Donnerstag, 20. Oktober 2016

PACE Trial? – Move along folks!




Die PACE Trial war eine große britische Studie, die die Effektivität von drei verhaltenstherapeutischen Interventionen für Patienten mit „CFS“ miteinander verglich: Kognitive Verhaltenstherapie (CBT) mit dem Ziel, sogenannte falsche Krankheitsüberzeugungen und Furcht-Vermeidungsverhalten zu überwinden, stufenweise gesteigertes Bewegungstraining (Graded Exercise Therapy = GET), um einer vermuteten Dekonditionierung und Trainingsintoleranz entgegenzuwirken, und Adaptive Pacing-Therapie (APT) mit dem Ziel, ein ökonomisches und ressourcenschonendes Energiemanagement zu erlernen, um eine Verschlechterung der Symptomatik zu vermeiden und so die Chancen auf eine Remission zu erhöhen. Alle Patienten dieser drei Studienarme erhielten zusätzlich eine fachärztliche Versorgung. Als Kontrollgruppe diente eine Gruppe von Patienten, die ausschließlich fachärztlich versorgt wurden und keine Zusatztherapie erhielten. [White et al., 2011]

Die Autoren der PACE Trial kamen zu dem Schluss, CBT und GET, ergänzt durch eine fachärztliche Versorgung (SMC), seien die effektivsten Therapien und mit ihnen könne eine moderate Verbesserung einer „CFS“-Erkrankung erzielt werden. APT hingegen sei keine effektive Ergänzung zu SMC. CBT und GET seien ebenso sicher wie APT, doch dieser deutlich überlegen. Deshalb sollten Patienten mit „CFS“ zusätzlich zu einer fachärztlichen Versorgung CBT oder GET angeboten werden.

Die vorgelegten Ergebnisse machten die PACE Trial zum mächtigsten Grundpfeiler der von Psychiatern und Psychosomatikern vertretenen Hypothese, dass „CFS“ und ME lediglich auf sogenannten falschen Krankheitsüberzeugungen, Furcht-Vermeidungsverhalten, Trainingsphobie und Dekonditionierung beruhen. Deshalb wurden die PACE-Resultate weltweit von den Verfechtern des biopsychosozialen Krankheitsmodells, zu denen v.a. auch wichtige Entscheidungsträger wie Ärzteverbände, Kranken-, Renten- und Sozialversicherer gehören, freudig begrüßt und haben international und unverzüglich in diverse Behandlungsleitlinien Eingang gefunden. ["Can scientific evidence be valid if irrelevant to patients?" 2016]

Denn Ärztebudgets, Gesundheitskassen und die Kassen von Renten- und Sozialversicherern werden durch kostengünstige Therapien wie CBT und GET entlastet. Noch billiger kommen die deutschen Krankenkassen weg, weil die Autoren der DEGAM-Leitlinie Müdigkeit die Ergebnisse der PACE Trial auf ihre ganz eigene Weise interpretieren: Sie legen den Ärzten nahe, den Patienten unstrukturierte Ratschläge zu geben wie „Wählen Sie aus, was Ihnen Spaß macht, […]. Besonders geeignet sind: schnelles Spazierengehen, Radfahren, Schwimmen, Gymnastik, Nordic Walking, einfache Ballspiele, Tanzen.“ [DEGAM „Patientenbrief: Müdigkeit im Teufelskreis der Unterforderung“, 2011] Das schont das Arzneimittelbudget der Ärzte und kostet die Kassen keinen Cent, wohingegen z.B. eine einzige Dosis Rituximab, das in norwegischen Studien getestete auch bei 2/3 der ME-Patienten hochwirksame Krebsmedikament, mit mehr als 2000 Euro zu Buche schlagen würde.



Wie belastbar sind die Resultate der PACE Trial?

Die Resultate der Studie sind unterteilt in primäre und sekundäre Ergebnisparameter. Die primären Ergebnisparameter sollen die „Verbesserungsrate“ anzeigen und betreffen die von den Patienten selbstberichtete Einschätzung ihrer Fatigue und körperlichen Funktion. Die sekundären Ergebnisparameter sollen die „Genesungsrate“ markieren und stellen eine Mischung aus in Fragebögen Selbstberichtetem und nur einem objektiven Parameter, dem 6-Minuten-Gehtest, dar, wobei die Ergebnisse der Verbesserungsrate in die Genesungsrate mit eingehen.

Nach der selbstberichteten Verbesserungsrate galten – laut Publikation im Lancet 2011  – 61% der mit GET und 59% der mit CBT Behandelten als insgesamt verbessert im Bereich Fatigue und körperliche Funktion.

Was die Genesungsrate betrifft, so wurde diese für den Zeitpunkt von 52 Wochen nach Randomisierung mit 22% sowohl für CBT- als auch für GET-Behandelte angegeben. Die PACE-Autoren schlussfolgerten, dass eine Genesung von „CFS“ möglich sei und CBT und GET diejenigen Therapien seien, die am wahrscheinlichsten zu einer Genesung führen würden. [White et al., 2013]

Doch die beeindruckenden Verbesserungs- und Genesungsraten waren nur deshalb zustandegekommen, weil die Studienleiter von den im Original-Studienprotokoll festgelegten Analysemethoden abgewichen waren und das Studiendesign – während die Studie bereits lief – veränderten. Die nachträgliche Änderung von Verbesserungs- und Genesungskriterien führte dann plötzlich zu einer Überlappung von Auswahl- und Genesungskriterien.

So kam es auch, dass etwa 13% der Studienteilnehmer schon vor Behandlungsbeginn sowohl die Auswahlkriterien mit „erheblicher Invalidität" hinsichtlich körperlicher Funktion als auch die revidierten Genesungskriterien für den „Normbereich“, also für normale körperliche Funktion erfüllten. Durch die Überlappung der Kriterien wurden womöglich sogar Patienten, die eine Verschlechterung ihrer körperlichen Funktionsfähigkeit durch die Behandlungen erfuhren, im Ergebnis zu den erfolgreich Therapierten gezählt und als „genesen“ oder „erholt“ bewertet. Denn Patienten, die mit der in dieser Studie höchstmöglichen Punktzahl von 65 Punkten für „schwerwiegende Behinderung“ zugelassen worden waren, galten für diesen Indikator als „genesen“ bzw. „im Normbereich“, auch wenn sie nach ihren Behandlungen nur noch 60 Punkte, den (nachträglich revidierten) untersten Zielwert für „Genesung“ erreichten.



