygFonden Per Finks Forschungsgruppe mit 2.400.000 DKK (mehr als 300.000 Euro) und noch einmal mit 968.544 DKK (ca.130.000 Euro). Für eine dänische Multicenterstudie mit 10.000 Patienten, die an sogenannten funktionellen Störungen leiden, spendiert der TrygFonden insgesamt 10 Millionen Dollar (fast 8 Millionen Euro). An dieser Studie ist wieder Per Fink maßgeblich beteiligt. Bereits 2008 investierte TrygFonden 20 Millionen DKK (annähernd 2,7 Millionen Euro) und 2010 nochmal 28 Millionen DKK (mehr als 3,7 Millionen Euro) in die Erforschung der funktionellen Syndrome, an der federführend Per Finks Research Clinic for Functional Disorders and Psychosomatics in Aarhus beteiligt ist. [Voss, 2015] Die Liste von Zuwendungen ließe sich fortsetzen; doch es dürfte bereits deutlich geworden sein, dass eine Forschung wie die Per Finks, die finanziell in so erheblichem Maße vom Sponsoring eines Versicherers und eines Psychopharmakaherstellers abhängig ist, nicht objektiv und neutral und frei von Interessenkonflikten sein kann.

Es liegt auf der Hand, dass so mächtige Sponsoren auf das Ergebnis der Forschungsarbeiten Einfluss nehmen, und wenn auch nur in der Weise, dass die Geldgeber sich jemanden wie Fink aussuchen, der ihnen die passenden Forschungsresultate für ihren ökonomischen Vorteil liefert. Und genau hier unterscheidet sich Per Fink abermals von Peer Gynt, dem Titelhelden des dramatischen Gedichts. Denn während Peer Gynt, neben Goethes Faust der zweite große Forscher der europäischen Dramatik, auf der Suche nach seinem Kern, seiner Bestimmung und dem, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, wie es Faust formuliert, bis zum Schluss ein Suchender bleibt, ist Per Fink ein Findender, bei dem das Ergebnis seiner Suche bereits im vorhinein feststeht.

Deshalb versinnbildlicht die Zwiebel, die Peer Gynt in der berühmtesten Szene der norwegischen Dichtung schält, wobei er zu der verzweifelten Erkenntnis gelangt, ebenso wie die Zwiebel aus lauter Hüllen zu bestehen und keinen Kern, kein Inneres, keine Substanz zu besitzen, auch Per Finks Forschung. Finks Forschung besteht nämlich, analysiert man sie genauer, nur aus lauter Hüllen, die verbergen sollen, dass sie keinen Kern, keine Substanz, keinen Wahrheitsgehalt besitzt.




Doch leider belässt es Per Fink nicht bei der Absonderung grauer Theorie, die für sich genommen schon zunehmend einschneidende Konsequenzen für chronisch kranke Menschen hat – und das nicht nur in Dänemark. Um zu „beweisen“, dass z.B. ME eine mentale Erkrankung und aus diesem Grund eine Umklassifizierung gerechtfertigt ist und psychiatrische Behandlungsrichtlinien für diese Krankheit angezeigt sind, schickt er seine Mitarbeiter auf Beutezug durchs Land, um die Wehrlosesten unter den ME-Patienten für seine psychiatrischen Experimente einzukassieren.

Prominentes Beispiel ist die junge, schwerkranke ME-Patientin Karina Hansen, die im November ihren dritten Geburtstag in Folge in psychiatrischer Gefangenschaft verbringen muss. Wie es dazu kam und wie sich Karinas Zustand in den letzten zweieinhalb Jahren unter dem psychiatrischen Behandlungsregime dramatisch verschlechtert hat, dazu mehr im nächsten Blogeintrag.

Quellen:

Per Fink, Andreas Schröder: Brief an den Herausgeber zum IOM-Report Redefining Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome, JAMA, July 7, 2015, Volume 314, Number 1, S. 85

Katja Loengaard, Jakob Bue Bjorner, Per Klausen Fink, Hermann Burr and Reiner Rugulies: Medically unexplained symptoms and the risk of loss of labor market participation – prospective study in the Danish population, BMC Public Health 2015, 15:844 doi:10.1186/s12889-015-2177-4

Katharina Voss: ME – Myalgische Enzephalomyelitis vs. Chronic Fatigue Syndrom: Fakten Hintergründe Forschung, Monsenstein & Vannerdat 2015, S. 279, zit. n. „Lundbeck Foundation – 2013 Annual Report“ http://issuu.com/lundbeckfonden/docs/lf2013uk-report?e=2685121/7552383#search  (Abruf 16.01.15) und Trygfonden http://www.trygfonden.dk/  (Abruf 16.01.15)


Bildnachweise:

Georgios Jakobides Kou-Kouwww.commons.wikimedia.org
Quentin Massys, Der Geldwechsler und seine Frau, Detail, www.commons.wikimedia.org 
Giuseppe Arcimboldo, Der Gemüsehändler, www.commons.wikimedia.org

Katharina Voss, Copyright 2015


Montag, 21. September 2015

Lufthunger!