(Queen Mary, University of London) FOI Request: 2013/F42, Quelle: Tom Kindlon, Phoenix Rising 2013

Im Originalstudienprotokoll war die als Genesung gewertete Mindestpunktzahl für körperliche Funktion auf noch 85 Punkte festgelegt worden. Während der Studie wurde diese Punktzahl dann jedoch auf 60 Punkte abgesenkt. Das ist eine Punktzahl, die vom Normbereich von durchschnittlich 39-Jährigen – dem Durchschnittsalter der GET- und CBT-Probanden – weit entfernt ist. Zum Vergleich: Im Mittel erreichen 35-44-jährige Briten, inklusive kranker Menschen, für körperliche Funktion 93.3 Punkte von 100 möglichen Punkten auf der SF-36-Skala. [Bowling et al., 1999, Table 3] Ein Punktwert von 60 entspricht in etwa dem durchschnittlichen Punktwert 75-Jähriger, kranke 75-Jährige eingeschlossen. [Bowling et al., 1999] Einen ähnlich schlechten Punktwert haben z.B. Herzinfarktpatienten, die durchschnittlich auch nicht mehr als 60 Punkte für körperliche Funktion erreichen, wohingegen Krebspatienten durchschnittlich fast 20 Punkte mehr erzielen. [Bullinger, 2013]


Video von Graham McPhee zur PACE Trial, Übers. Regina Clos, Synchr. Dana Geissler, Roland Platz, Spr.: Dana Geissler u. Thomas Wenke


Manipulation und Gummikriterien

Warum aber schnitten die GET- und CBT-Probanden dennoch besser ab als die APT- und SMC-Patienten? Ein Grund dafür ist, dass offenbar schamlos manipuliert wurde. Beispielsweise bekamen die Studienteilnehmer – mitten in der Studie! – einen Newsletter des PACE-Teams zugeschickt, in dem begeisterte Stimmen von Teilnehmern abgedruckt waren, die ihre Behandlungen bereits abgeschlossen hatten und davon schwärmten, wie die „Therapie“ oder die „Behandlung“ ihre Symptomatik und ihr Leben positiv beeinflusst hätte. Mit Therapie und Behandlung waren CBT und GET gemeint, wie aus dem Kontext hervorgeht. Auch das überschwängliche Feedback eines Arztes an einen der PACE-Therapeuten ist zu lesen, der die positiven Therapieresultate seines Patienten, der eine der für „CFS“ empfohlenen Behandlungen (CBT oder GET) absolvierte, herausstrich.

Im selben Newsletter wurde außerdem die im Jahr zuvor herausgegebene klinische Leitlinie der britischen Regierung, die NICE guideline 53 gefeiert, die Versorgung und Therapie für „CFS/ME“-Patienten regelt. Die darin empfohlenen Behandlungen sind CBT und GET, und die Verfasser des Newsletters loben, die Leitlinie basiere „auf der besten verfügbaren Evidenz und Konsens“. Sowohl das Feedback der erfolgreich Therapierten als auch die Lobeshymne auf die NICE guideline könnten für eine Beeinflussung der noch verbliebenen Studienteilnehmer gesorgt haben.

Ein ehemaliger Studienteilnehmer schreibt im Newsletter, dass sein Therapeut ihn motiviere. [White et al., December 2008] Das legt den Verdacht nahe, dass die Teilnehmer des GET- und CBT-Studienarms möglicherweise von ihren Behandlern manipuliert wurden und ihre Selbsteinschätzung vielleicht auch deshalb besser ausfiel als bei den Probanden der anderen Studienarme. Eine besondere Motivierung der GET- und CBT-Behandelten wird darüber hinaus vermutlich auch den Placebo-Effekt bei diesen Probanden gesteigert haben.






Video von Graham McPhee zur PACE Trial, Übers. Regina Clos, Synchr. Dana Geissler, Roland Platz, Spr.: Dana Geissler u. Thomas Wenke

Der Hauptgrund, weshalb die GET- und CBT-Probanden besser abgeschnitten haben könnten als die APT- und SMC-Patienten, ist aber die Patientenauswahl. Alle Patienten wurden nach der extrem dehnbaren Oxford-Definition rekrutiert, die eine schwere Fatigue als Hauptsymptom benennt und bei der affektive Störungen wie eine majore Depression und Angsterkrankungen keine Ausschlusskriterien darstellen. [Sharpe et al., 1991] Darum nahmen auch etliche Depressive und Angsterkrankte mit einer „Chronic Fatigue“ (CF), die aber nicht an ME oder „CFS“ erkrankt waren, an der PACE Trial teil. 47% der Studienteilnehmer litten an einer psychiatrischen Störung. [Table 1] Von diesen Patienten könnten durchaus einige von CBT und GET profitiert haben. Denn weder Depressive noch Angsterkrankte leiden unter dem Kardinalsymptom der ME, der pathologischen Muskelerschöpfbarkeit mit der Folge einer Verschlechterung des Krankheitsbildes durch körperliche Belastung, insbesondere einer Exazerbation der neuroimmunen Symptomatik (post-exertional neuroimmune exhaustion = PENE). Zudem wurden viele dieser Patienten gleichzeitig mit Antidepressiva behandelt, so dass eigentlich gar nicht auseinanderzuhalten ist, welche Therapie denn nun einen positiven Effekt auf die Teilnehmer hatte. [Table 2] Um überhaupt aussagekräftig zu sein, hätte an der Studie niemand mit einer psychiatrischen Störung teilnehmen dürfen, sondern ausschließlich ME-Patienten ohne komorbide psychiatrische Erkrankungen.



Es ist nicht immer drin, was draufsteht

Stellen wir die Frage andersherum: Warum schnitten die APT-Gruppe und die SMC-Gruppe schlechter ab? Zur APT-Gruppe: Unter Pacing versteht man normalerweise keine Form von Therapie, sondern eine Verhaltensstrategie. Pacing ist nichts weiter als der sparsame Umgang mit der vorhandenen Energie. Es soll verhindern, dass der Patient sich überanstrengt und sein Zustand sich verschlechtert. Um sich diese Strategie aneignen zu können, muss man sich lediglich mit ein paar Grundregeln vertraut machen, die auf ein Blatt Papier passen. In der PACE Trial mussten die Teilnehmer dieses Studienarms jedoch 15 therapeutische Sitzungen absolvieren, ein Aktivitätstagebuch führen und zahlreiche Fragebögen ausfüllen. Es war eine Art Verhaltens- oder Lerntherapie und nicht das, was man gemeinhin unter Pacing versteht. Diejenigen APT-Studienteilnehmer, die auch tatsächlich an ME oder „CFS“ litten, wurden auf diese Weise um die Vorteile von Pacing gebracht. [Cox et al., 2004]