Lufthunger ist ein Symptom, das wohl den meisten ME-Patienten nur allzu bekannt sein dürfte. Je schwerer die Erkrankung, desto häufiger scheint dieses Phänomen, das auch als Luftnot, Atemnot, Kurzatmigkeit, mühsame Atmung, Dyspnoe oder Atemlosigkeit umschrieben wird, aufzutreten. Dieses Symptom gehört zu den ME-typischen Beeinträchtigungen in Energieproduktion und –transport, und zwar zur Unterkategorie der respiratorischen Störungen. Es ist eines der als besonders unangenehm empfundenen Symptome, weil es angsteinflößend sein kann und bei manchen Patienten sogar einen Panikanfall auslöst.

Die gute Nachricht ist, dass es ein kleines Wundermittel dagegen gibt und das auch noch gratis!
Doch der Reihe nach. Denn zunächst einmal ist es wichtig zu verstehen, wodurch dieser Lufthunger entsteht und welche physiologischen Vorgänge dahinterstecken.

ME-Patienten haben oft das subjektive Gefühl, nicht genügend Luft, nicht ausreichend Sauerstoff zu bekommen. Sie spüren aber auch, dass ihre Glieder und das Gewebe tatsächlich sauerstoffunterversorgt sind und reagieren auf den Mangel mit betont tiefen Atemzügen, mit Gähnen, Seufzen, Hüsteln und Luftschlucken oder aber auch mit einer flachen, schnellen Atmung.

Doch die schnelle Atmung durch den Mund und ebenso auch das tiefe Atemholen führen zu zahlreichen unangenehmen und beeinträchtigenden Symptomen wie Schwindel, Benommenheit, Zittern, Sehstörungen, Blähungen, Aufstoßen, Bauchschmerzen, Schluckstörungen, Muskelkater, Muskelzucken, Muskelspasmen, Krämpfen, Missempfindungen, Kribbeln und Taubheit der Hände und Füße und rund um den Mund herum, zu Panikattacken und sogar Ohnmachtsanfällen. Viele ME-Patienten können auch über ein lebhaftes Traumgeschehen und Albträume berichten und nicht wenige wachen häufiger mal mit eingeschlafenen Gliedern oder mit verkrampften Händen in der sogenannten „Pfötchenstellung“ auf.


 

Diese Symptome werden durch Hyperventilation ausgelöst, die bei ME-Patienten auch im Schlaf auftritt. Die gesteigerte Atemtätigkeit führt zu einer gesteigerten Lungenbelüftung. Dadurch erhöht sich der Sauerstoffgehalt des Blutes, während der Kohlendioxidgehalt sich vermindert, was zu den aufgezählten Symptomen führen kann. Die Verminderung des Kohlendioxidgehaltes im Blut bewirkt nämlich, dass sich der Sauerstoff fester an das Hämoglobin in den roten Blutkörperchen bindet, was den Sauerstofftransport ins Gewebe verschlechtert.

Um aber den Sauerstofftransport ins Gewebe zu verbessern, muss man weniger einatmen und mehr ausatmen, obwohl das subjektive Gefühl genau das Gegenteil suggeriert. Es klingt also zunächst paradox. Doch erst die Normalisierung der Kohlendioxidkonzentration sorgt für eine Verbesserung der Sauerstoffversorgung des Gewebes.

Eine zu niedrige Konzentration hingegen lässt den ph-Wert des Bluts ansteigen und verursacht eine sogenannte respiratorische Alkalose. Weil durch die gesteigerte Atmung zu viel Kohlendioxid abgegeben wird, steigt der ph-Wert des Bluts auf über 7,45 an, was dann eine Verringerung des Kohlenstoffdioxidpartialdrucks (pCO2) unter 35 mmHG mit sich bringt. Dieses als Hypokapnie bekannte Phänomen führt zu einer Verengung der Gefäße im Gehirn. Die Gefäßverengung hat eine Minderdurchblutung zur Folge, die wiederum eine mangelnde Versorgung des Gewebes mit Sauerstoff nach sich zieht und zum Beispiel Benommenheit, kognitive Dysfunktionen, geistige Erschöpfung, Schmerzen, Panikattacken verursachen kann. Allesamt Symptome, die den ME-Patienten nur allzu geläufig sind!