Was ist bei der SMC-Gruppe schiefgelaufen? Wenn ein ME- bzw. „CFS“-Kranker sich fachärztlich versorgen lassen will, sucht er i.a.R. einen ME- bzw. „CFS“-Spezialisten oder wahlweise auch einen Infektiologen auf. Das würde man bei dieser Krankheit unter fachärztlicher Versorgung verstehen. Nicht so in dieser Studie: nur 47% der Probanden wurden von Ärzten, die auf Infektionskrankheiten spezialisiert waren, behandelt. 29% wurden von Psychiatern therapiert, von denen sogar nur 4 eine abgeschlossene Ausbildung als Psychiater hatten und die restlichen 23 sich noch in Ausbildung befanden. 23% wurden von Allgemeinmedizinern mit einem besonderen Interesse an „CFS“ betreut. [Siehe Web Appendix Table A: Characteristics of therapists and doctors] Die SMC-Probanden hatten durchschnittlich nur 5 Termine bei ihren Behandlern, wohingegen die Teilnehmer der anderen Studienarme durchschnittlich 3 Arzttermine plus 15 Therapiestunden hatten. 5 Praxisbesuche innerhalb eines Jahres – das kann man nicht gerade als engmaschige medizinische Versorgung von chronisch kranken Menschen bezeichnen. Nach Ablauf der 52 Studienwochen wurden 39% der SMC-Probanden mit Antidepressiva behandelt (im Schnitt ca. 9% mehr als die Probanden der anderen Studienarme), 5% bekamen Hypnotika (im Schnitt ca. 2,3% mehr als die Probanden der anderen Studienarme) und 14% nicht zugeordnete Medikamente (im Schnitt 10% mehr als die Probanden der anderen Studienarme). [Table 2] Das SMC-Behandlungsmanual riet den Ärzten und Psychiatern ausdrücklich davon ab, den SMC-Patienten (den anderen sowieso!) Antibiotika über einen längeren Zeitraum zu verschreiben, mit der Begründung, längere Antibiotikakuren könnten Nebenwirkungen haben, und es gäbe keine Belege für die Nachhaltigkeit einer Verbesserung der Symptomatik durch Antibiotika. [S. 11 Chalder et al., 2004]

Das heißt, die Patienten des SMC-Arms wurden ganz überwiegend mit Psychopharmaka behandelt, und die Patienten der anderen Studienarme schluckten auch nicht viel weniger Psychopharmaka. Folglich könnte man sagen, dass die SMC-Probanden gar keine echte Vergleichsgruppe darstellten – jedenfalls nicht in Bezug auf die Studienhypothese, die drei verschiedene Therapien mit einer ausschließlich fachärztlichen Versorgung vergleichen wollte. Das Ergebnis wäre womöglich ganz anders – zugunsten der SMC-Behandlung – ausgefallen, wenn ein Großteil dieser Probanden mit Antibiotika und immunmodulatorischen Medikamenten behandelt worden wäre.

Vielleicht weil den Probanden des SMC-Arms solche Behandlungen vorenthalten wurden, waren sie auch unzufriedener mit ihrer Behandlung als die Probanden der anderen Studienarme. Letztere gaben an, im Schnitt zu 85% mit ihrer Therapie zufrieden zu sein und nur zu 3% unzufrieden, wohingegen die SMC-Teilnehmer nur zu 50% zufrieden und zu 11% unzufrieden waren. [Table 2]


Pietro Longhi: Der Apotheker


Verstöße gegen die Deklaration von Helsinki

Da Studienleiter Peter White und seine Co-Autoren als voreingenommen galten, [Sharpe, 1998; Fulcher u. White, 2000; Knoop et al., 2007] weil sie schon vor Studienbeginn und vor ihrer Veröffentlichung den CBT- und GET-Therapieansatz favorisierten, und andererseits viele Patienten bereits leidvolle Erfahrungen mit diesen Therapien gemacht hatten, [vgl. z.B. Bringsli et al., 2014; Kindlon, 2011; The ME Association, 2010] stand das Studiendesign von Beginn an unter kritischer Beobachtung von unabhängigen ME-Experten und Patientenadvokaten. [Z.B. Marshall u. Williams, 2005; Williams, 2009; Hooper, 2010] Die Kritik mehrte sich, nachdem bekannt wurde, dass das Studiendesign während der laufenden Studie verändert worden war, um die Studienergebnisse zugunsten der von den Autoren favorisierten Therapien zu beeinflussen – ein klarer Verstoß gegen die Gute Klinische Praxis und die Deklaration von Helsinki.

Nach der Deklaration von Helsinki, die in Anlehnung an den Nürnberger Kodex und aus Anlass der Menschenversuche in nationalsozialistischen Konzentrationslagern entwickelt wurde, darf die Abänderung eines Studienprotokolls nicht ohne Erwägung und Zustimmung der Ethikkommission erfolgen. [23] Hatte die Ethikkommission den Änderungen zugestimmt? Ist sie überhaupt darüber informiert worden? [Vgl. auch Williams, 2016; Matthees, 2016] Abweichungen vom Originalstudienprotokoll wurden offenbar – anders als in der Studie behauptet – nur vom unabhängigen Studienleitungskomitee, in dem allerdings auch mehrere Wessely School-Mitglieder bzw. ihr Nahestehende saßen, bewilligt. Doch selbst diesem Komitee wurden anscheinend nicht alle Änderungen vorgelegt, z.B. nicht die entscheidende Absenkung der Genesungskriterien für körperliche Funktion. [„Question & Answers“, o.V., siehe Punkt 27]

Die Deklaration von Helsinki schreibt auch die „informierte Einwilligung“ (Einwilligung nach Aufklärung) der Versuchspersonen vor. Unter anderem heißt es unter Punkt 26: „Bei der medizinischen Forschung an einwilligungsfähigen Personen muss jede potentielle Versuchsperson angemessen über […] eventuelle Interessenkonflikte, institutionelle Verbindungen des Forschers […] informiert (aufgeklärt) werden“. Doch bei der PACE Trial wurden die Teilnehmer darüber nicht aufgeklärt. [Vgl. White et al., 2006. S. 94 – 125]

Weder das Merkblatt noch das Einverständniserklärungsformular oder die Patientennewsletter informierten die Patienten über die Interessenkonflikte der Autoren: Es wurde nicht erwähnt, dass die drei Leiter der Studie Peter White, Michael Sharpe und Trudie Chalder (ebenso wie eine Co-Autorin) als Berater für die Versicherungsindustrie arbeiten. Beispielsweise beraten sie Berufsunfähigkeitsversicherer, wie man „CFS/ME“-Patienten, die Leistungen beziehen, wieder fit und arbeitsfähig macht: mit CBT und GET! [Williams, 2003] Sie halfen Versicherungen, anspruchsberechtigte ME-Patienten von Leistungen auszuschließen, z.B. mit solchen Tricks wie die Krankheit nicht unter G93.3, sondern als Neurasthenie zu verschlüsseln, und der Anwendung von Zwangsmaßnahmen, wie z.B. keine Leistungen zu gewähren, wenn der Patient sich einer CBT- oder GET-Behandlung verweigert. [Hooper et al., 2007; Swiss Re, 2013]






Georges de la Tour: Der Falschspieler mit dem Karo-Ass

Es fiel auch unter den Tisch, dass Peter White für die UK Departments of Health and Work and Pensions (das britische Gesundheits- und Arbeits- und Rentenministerium, DWP) tätig ist, die die PACE Trial mitfinanzierten. Unter der Leitung von Professor Peter White wurde auch das DWP-Handbuch zu „CFS/ME“ verfasst, das von begutachtenden Ärzten, DWP-Entscheidungsträgern und Sozialgerichten benutzt wird. [Hooper, 2011] Empfohlene Behandlungen: CBT und GET! [DWP, 2007] Auch dieser Interessenkonflikt wurde den Studienteilnehmern vorenthalten.