Eine Blutgasanalyse würde bei vielen der schwerer an ME-Erkrankten eine solche respiratorische Alkalose offenbaren. Man wird bei ihnen feststellen können, dass der ph-Wert erhöht und pCO2 erniedrigt ist. ME-Kranke sind alkalotisch, zumindest die schwerer Betroffenen. Dabei müssen die Patienten nicht einmal Anzeichen eines akuten schweren Hyperventilationsanfalls erkennen lassen, obwohl auch der hin und wieder vorkommen kann. Doch meistens haben die ME-Patienten mit den unspezifischeren, nichtsdestotrotz unangenehmen und behindernden Symptomen einer chronischen Hyperventilation zu kämpfen.

Wie kann man aber die Sauerstoffversorgung des Gewebes verbessern?

Die amerikanische Ärztin und ME-Spezialistin Jamie Deckoff-Jones schwört auf hohe Dosen gepulster normobarer und hyperbarer Sauerstoffzufuhr. D.h. die Sauerstoffkonzentration wird verringert durch Zufuhr von Kohlendioxid (normobare Hypoxie) im Wechsel mit der Zufuhr von hyperbarem Sauerstoff (hyperbare Oxygenierung, HBO). Über eine Atemmaske wird dabei abwechselnd sauerstoffarme Luft, die sogenannte dünne Höhenluft, und sauerstoffreiche Luft eingeatmet. Die sauerstoffarme Luft regt den Körper an, vermehrt rote Blutkörperchen zu bilden. Dadurch verbessern sich die Sauerstoffaufnahme, der Sauerstofftransport zum Gewebe und die Sauerstoffverwertung in den Zellen.

Die intermittierende Hypoxie, wie dieses Verfahren auch genannt wird, trägt zur Regeneration und Aktivierung der „Kraftwerke“ der Zellen, der Mitochondrien, bei. Leistungsfähige Mitochondrien sind die entscheidende Voraussetzung für einen gesunden Stoffwechsel, da alle wichtigen Stoffwechselprozesse wie Fett-, Energie-, Eiweiß- und Kohlenhydratstoffwechsel über die Mitochondrien abgewickelt werden.
Neben der Verbesserung der mitochondrialen Funktion kann sich diese Therapie auch positiv auf das Immunsystem und Entzündungsprozesse auswirken.

Auch Dr. Paul Cheney, Zeuge der ME-Epidemie am Lake Tahoe, verschrieb Sauerstofftherapie, nachdem er einen Referenten auf einer internationalen Konferenz in London seinen Vortrag mit der Feststellung einleiten hörte, „CFS“-Patienten seien alkalotisch. Dieselbe Beobachtung hatte Cheney schon seit Jahren in seiner Praxis gemacht, ihr jedoch weiter keine Bedeutung zugemessen.

Aber obwohl viele seiner Patienten diese Therapie als hilfreich empfanden, wurde sie ihnen auf die Dauer zu teuer und zu umständlich und bei manchen Patienten blieb der positive Effekt nach ein paar Monaten Behandlung aus. Nicht lange nach Einführung dieser Therapie entdeckte Cheney auch schon ihren Schwachpunkt: Die Alkalose lässt den 2,3-Bisphosphoglycerat-Spiegel (2,3-BPG) absinken, ein Problem, das sich auch durch seine Sauerstofftherapie nicht beheben ließ, ja, zuweilen sogar durch sie noch verschärft wurde, nämlich dann, wenn die Patienten versehentlich zuviel Sauerstoff inhaliert hatten. 2,3-BPG sorgt dafür, dass der ans Hämoglobin gebundene Sauerstoff freigegeben wird und ins Gewebe eindringen kann. Zu wenig 2,3-BPG verhindert die Abgabe von Sauerstoff an die Zellen. Diese Sauerstoffunterversorgung lässt den Körper auf einen anäroben Stoffwechsel umschalten, mit der Folge einer schmerzhaften Übersäuerung des Gewebes, was wiederum die Alkalose verstärkt, die dann den 2,3-BPG-Spiegel noch weiter absinken lässt. Ein Circulus vitiosus!




Doch wie kann man nun den 2,3-BPG-Level anheben, um den Sauerstofftransport vom Blut ins Gewebe zu gewährleisten?

Schauen wir uns an, wie Sportler ihre körperliche Leistungsfähigkeit steigern. Sportler machen sich die Anpassungsleistung des Körpers an den Sauerstoffmangel der Höhenluft zunutze. Denn beim Höhentraining gleicht der Körper den niedrigen Sauerstoffgehalt der dünnen Luft durch Anhebung des 2,3-BPG-Spiegels aus, so dass mehr Sauerstoff im Körper freigesetzt wird. Wenn diese Sportler dann ihre Wettbewerbe in den Niederungen antreten, sind ihre Körper immer noch auf die Höhenluftverhältnisse eingestellt, weshalb ihr Gewebe im Vergleich zu dem anderer Sportler, die kein Höhentraining absolviert haben, mit Sauerstoff geflutet ist.