Es wurde verschwiegen, dass auch Michael Sharpe für die Regierung arbeitet und dass Co-Autorin Jessica Bavinton die NICE guideline 53 mitentwickelt hatte, die CBT und GET als Behandlungsoptionen empfiehlt.

Die Deklaration von Helsinki besagt außerdem, die medizinische Forschung am Menschen müsse „den allgemein anerkannten wissenschaftlichen Grundsätzen entsprechen sowie auf einer gründlichen Kenntnis der wissenschaftlichen Literatur, relevanten Informationsquellen, […] basieren.“ [21] Demnach dürften die PACE-Autoren entweder keine gründliche Kenntnis der wissenschaftlichen Literatur besessen oder aber sie komplett ignoriert haben. Denn bereits 1984 berichteten Arnold et al. in einer Fallstudie von einem Patienten mit post-viralem „CFS“, bei dem sie mithilfe von Kernspinresonanz eine metabolische Anomalie bei Bewegung, nämlich die ungewöhnlich früh einsetzende intrazelluläre Azidose von dessen Unterarmmuskulatur festgestellt hatten. [Arnold et al., 1984] Und Behan et al. wiesen schon 1991 mittels Muskelbiopsien – durch Virusinfektionen ausgelöste – Mitochondrienanomalien in Patienten mit post-viralem „CFS“ nach. [Behan et al., 1991] Und bereits 1999 demonstrierten Paul et al. die pathologisch verzögerte Muskelerholung bei „CFS“-Patienten nach Training. [Paul et al., 1999] Viele weitere Studien befassten sich mit diesem Phänomen und der Zustandsverschlechterung nach körperlicher Anstrengung und zwar schon lange Zeit, bevor die PACE Trial begann. [Vgl. z.B. auch Clos, 2012]

Aus diesem Grund klingt es nicht gerade vernünftig, Patienten mit solchen Anomalien und pathologischen Reaktionen auf Bewegung GET als Therapieoption anzubieten. Doch über eventuelle negative Folgen wurden die Studienteilnehmer nicht aufgeklärt. Das GET-Teilnehmer-Manual warnt nur vor exzessivem Training und vor Überschreitung des individuellen physischen Levels, nicht jedoch davor, dass jede Form von körperlicher Aktivierung bei „CFS“ bzw. ME zu einer u.U. massiven Verschlechterung des Krankheitsbildes führen kann. [Bavinton et al., 2004] Somit wurde also auch gegen den Grundsatz der Deklaration von Helsinki verstoßen, nach dem „jede potentielle Versuchsperson angemessen über […] die potentiellen Risiken der Studie“ aufgeklärt werden muss. [26]

Versäumt wurde auch, die Studienteilnehmer darüber zu informieren, dass die Autoren ME bzw. „CFS“ nicht wie von der WHO klassifiziert als körperliche Erkrankung, sondern als psychische und Verhaltensstörung betrachten. [Hooper et al., 2007] Denn um ihr Einverständnis erklären zu können, müssen die Teilnehmer einer klinischen Studie stets offen und ehrlich und vollständig über das Forschungsprojekt informiert werden – was in diesem Fall unterblieben ist. [General Medical Council, o.J.]

Unethisch war es auch, den Probanden der CBT-Gruppe einzureden, sie litten lediglich an falschen Krankheitsüberzeugungen, obwohl ME- bzw. „CFS“-Patienten an einer organischen Krankheit leiden – auch das ein Verstoß gegen die Helsinki-Deklaration. Denn jede Versuchsperson muss „angemessen über die Ziele, Methoden, […] der Studie informiert (aufgeklärt) werden.“ [26]




Michelangelo Merisi da Caravaggio: Die Falschspieler



Kümmerliche Resultate nach Offenlegung von Rohdaten

An die £250.000 hat die Queen Mary University of London, Peter Whites Stammsitz, für Anwaltskosten hingeblättert, um die Veröffentlichung der anonymisierten Rohdaten zu verhindern – alles auf Kosten der Steuerzahler. [Williams, 2016] Unter fadenscheinigsten Begründungen wehrten sich die Autoren gegen eine Veröffentlichung, [EA/2015/0269; Smith, 2016] obwohl sie nach der Deklaration von Helsinki „im Hinblick auf die Vollständigkeit und Richtigkeit ihrer Berichte rechenschaftspflichtig“ sind. [36] Weltweit hegten Patienten und Forscher an der Vollständigkeit und Richtigkeit der Ergebnisse Zweifel. Eine unverblindete Studie mit fast ausschließlich subjektiven Endpunkten? Da ist es nicht verwunderlich, wenn Zweifel aufkommen. Deshalb wäre es die ethische Verpflichtung der Studienleiter gewesen, diese Daten schon nach der ersten von insgesamt 37 Anfragen nach dem Freedom of Information Act offenzulegen. [Matthees, 2016]

Dank der hartnäckigen Bemühungen des australischen Patienten Alem Matthees, der bestimmte Rohdaten bereits im März 2014 nach dem Freedom of Information Act angefordert hatte, mussten die Autoren der PACE Trial nach einer Gerichtsentscheidung diese Daten im September 2016 schließlich doch noch herausrücken. [EA/2015/0269] Die Daten werden nun nach den im Original-Studienprotokoll festgelegten Analysemethoden neu analysiert.