Inspiriert vom Höhentraining der kenianischen Marathonläufer besann sich Dr. Cheney auf eine 3000 Jahre alte Methode, die Sauerstoffversorgung zu optimieren. Es handelt sich um eine einfache Atemübung aus der Yogatechnik, die dem Körper ein Höhenklima vorgaukelt, was eine Anhebung unseres 2,3-BPG-Levels und damit einen verbesserten Sauerstofftransport ins Gewebe bewirkt.

1.     Atmen Sie vier Sekunden durch die Nase ein
2.     Halten Sie Ihren Atem sieben Sekunden an
3.     Atmen Sie acht Sekunden durch Ihre fest geschürzten Lippen, die so einen Gegendruck erzeugen, aus
4.     Praktizieren Sie das viermal hintereinander, zweimal täglich, jeden Tag

Halt, stopp!
Bevor Sie mit dem Training beginnen, gebe ich Ihnen ein paar Tipps mit auf den Weg. So simpel diese Atemübung auf den ersten Blick wirkt, kann man doch einiges dabei falsch machen, was dazu führen wird, dass Sie diese Übung als ungeeignet verwerfen werden. Als jemand, der 20 Jahre als Schauspielerin und fast 15 Jahre lang als Sprechtechniktrainerin und Auftrittscoach gearbeitet hat und über dementsprechend viel Erfahrung mit den Problemen, die bei der Vermittlung von Atemtechniken entstehen können, verfügt, bin ich nicht verwundert, dass diese Atemübung in Patientenkreisen weitgehend unbekannt ist, denn hier wird – ohne weitere Erklärung – zuviel an Basiswissen über Atemtechnik vorausgesetzt.

Viele Menschen, egal ob gesund oder krank, sind sich nicht darüber bewusst, ob sie mithilfe von Brust- oder Bauchatmung atmen. Da wir in aller Regel die Atmung nicht bewusst steuern, lassen wir sie einfach geschehen, den Körper also das machen, was er gewohnt ist zu tun. Für diese Übung benötigen wir jedoch die Bauchatmung, denn wenn wir hier die Brustatmung einsetzen würden, könnten wir leicht ins Hyperventilieren geraten. Doch die Anforderungen eines stressigen Alltags haben viele die Bauchatmung verlernen lassen, so dass die Notwendigkeit besteht, sie wieder in Erinnerung zu rufen.

Untersuchen wir zunächst, was mit unserem Atem passiert, wenn wir uns zur Ruhe legen. Legen Sie sich dazu auf den Rücken, Beine ausgestreckt, Arme parallel neben den Körper und schließen Sie Augen. Lassen Sie nun den Atem ganz passiv in die Nase ein- und ausströmen. Lassen Sie die Atmung einfach geschehen. Vergessen Sie bitte die Worte „atmen“, „Atemholen“, „Luftholen“ und „einatmen“. Lassen Sie einfach nur ganz unspektakulär die Luft durch die Nase ein- und ausströmen. Beobachten Sie dabei dennoch aufmerksam, was beim Einströmenlassen der Luft und was beim Ausströmenlassen mit Ihrem Körper passiert. In welchem Bereich bewegt sich etwas in Ihrem Körper? Ändert sich der Bereich, wo sich etwas bewegt, wenn Sie allmählich zur Ruhe gekommen sind? In welche Richtung bewegt sich was beim Einströmenlassen und in welche beim Ausströmenlassen der Luft?

Viele von Ihnen werden unmittelbar nach dem Hinlegen die Erfahrung machen, dass sich zunächst hauptsächlich der Brustkorb beim Ein- u. Ausströmenlassen der Luft hebt und senkt. Doch wenn Sie dann zur Ruhe gekommen sind, verlagert sich das Atemgeschehen in den Bauch. Beim Einströmenlassen hebt sich dann die Bauchdecke und beim Ausströmenlassen senkt sich die Bauchdecke. Eine banale Erkenntnis, doch für die in Atemtechniken Ungeübten eine wertvolle Erkenntnis und es wird eine Zeitlang brauchen, bis auch der Körper „begriffen“ und sich diesen Vorgang als Automatismus „einverleibt“ hat.

Machen Sie die Atemübung also erst dann, wenn Sie zur Ruhe gekommen sind. Beginnen Sie immer aus der sogenannten Atemmittellage heraus. Das bedeutet nichts weiter, als nie extra nach Luft zu schnappen und immer den Atem durch die Nase kommen zu lassen. Auch Dr. Sarah Myhill, die britische Expertin für mitochondriale Dysfunktionen, empfiehlt, stets durch die Nase zu atmen, langsamer zu atmen und weniger tief einzuatmen.