Nur einen Tag, bevor die PACE-Autoren einen Teil ihrer Rohdaten offenlegen mussten, publizierten sie Ergebnisse nach den im Original-Studienprotokoll festgelegten Verfahren, um Analysen unabhängiger Wissenschaftler zuvorzukommen. Aber um ihr Gesicht zu wahren und bei ihrer Hypothese, dass CBT und GET die geeignetsten Therapien für „CFS“ sind, bleiben zu können, reanalysierten die Autoren jedoch nicht etwa die ein klein wenig objektiveren, zumindest nicht ausschließlich auf Selbsteinschätzung der Patienten beruhenden Genesungsraten, sondern nur die von ihren Studienteilnehmern selbsteingeschätzten Verbesserungsraten. Diese Raten, die sich nach den im Original-Studienprotokoll festgelegten Verfahren ergeben, zeigen, dass nur 21% der mit GET therapierten Patienten sich insgesamt verbessert hatten statt, wie im Lancet 2011 publiziert, 61%. Bei den mit CBT Behandelten waren es 20% statt der im Lancet angegebenen 59%. Doch auch 10% der Patienten, die keine dieser Therapien erhielten, sondern ausschließlich fachärztlich versorgt wurden, berichteten von Verbesserungen. [Goldsmith et al., 2016]



Quelle: Peter White et al. 2016


Rechnet man diese 10% Verbesserungsrate von der der GET- und CBT-Behandelten noch ab (denn auch ohne GET und CBT hätten die Teilnehmer dieser Studienarme eine Verbesserung von 10% erreicht), kommt man auf eine mit diesen Behandlungen verbundene Verbesserungsrate von 11% bei den Patienten des GET-Arms und auf 10% des CBT-Arms. Diese Zahlen liegen sogar noch unter dem für verschiedene Behandlungen des „Chronic Fatigue Syndroms“ von Simon Wessely ermittelten Placebo-Effekts von durchschnittlich 19,6%. [CHO et al., 2005] (Bei anderen Krankheiten sprechen sogar üblicherweise durchschnittlich 35% der Menschen auf eine Placebo-Behandlung an. BEECHER, 1955)

Die neuen Ergebnisse scheinen, wie Professor Jonathan Edwards vom University College London schrieb, „die allgemeine Meinung zu bestätigen, dass CBT und Graded Exercise Therapy mit einem leichten Placeboeffekt assoziiert sind."

Ferner sollte nicht vergessen werden, dass sich diese ohnehin schon mageren Verbesserungsraten nur aufgrund von Selbstauskünften der Patienten ergaben (Körperliche Funktionsfähigkeit: SF-36-Fragebogen; Fatigue: Chalder-Fatigue-Skala) und deshalb rein subjektiver Natur sind. Die Genesungsraten, die sich neben lauter subjektiven auf wenigstens einen objektiven Parameter, den 6-Minuten-Gehtest stützen sollten (wobei im Dunkeln bleibt, inwiefern die Ergebnisse dieses Tests überhaupt einbezogen wurden; laut der Studiendefinition von „Genesung“ spielte dieser Test gar keine Rolle in der Auswertung, siehe White et al. 2013), wurden von den Autoren gar nicht erst reanalysiert. Weil es womöglich keine genesenen, wieder arbeitsfähigen Ex-Studienteilnehmer gibt?






Video von Graham McPhee zur PACE Trial, Übers. Regina Clos, Synchr. Dana Geissler, Roland Platz, Spr.: Dana Geissler u. Thomas Wenke



Zudem muss noch berücksichtigt werden, dass die Studienteilnehmer der PACE Trial nach den laxen, auf „ME/CFS“-Patienten nicht zutreffende Oxford-Kriterien ausgesucht wurden. Bei „ME/CFS“-Patienten wäre das Ergebnis wahrscheinlich noch erheblich schlechter ausgefallen und die Studie hätte womöglich aus ethischen Gründen abgebrochen werden müssen, weil das Gros der GET- und CBT-Behandelten vermutlich massive gesundheitliche Verschlechterungen erlitten hätte.



Neuanalyse unabhängiger Wissenschaftler enthüllt die Wirkungslosigkeit

Eine erste unabhängige (vorläufige) Neuanalyse eines Teils der Rohdaten, durchgeführt von u.a. zwei Statistikexperten – Professor Philip Stark von der University of California und Professor Bruce Levin von der Columbia University – kam nun kürzlich zu dem Ergebnis, dass die PACE-Autoren die Genesungsraten durchschnittlich um das Vierfache aufgebläht hatten. [Matthees et al., 2016] Es gibt, anders als die Veröffentlichungen der PACE-Autoren nahelegen, keine signifikanten Unterschiede zwischen den Genesungsraten von GET- und CBT-Behandelten und denen, die keine zusätzliche Behandlung bekommen haben, sondern ausschließlich fachärztlich versorgt wurden. Die Genesungsrate für die allein fachärztlich Versorgten (SMC) beträgt 3,1%, für die zusätzlich in Adaptiver Pacing-Therapie (APT) Unterwiesenen 1,9%, für die zusätzlich mit CBT Behandelten 6,8% und für die zusätzlich mit GET Behandelten 4,4%. Diese Prozentzahlen liegen alle im Bereich der Spontanremissionsrate, die für nach „CFS“-Kriterien diagnostizierte, unbehandelte Patienten ermittelt wurde. [Joyce et al., 1997; Cairns u. Hotopf, 2005]







Um dieses Ergebnis noch einmal in Patientenzahlen zu verdeutlichen: 5 von 160 SMC-Probanden, 11 von 161 CBT-Probanden, 7 von 160 GET-Probanden und 3 von 159 APT-Probanden erfüllten die Genesungskriterien.





Es gibt folglich keinen einzigen triftigen Grund für die Empfehlung oder Verschreibung von CBT oder GET. Und kein vernünftiger Arzt würde auf die Idee kommen, seinen Patienten Therapien zu verschreiben, die – wie sich nun gezeigt hat – nicht wirksamer als gar keine Therapie sind und deren potentielle Gefahren in dieser Studie unter den Teppich gekehrt wurden. Von den unerwünschten Nebenwirkungen wird womöglich zukünftig noch zu berichten sein, falls dazu eines Tages interpretierbare Rohdaten vorliegen sollten.