Diejenigen, die Probleme haben, eine Lippenspannung herzustellen – und das sind erfahrungsgemäß gar nicht so wenige –, können einfach „Hasenzähnchen“ machen, so dass beim Ausblasen der Luft der Reibelaut „fffffff“ zu hören ist. So entsteht automatisch ein Gegendruck. Oder Sie pressen die Zungenspitze hinter Ihre oberen Schneidezähne, was den gleichen Effekt hat.





Allen Ungeübten rate ich, die Übung abzukürzen, denn es könnte Sie überfordern, sieben Sekunden lang die Luft anzuhalten und acht Sekunden lang auszuatmen. Sie sollten die Übung auch nicht gleich achtmal hintereinander machen, sondern allenfalls zweimal. Steigern Sie das Training ganz langsam und auch erst dann, wenn es Sie nicht mehr so viel Kraft kostet. Als Faustregel gilt, wenn Sie sich wohl mit der Übung fühlen, können Sie nach etwa einem Monat täglichen Trainings bis zu maximal acht Atemzyklen hintereinander durchführen. Wenn Sie merken, dass Ihnen die Übung gut tut, dürfen Sie dann auch mehrmals täglich eine Trainingseinheit absolvieren.

1.     Lassen Sie alle Luft aus dem Mund mit einem „Whoosh“ heraus
2.     Lassen Sie die Luft zwei Sekunden durch die Nase einströmen (Bauch füllt sich mit Luft)
3.     Halten Sie Ihren Atem drei Sekunden an
4.     Lassen Sie die Luft vier Sekunden durch Ihre fest geschürzten Lippen, die so einen Gegendruck erzeugen, ausströmen (Bauch wird immer flacher, bis er ganz einzogen ist)
5.     Praktizieren Sie das höchstens zweimal hintereinander, zweimal täglich, jeden Tag

Vergessen Sie nicht, Ihren Bauch wieder „loszulassen“, wenn Sie alle Luft abgeatmet haben, so dass er automatisch wieder nach vorne schnellt. Während der Bauch nach vorne schnellt, beginnt bereits die Einströmphase, also beginnen Sie dabei schon mit dem Sekundenzählen. Wenn Sie alles richtig gemacht haben, werden Sie kein Schwindelgefühl verspüren. Sollte Ihnen ein bisschen schwindlig sein, so ist das auch kein Drama. In diesem Fall haben Sie nicht genügend Luft abgeatmet. Umschließen Sie Mund und Nase mit beiden Händen und atmen Sie eine Zeitlang in Ihre hohlen Hände hinein, bis das Schwindelgefühl nachgelassen hat.
 
Sie können diese Übung immer und überall machen, nur bitte nicht in gekrümmter Haltung, weil dann der Bauch eingeklemmt und damit die Bauchatmung behindert wird. Sie können dabei also entweder liegen oder aufrecht sitzen oder aufrecht stehen.
Trainieren Sie bitte nie mit vollem Bauch! Lassen Sie nach einer kleinen Mahlzeit mindestens 1-1 ½ Stunden, nach einer Hauptmahlzeit 2-3 Stunden verstreichen, bevor Sie mit dem Atemtraining beginnen.

Aber was tun, wenn Sie nicht zur Ruhe kommen können? Wenn das Herz rast oder Sie schon kräftig am Hyperventilieren sind? 

Gegen Anfälle von Herzrasen empfiehlt die Kinderkardiologie der Charité, das Herz „zu erschrecken“, und zwar beispielsweise mit der „Bauchpresse: Tief Einatmen, Luft anhalten, Zwerchfell nach unten drücken wie beim Stuhlgang und Pressen“. [1]




Wenn Sie unruhig sind und ständig das Bedürfnis verspüren, tief Luft zu holen, andauernd gähnen, seufzen, hüsteln oder rülpsen müssen, oder auch wenn Sie flach und schnell durch den Mund atmen, dann atmen Sie, wie beschrieben, in Ihre hohlen Hände hinein, die sowohl Mund als auch Nase bedecken sollten. Auf diese Weise reduzieren Sie die Sauerstoffaufnahme und atmen stattdessen Ihr abgeatmetes Kohlendioxid wieder ein. Das können Sie so lange machen, bis sich Ihr Atem beruhigt hat, denn – anders als beim Benutzen einer Plastiktüte – ist diese Methode völlig harmlos.