Fassen wir noch einmal die Hauptkritikpunkte an der PACE Trial zusammen:

  • Änderungen des Originalstudienprotokolls während der laufenden Studie, um die Studienergebnisse zugunsten der von den Autoren favorisierten Therapien zu beeinflussen
  • Überlappung von Auswahl- und Genesungskriterien, so dass 13% der Studienteilnehmer schon vor Behandlungsbeginn sowohl die Auswahlkriterien mit „erheblicher Invalidität" als auch die revidierten Genesungskriterien für normale körperliche Funktion erfüllten
  • Fast ausschließlich subjektive Ergebnisparameter; keine objektiven Ergebnisse, die die subjektiven stützen würden
  • Patientenauswahl nach der viel zu weitgefassten Oxford-Definition; kein Ausschluss von psychiatrischen Erkrankungen
  • Mehrere Verletzungen der Deklaration von Helsinki: keine Aufklärung über die Interessenkonflikte der Autoren, keine Aufklärung über eventuelle Risiken für die Teilnehmer, keine Informationen zu den nicht WHO-konformen Ansichten der Autoren bezüglich Klassifizierung der Krankheit
  • Dringender Verdacht auf Manipulation von Studienteilnehmern
  • APT hatte nur wenig mit „echtem“ Pacing zu tun
  • SMC war eine überwiegend psychiatrische Behandlung mit Psychopharmaka


Ein Schwindel also, die PACE Trial, „eine betrügerische und moralisch bankrotte Forschungsarbeit“, wie der amerikanische Medizinjournalist David Tuller in einem Blogpost schrieb. [Tuller, 2016] Mit dieser Arbeit haben die Vertreter der Wessely School und die Verfechter des biopsychosozialen Krankheitsmodells den mächtigsten Grundpfeiler ihrer Hypothese, „CFS“ und ME beruhten lediglich auf sogenannten falschen Krankheitsüberzeugungen, Furcht-Vermeidungsverhalten, Trainingsphobie und Dekonditionierung, selbst angesägt. Doch wie lange wird es dauern, bis die Kunde von diesem Desaster auch die durchschnittliche Allgemeinarztpraxis erreicht? Vermutlich Jahre, muss man befürchten.

Wenn die PACE Trial auch komplett überflüssig war, insofern sie nichts zu einem Erkenntnisgewinn hinsichtlich der Krankheit beigetragen hat, so ist sie doch weltweit ein gefundenes Fressen für die Lehrenden, die sie von ihren Studenten als Paradebeispiel für schlechte Forschung zerpflücken lassen. Darüber hinaus wird sie als solches bereits in wissenschaftlichen Journalen diskutiert. [Vink, 2016; Geraghty, 2016; "Can scientific evidence be valid if irrelevant to patients?" 2016]





Die Reaktionen der Wessely School auf die Neuanalyse

Die Rufe nach einer Rücknahme der Studie stießen bislang auf taube Ohren. Denn anstatt sich in Grund und Boden zu schämen für ihr derart mängelbehaftetes und wertloses Forschungspapier, das die britischen Steuerzahler sage und schreibe 5 Millionen Pfund gekostet hat, verteidigen die Verantwortlichen ihren Wisch mit Zähnen und Klauen. In einer Stellungnahme im Guardian beschwört Hauptstudienleiter Peter White die Erfolgsergebnisse für CBT und GET aufs Neue und weint Krokodilstränen, dass die gebeutelten Patienten doch am meisten darunter leiden würden, wenn ihnen CBT und GET nicht mehr als Therapieoption zur Verfügung stünden. [White, 2016]

Und er plant schon seinen nächsten Bubenstreich: GET in Selbsthilfe! [Clark et al., 2016] So wird’s noch billiger für die Kostenträger und für die Patienten noch schwieriger, die Verordnenden für schädliche Nebenwirkungen in die Verantwortung zu nehmen.

Auch der Kopf der Wessely School Sir Simon Wessely, der zwar nicht zu den Autoren der PACE Trial gehört, ihnen aber mit Rat und Tat bei Design und Durchführung der Studie zur Seite stand, hat sich zu Wort gemeldet. In einer Korrespondenz mit Julie Rehmeyer, selbst betroffene Wissenschaftsjournalistin, verwies er auf die statistische Signifikanz der (subjektiven) Verbesserungsraten. Die Botschaft bleibe unverändert, so Wessely, auch nach der Neuanalyse, CBT und GET seien „moderat effektiv“. [Rehmeyer, 2016]

Auf die kümmerlichen Genesungsraten einzugehen, lehnte er jedoch ab. Zusammenfassend kommentierte er die Neuanalyse unabhängiger Wissenschaftler so: “OK folks, nothing to see here, move along please.”

OK Leute, hier gibt`s nichts zu sehen, Platz da! – das hören wir für gewöhnlich aus dem Munde von Polizisten, die die Gaffer bei einem Unfall vertreiben wollen. Nun ja, man kann die PACE Trial natürlich auch als einen großen wissenschaftlichen Unfall betrachten – leider mit unzähligen Opfern. Man kann nur hoffen, dass die Autoren eines Tages zur Rechenschaft gezogen werden, nicht nur wegen Verschwendung von Steuergeldern, sondern auch wegen dem unermesslichen Leid, das sie über Millionen von verzweifelten schwerkranken Menschen gebracht haben. Doch diese Hoffnung wird sich wohl nicht erfüllen …



Marginalglosse

Bemerkenswert im Zusammenhang mit der PACE Trial ist, dass der nationale Blutspendedienst Großbritanniens die Erkrankten (und sogar die Genesenen!) auch weiterhin von Blutspenden ausschließt. Warum eigentlich, wenn die Krankheit angeblich doch nur auf falschen Krankheitsüberzeugungen und Dekonditionierung beruht? Da ist dann plötzlich von Viren die Rede, die möglicherweise übertragen werden könnten und auch davon, dass es sich um eine rezidivierende Erkrankung handele, bei der eine Blutspende eine Verschlechterung oder einen Rückfall provozieren könnte. Eine Blutspende ist für die Patienten gefährlich, aber Fitnesstraining ist sicher?






Hier können Sie den Blogpost herunterladen und für Ihre Behandler ausdrucken.

Dieser Blogpost wird auch per Email an die frischgekürte DEGAM-Präsidentin Prof. Dr. Erika Baum, federführende Autorin der DEGAM-Leitlinie Müdigkeit, versandt, da das Kapitel „Chronisches Müdigkeitssyndrom“ sich derzeit in Überarbeitung befindet und im Dezember 2016 publiziert werden soll.

Sehen Sie auch meinen Blogpost zur Follow-up-Studie: PACE und (k)ein Ende? Mehr zur PACE Trial in meinem Buch.


Literatur:

Arnold DL, Bore PJ, Radda GK, Styles P, Taylor DJ "Excessive intracellular acidosis of skeletal muscles on exercise in the post viral exhaustion / fatigue syndrome: a 31P-NMR Study." The Lancet 1984.

Bavinton J, Dyer N, White PD "GRADED EXERCISE THERAPY Information for Participants", 2004 http://www.wolfson.qmul.ac.uk/images/pdfs/6.get-participant-manual.pdf.

BEECHER HK "The powerful placebo." J Am Med Assoc. 1955.

Behan WM, More IA, Behan PO „Mitochondrial abnormalities in the postviral fatigue syndrome.“ Acta Neuropathol. 1991.

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Katharina Voss, Copyright 2016





Freitag, 16. September 2016

Offener Brief an die DEGAM


(Hier kann der Brief heruntergeladen werden. Hier können Sie eine Unbedenklichkeitsbescheinigung für Ihre Behandler herunterladen und hier meine Studienliste.)