Ob die unwillkürliche Geste, sich entsetzt, erschrocken oder freudig überrascht die Hände vors Gesicht zu schlagen, die auch als Redewendung Eingang in unsere Sprache gefunden hat, eine Art Selbstberuhigungsreflex sein könnte, um die aufgeregte Atmung zu stoppen? Eine rein spekulative Überlegung. Sie dürfen aber auch ohne emotionalen Anlass diese Methode ruhig öfter mal anwenden, denn mit diesem Trick beruhigen Sie ihre Atmung und erzeugen künstlich ein Höhenklima.

Doch auch bei täglichem Training wird es etwa zwei bis drei Monate dauern, bis sich Ihre 2,3-BPG-Level angepasst haben und Sie von einer besseren Sauerstoffversorgung profitieren werden. Wenn Sie die Atemübung regelmäßig machen, wird sich der Sauerstofftransport aber nach und nach verbessern ebenso wie der zelluläre Energielevel. Eine bessere Sauerstoffversorgung hilft dem Körper darüber hinaus, Kandidosen und andere Pathogene in Schach zu halten. Auch dem Anschwellen des Gehirns wegen Sauerstoffmangels kann auf diese Weise vorgebeugt werden.  

Dr. Andrew Weil, Professor der Medizin an der Universität von Arizona und ein Vertreter der Integrativen Medizin, hält diese Atemübung sogar für eine der wirkungsvollsten Behandlungen chronischer Krankheiten. Dem Vergleich mit einer professionellen intermittierenden Hypoxie-Behandlung via Atemmaske hält sie offenbar stand, denn sie ist einfacher zu handhaben, sie kostet nichts und ist effektiver, und man kann dabei nicht versehentlich eine Überdosis Sauerstoff abbekommen.

Denn hyperbarer Sauerstoff kann auch schlimme Folgen für manch einen ME-Patienten haben. Eine Überdosierung kann beispielsweise den Patienten – laut Dr. Cheney – auf dem Operationstisch ins Jenseits befördern. Nach Cheneys Auffassung sollte Sauerstoff nicht in die Zellen transportiert werden, wenn diese keine effektive Verteidung gegen eines seiner Abfallprodukte zur Verfügung haben. Als Abfallprodukte entstehen neben Kohlendioxid freie Sauerstoffradikale, die, wenn sie überhand nehmen, oxidativen Stress auslösen und Zellstrukturen, Eiweiße und Erbinformation schädigen. Wenn unser Körper nicht genügend Radikalfänger – Antioxidantien – bilden kann, was bei der Krankheit überwiegend der Fall ist, sind wir diesen freien Radikalen schutzlos ausgeliefert. So wird deutlich, dass eine künstliche Zufuhr von hyperbarem Sauerstoff eventuell auch Gefahren mit sich bringen könnte. Doch das alles kann bei der vorgestellten Selfmade-Methode nicht passieren, denn sie stärkt die mitochondrialen Funktionen, ohne sie versehentlich dabei zu beschädigen.

(Dr. Deckoff-Jones teilt übrigens Dr. Cheneys These, ME-Patienten litten unter Sauerstofftoxizität, nicht. Sie vertritt die Auffassung, milde hyperbare Oxygenierung sei von großem Nutzen und sehr risikoarm, wenn man bei der Handhabung von Profis angeleitet würde. Selbst wenn mehr freie Radikale als üblich durch die Behandlung produziert würden, sei diesem Problem mit der Verabreichung von Antioxidantien gut beizukommen. Hier wäre z.B. u.a. die Verabreichung von N-Acetyl-L-Cystein und S-Acetylglutathion, einer stabilen Form des Glutathions, das den Magen-Darm-Trakt unversehrt passieren und vollständig vom Blut aufgenommen werden kann, denkbar.)

Um einem etwaigen Missverständnis zuvorzukommen: Dieses Atemtraining ist kein Wundermittel gegen ME und es wird Sie leider nicht kurieren. Aber es könnte helfen, Ihren Lufthunger zu reduzieren, die Symptome der respiratorischen Alkalose zu lindern, die Atmung zu erleichtern und vielleicht bei einigen Patienten sogar dauerhaft zu verbessern, die Sauerstoffaufnahme in den Zellen zu optimieren und den Symptomen der Hyperventilation präventiv zu begegnen. Es kann Ihnen also möglicherweise auf Dauer einen guten Dienst erweisen, doch nur einige wenige Glückliche werden durch regelmäßiges Training eventuell ihr Energielevel wieder ein wenig anheben können, ihr Nervensystem beruhigen, ihre Schlafqualität verbessern, Blutdruck und Herzschlagrate günstig beeinflussen und ihre Verdauung unterstützen können.

Ein letzter Tipp: Bevor Sie sich ins Atemtraining stürzen und meinen Empfehlungen folgen, lesen Sie sich bitte noch einmal den Disclaimer durch und holen Sie den Rat Ihres behandelnden Arztes ein!