(Das Kürzel DEGAM bezeichnet die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin. Von der DEGAM herausgegebene Leitlinien instruieren Hausärzte und Allgemeinmediziner bezüglich Diagnostik und Therapie diverser Krankheitsbilder mit dem Ziel der Verbesserung der Versorgungsqualität und der Erhöhung der Nutzen-Aufwands-Relation hausärztlicher Versorgung. 2011 hat die DEGAM ihre ärztliche Leitlinie Nr. 2 mit dem Titel Müdigkeit herausgebracht, in der auch das Krankheitsbild des „Chronischen Müdigkeitssyndroms“ („CFS“) abgehandelt wird.)




Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Baum!

Mit großer Sorge blicken die „ME/CFS“-Kranken in Deutschland auf die Weiterentwicklung der DEGAM-Leitlinie Müdigkeit, die sich – wie zu hören ist – derzeit in Überarbeitung befindet. Bereits die Aufnahme dieser Krankheit in die 2011 herausgegebene Leitlinie ist bei den Patienten auf Unverständnis gestoßen, da Müdigkeit weder das Kernsymtom einer „ME/CFS“-Erkrankung ist noch überhaupt eine große Rolle in der Gesamtsymptomatik spielt. „ME/CFS“-Kranke sind nicht müder als andere chronisch kranke Menschen auch. Ihr Kernsymptom ist die pathologische Erschöpfbarkeit der Muskulatur mit der Folge einer neuroimmunen Zustandsverschlechterung nach Belastung, genannt PENE (post-exertional neuroimmune exhaustion). [Ramsay, o.J.; Carruthers et al., 2011]

Obwohl die WHO „ME/CFS“ unter den neurologischen Krankheiten eingeordnet und ihr eine eigenständige Krankheitsentität zugebilligt hat (bestätigt im ICD-10-GM), wurden die biomedizinischen Anomalien der Krankheit in der Leitlinie Müdigkeit nicht zur Kenntnis genommen, eine organische Ursache in Frage gestellt und „ME/CFS“ entgegen der rechtsverbindlichen Klassifikation der WHO und des 5. Sozialgesetzbuches psychopathologisiert. Es wurde sogar die Behauptung aufgestellt, beim „CFS“ handele es sich „um ein Konzept bzw. eine Vereinbarung, um die Kommunikation mit dem Patienten, prognostische Einschätzung und Behandlung zu strukturieren“ und es sei nicht von einem „gesunden ‚Normalzustand‘“ abzugrenzen. Diese Behauptung ist angesichts eines Bestands von mehr als 6000 biomedizinischen Forschungsarbeiten zu „ME/CFS“ wissenschaftlich unhaltbar.

Sie und Ihre Co-Autoren hatten sich bei Abfassung der Leitlinie Müdigkeit ausschließlich die ätiologische Prozessbeschreibung von Psychiatern der britischen Wessely School zueigen gemacht. Demnach machen die Patienten zwar einen initialen Infekt durch, können diesen aufgrund sogenannter falscher Krankheitsüberzeugungen jedoch nicht überwinden. Weil die Patienten glauben, physische Aktivitäten könnten ihnen schaden und die Krankheit verschlimmern, stellen sie ihre Aktivitäten ein und entwickeln – wie in Ihrer Leitlinie zu lesen ist – „physiologische[n] Sekundärveränderungen durch fehlende Aktivität (Dekonditionierung)“. Das führe zu einem „Teufelskreis“, denn Bewegung verursache aufgrund der Dekonditionierung nun „definitiv […] Beschwerden“.

Ebenso wie die Mitglieder der Wessely School und andere Verfechter des biopsychosozialen Krankheitsmodells glauben Sie und Ihre Mitautoren, dieser krankheitsaufrechterhaltende „Teufelskreis“ – nämlich die falschen Krankheitsüberzeugungen und das den Patienten unterstellte Furcht-Vermeidungsverhalten – könne nur mit Hilfe von verhaltenstherapeutischen, von Psychiatern und Psychosomatikern empfohlenen Behandlungsmethoden wie Aktivierung (Graded Exercise Therapy) und Kognitiver Verhaltenstherapie durchbrochen werden.



Dementsprechend stützten Sie sich auf die Resultate der 2011 im Lancet veröffentlichten britischen PACE Trial, deren Autoren bei 61% ihrer mit GET behandelten Studienteilnehmer Verbesserungen festgestellt haben wollten und bei 59% der mit CBT Behandelten. [White et al., 2011] Diese Prozentzahlen mussten nun von den Autoren deutlich nach unten korrigiert werden, da sie im September 2016 nach einer Gerichtsentscheidung bestimmte Rohdaten, die bereits im März 2014 unter dem Freedom of Information Act angefordert wurden, offenlegen mussten. Die Daten werden nun von Wissenschaftlern in aller Welt neu analysiert.

Bereits die neue Analyse der PACE-Autoren vermittelt ein ganz anderes Bild als das im Lancet publizierte: Die von ihnen am Tag vor Offenlegung ihrer Daten veröffentlichten Studienresultate, die sich nach den im Original-Studienprotokoll festgelegten Verfahren ergeben, zeigen, dass nur 21% der mit GET therapierten Patienten sich insgesamt verbesserten und nur 20% der mit CBT Behandelten. Doch auch 10% der Patienten, die keine dieser Therapien erhielten, sondern ausschließlich fachärztlich versorgt wurden, berichteten von Verbesserungen. [White et al., 2016]

Rechnet man diese 10% Verbesserungsrate von der der GET- und CBT-Behandelten noch ab (denn auch ohne GET und CBT hätten die Teilnehmer dieser Studienarme ja eine Verbesserung von 10% erreicht), kommt man auf eine mit diesen Behandlungen verbundene Verbesserungsrate von 11% bei den Patienten des GET-Arms und auf 10% des CBT-Arms. Diese Zahlen liegen sogar noch unter dem für verschiedene Behandlungen des „Chronic Fatigue Syndroms“ von Simon Wessely ermittelten Placebo-Effekts von durchschnittlich 19,6%. [Cho et al., 2005]

Ferner ist zu bedenken, dass sich diese ohnehin schon mageren Verbesserungsraten nur aufgrund von Selbstauskünften der Patienten ergaben (Körperliche Funktionsfähigkeit: SF-36-Fragebogen; Fatigue: Chalder-Fatigue-Skala) und deshalb rein subjektiver Natur sind. Daten, die eine Genesung oder Wiederherstellung objektivieren würden, wurden von den Autoren gar nicht erst reanalysiert. Weil es womöglich keine genesenen, wieder arbeitsfähigen Ex-Studienteilnehmer gibt?