[1] Zitiert aus „Herzrasen“, Website der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Kardiologie, Charité  

Literaturverzeichnis:

1 Dr. Cheney's Oxygen Treatment
2 Paul R. Cheney:  Oxygen Toxicity as a Locus of Control for Chronic Fatigue Syndrome
http://forums.prohealth.com/forums/index.php?threads/cheney-oxygen-toxicity-may-determine-outcome-in-cfs.195806/
3 Dr. Jamie Deckoff-Jones: Oxygen Primer
4 Dr. Jamie Deckoff-Jones: More Oxygen
5 Dr. Jamie Deckoff-Jones: Recovery post-XMRV
6 Mikie: Dr. Cheney's Breathing Technique
7 Dr. Sarah Myhill: Hyperventilation – makes you feel as if you can`t get your breath
8 Carol Sieverling: DR. CHENEY: Increase Your Oxygen Intake
9 Dr. Andrew Weil: Breathing Exercises: 4-7-8 Breath
10 Margaret Williams: Klimas, Wessely and NICE: Redefining CBT? 10th November 2006  
http://www.meactionuk.org.uk/Klimas_Wessely_and_NICE_-_Redefining_CBT.htm 

Bildnachweise:

Johann Heinrich Füssli, Nachtmahr, www.commons.wikimedia.org
Jacek Malczewski, Der Teufelskreis, www.commons.wikimedia.org
Sandro Botticelli, Die Geburt der Venus, Detail, www.commons.wikimedia.org
Eugène Delacroix, Vor dem Blitz scheuendes Pferdwww.commons.wikimedia.org 

Katharina Voss, Copyright 2015




  
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Freitag, 11. September 2015

Die somatoforme Störung – ein Witz?


(VorbemerkungDie Myalgische Enzephalomyelitis – hierzulande meist unzutreffend als „Chronisches Erschöpfungssyndrom“ oder „CFS“ bezeichnet – wird häufig fälschlich als eine sogenannte somatoforme Störung angesehen und auch so diagnostiziert und therapiert. In meinem Buch behandele ich dieses Problem ausführlich und zeige auf, weshalb eine ME-Erkrankung nicht mit einer der somatoformen Störungen kompatibel ist.)


Kennen Sie den?

Fragt der Pfarrer im Religionsunterricht: „Was ist das? Es ist rot, hat einen buschigen Schwanz und springt von Baum zu Baum?“

Meldet sich Klein-Fritzchen: „Normalerweise würde ich sagen, es ist ein Eichhörnchen, aber wie ich den Laden hier kenne, ist`s bestimmt mal wieder der liebe Herr Jesus!“

Was hat aber dieser niedliche Witz mit den sogenannten „Somatoformen Störungen“ zu tun?

Nach der Definition sind das zentrale Merkmal einer somatoformen Störung körperliche Beschwerden, die auf einen medizinischen Krankheitsfaktor hindeuten, ohne dass jedoch eine hinreichende medizinische Erklärung für diese Beschwerden gefunden wird.

Und da liegt auch schon gleich der Hase im Pfeffer. Denn wie soll man ausschließen, dass es nicht doch eine Erklärung für die Beschwerden gibt? Die Ursache der Beschwerden ist ja nur nicht gefunden worden, was nicht heißt, dass sie nicht existiert. Oder aber sie ist gefunden worden, wurde jedoch vom Arzt als nicht ausreichend betrachtet, die Beschwerden zu begründen.




Würde der Arzt nun naturwissenschaftlich vorgehen, läge es nahe, die eigenen Untersuchungs- und Messmethoden in Frage zu stellen. Genau das aber verweigert der Psychosomatiker dem Patienten. Er erklärt seine Untersuchungs- und Messmethoden (bzw. die der Voruntersucher) zu den einzig objektivierenden und seine rein subjektive Einschätzung, dass die eventuell vorhandene Ursache nicht die Stärke und Dauer der Beschwerden erkläre, zu der einzig richtigen.

Darüber hinaus verweigern viele Psychosomatiker dem Patienten auch noch den Nachweis einer Verbindung seiner Beschwerden mit „psychischen Faktoren“, „mit belastenden Ereignissen oder Problemen“ oder „mit emotionalen Konflikten oder psychosozialen Belastungen […], denen die Hauptrolle für Beginn, Schweregrad, Exazerbation oder Aufrechterhaltung der Schmerzen“ zukommen müsste bei korrekter Diagnosestellung einer somatoformen Störung nach ICD-10-GM.

Im Klartext bedeutet das, dass vielen Psychosomatikern der somatische Negativbefund genügt und sie einen psychischen Positivbefund für die Stellung einer Psychodiagnose als überflüssig erachten.

Die Diagnose einer somatoformen Störung, die auf diesem Wege zustande kommt, bleibt also nichts weiter als die bloße Behauptung, dass keine hinreichende Ursache für die Beschwerden existiere, gestützt auf die reine Unterstellung, dass der Patient unverarbeitete psychische Konflikte haben müsse, die zu seiner Symptomatik geführt haben werden.

Dem Patienten wird damit ein psychosomatisches Etikett aufgeklebt, das nichts, absolut gar nichts darüber aussagt, woran dieser Patient nun wirklich leidet. Ein nur halbwegs gescheiter Arzt ist immerhin fähig, eine Blinddarmentzündung zu diagnostizieren, wenn der Patient ein paar typische Blinddarmentzündungssymptome darbietet wie Schmerzen im rechten Unterbauch, vor allem beim Gehen und beim Anheben des rechten Beines, eine angespannte Bauchdecke, Fieber und Übelkeit.

Ein Psychosomatiker läuft jedoch leicht Gefahr, die richtige Diagnose zu verkennen und dem Patienten fälschlich das Etikett einer somatoformen Störung zu verpassen – mit zuweilen gravierenden Folgen. Denn die Fixierung auf derartige Diagnosen lädt zu dem falschen Schluss ein, der Patient leide unter seinen Beschwerden, weil er eine somatoforme Störung habe.

Doch eine solche Schlussfolgerung ist das logische Äquivalent zu der sinnfreien Feststellung, der Patient leide an seinen Beschwerden, weil er an seinen Beschwerden leide.

Solange es keine Marker für somatoforme Störungen gibt und keinen zweifelsfreien Nachweis einer Verbindung der Beschwerden zu einem emotional oder psychisch belastenden Konfliktgeschehen, ist die Diagnose einer sogenannten somatoformen Störung nichts weiter als heiße Luft, ein bloßes Label, das nichts erklärt und nicht einmal etwas zu erklären versucht und dessen Hauptmerkmal Beliebigkeit ist.

Das Label trägt dabei keineswegs zur ursächlichen Abklärung der Beschwerden des Patienten bei und führt deshalb auch nicht zu einer angemessenen Therapie mit der Aussicht auf Besserung oder gar Heilung, sondern es dient einzig und allein der Kostenentlastung des Gesundheitssystems, der Aufrechterhaltung eines Berufstands, nämlich dem der Psychosomatiker, und der Aufrechterhaltung der Fassade des allwissenden Arztes, der mithilfe dieses Labels seine Machtposition gegenüber dem Patienten sichert und der unangenehmen Aufgabe enthoben wird, seine Rat- und Hilflosigkeit zugeben zu müssen.




Das starrsinnige Festhalten so zahlreicher Psychosomatiker an ihrer Deutungshoheit und das Auskosten ihrer Machtposition gegenüber dem Kranken haben sich mit der fortschreitenden kostensparenden Verschlankung des Gesundheitssystems bedauerlicherweise zu besonderen Charakteristika vieler dieser Fachrichtung Zugehörigen entwickelt – ganz entgegen den Bestrebungen ihrer einstigen Begründer, wie z.B. Thure von Uexküll.

Doch ihre inflationäre Vergabe solcher nichtssagenden und dennoch stigmatisierenden Diagnosen, denen sich so mancher Psychosomatiker aus dem Füllhorn der Beliebigkeit zu bedienen scheint, höhlt auf die Dauer dann doch die Autorität eines derart überheblichen Diagnostikers aus und nährt langsam, aber stetig die Zweifel auch des genügsamsten und eingeschüchtertsten Patienten.

Im Grunde geben Psychosomatiker dieses Schlages sich selbst der Lächerlichkeit preis. Womit wir wieder bei dem Klein-Fritzchen-Witz angelangt wären, den man in Anbetracht der für die Patienten so schmerzlich spürbaren Allmachtsfantasien und Omnipotenzbestrebungen etlicher Psychosomatiker auch so abwandeln könnte:

Fragt der Professor für Psychosomatik die Studenten bei der Visite: „Welche Verdachtsdiagnose würden Sie diesem Patienten geben: Er hat Schmerzen im rechten Unterbauch, vor allem beim Gehen und beim Anheben des rechten Beines, eine angespannte Bauchdecke, Fieber und Übelkeit?“

Meldet sich Student Fritz: „Normalerweise würde ich sagen, es ist eine Blinddarmentzündung, aber wie ich den Laden hier kenne, ist`s bestimmt mal wieder eine somatoforme Störung!“


Mehr zu diesem Thema und den Hintergründen in meinem Buch.

Bildnachweise:

Pieter Boel, Stillleben mit totem Hasen, www.commons.wikimedia.org
André Brouillet, Une leçon clinique à la Salpêtrière, www.commons.wikimedia.org



Katharina Voss, Copyright 2015