Zudem muss noch berücksichtigt werden, dass die Studienteilnehmer der PACE Trial nach den viel zu weitgefassten Oxford-Kriterien ausgesucht wurden, die für „ME/CFS“-Patienten nicht zutreffen. (Diese Kriterien wurden bereits 1997 von einem der PACE-Studienleiter, Michael Sharpe, als vom internationalen Konsens abgelöst angesehen.) [Mountstephen und Sharpe, 1997] Hätten tatsächlich ausschließlich „ME/CFS“-Patienten an der PACE Trial teilgenommen, wäre das Ergebnis wohl noch erheblich schlechter ausgefallen und die Studie hätte womöglich aus ethischen Gründen abgebrochen werden müssen. Denn das Gros der mit GET- und CBT behandelten „ME/CFS“-Kranken hätte vermutlich massive gesundheitliche Verschlechterungen davongetragen, die in zahlreichen Studien vor allem für GET immer wieder nachgewiesen wurden. [Kindlon, 2011; Bringsli et al., 2014] (Siehe auch diese beiden im Internet verfügbaren Studienlisten: hier und hier.)  




Die wissenschaftliche Unhaltbarkeit der Oxford-Kriterien war auch für die Agency for Healthcare Research and Quality (AHRQ) der Anlass, ihren Evidenzreport Diagnosis and Treatment of Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome zu überarbeiten. Die dem Ministerium für Gesundheitspflege und Soziale Dienste der Vereinigten Staaten unterstellte Behörde gab im Juli 2016 einen Nachtrag zu ihrem Report heraus, in dem sie die Anwendung von Oxford-Kriterien kritisierte, weil diese ein hohes Risiko bergen, Patienten mit einer anderen Krankheit, die mit Fatigue einhergeht, oder auch Patienten mit Spontanremission einzuschließen.

Die erneute Sichtung und Datenanalyse der Studien zu Graded Exercise Therapy (GET) und Cognitive Behaviour Therapy (CBT) konnte, so die Autoren des amerikanischen Reports, keine Beweise für eine Wirksamkeit dieser Behandlungen feststellen, insbesondere nach Ausschluss der Studien, die Patienten nach den unspezifischen, international wissenschaftlich in Verruf geratenen Oxford-Kriterien rekrutierten. Deshalb hat die AHRQ ihre Behandlungsempfehlungen korrigiert.

Die nach unten korrigierten Ergebnisse der PACE Trial und die Resultate des amerikanischen Evidenzreports machen deutlich, dass Behandlungsempfehlungen wie Aktivierung (GET) und Kognitive Verhaltenstherapie (CBT) nicht aufrechterhalten werden können. Sie entbehren nicht nur eines soliden wissenschaftlichen Fundaments, sondern würden darüber hinaus gegen die Prinzipien der evidenzbasierten Medizin sowie gegen medizinethische Grundsätze verstoßen.

Die deutschen „ME/CFS“-Patienten – und mit ihnen ihre weltweiten Mitstreiter – hoffen nun, dass sich die DEGAM-Autoren unter Ihrer Leitung zur kompletten Neufassung einer ärztlichen Leitlinie zu „ME/CFS“ entschließen werden. In einer Petition mit dem Titel „Wir wollen unser Leben zurück!“, die u.a. auch die DEGAM adressiert und nächstes Jahr zum ME Awareness Day übergeben wird, fordern bereits mehr als 2600 Unterzeichner die ersatzlose Streichung des Kapitels „Chronisches Müdigkeitssyndrom (CFS)“ und sämtlicher Bezugnahmen in den übrigen Kapiteln auf „CFS“ und ME inklusive Streichung der Patientenbriefe aus der DEGAM-Leitlinie Müdigkeit sowie die Neufassung einer ärztlichen Leitlinie zur Myalgischen Enzephalomyelitis auf der Grundlage der International Consensus Criteria von 2011 und des International Consensus Primer von 2012. [Carruthers et al., 2011; Carruthers et al., 2012] Außerdem die Ausarbeitung von Patientenbriefen auf der Grundlage der International Consensus Criteria sowie des International Consensus Primer.

2600 Unterschriften mögen Ihnen wenig vorkommen. Doch wenn man bedenkt, dass nur ein Bruchteil der Patienten diagnostiziert ist, der überwiegende Teil jedoch psychiatrisch fehldiagnostiziert wurde und von der Krankheit noch nie gehört hat, sind es gar nicht mal so wenige Unterzeichner. Zudem stellt der Petitionstext gewisse Ansprüche an den Leser – im Unterschied zu vielen anderen Petitionen –, was durchaus beabsichtigt ist, um sowohl die Qualität der Unterschriften zu beglaubigen als auch spezifizierte Forderungen zum Ausdruck bringen zu können.



Es liegt nun in Ihrer Hand, ob die deutschen Allgemeinmediziner sich auch in Zukunft im Lichte wissenschaftlicher Rückständigkeit präsentieren oder ob sie mit den internationalen Forschungsstandards Schritt halten sollen. Nebenbei bemerkt, haben sich aufgrund der neuen Sachlage die Chancen für die Patienten erheblich verbessert, bei nachgewiesener Schädigung durch Aktivierung ihre verordnenden Ärzte haftbar zu machen.

Doch das ist auch jetzt schon möglich, denn Ihre Behandlungsempfehlungen entsprechen nicht einmal den Qualitätsstandards der PACE Trial. Vor eigenständigen Selbsthilfeansätzen, wie sie die Empfehlungen der DEGAM- Patientenbriefe („Schwimmen, Radfahren, Tanzen, Ballspiele“ etc.) darstellen, wird von den PACE-Autoren ausdrücklich gewarnt. Sie weisen auf die unbedingte Notwendigkeit hin, diese Behandlungen – wie in den Studienbedingungen – von in gleicher Weise qualifizierten und geschulten Ärzten und medizinischem Fachpersonal durchführen und überwachen zu lassen, um die Sicherheit der Patienten nicht zu gefährden. [White et al., 2011; Wolfson Institute, 2011]

Auch die in Ihrer Leitlinie vielzitierte britische NICE-Guideline 53 warnt davor, dem Patienten unstrukturierte Ratschläge wie „Gehen Sie ins Fitnessstudio“ oder „Trainieren Sie mehr“ zu geben, weil derartige, nicht überwachte Aktivitäten die Symptome der Krankheit verschlechtern können. [NICE, 2007] Und dennoch sollen, wie die von Ihnen verfasste Leitlinie vorschlägt, die deutschen Allgemeinmediziner ihren Patienten genau solche undifferenzierten Ratschläge erteilen!

Abseitige, einen eklatanten Mangel an Fachkenntnis offenbarende Empfehlungen gehören nun hoffentlich bald der Vergangenheit an. Ebenso wie Beiträge und Kommentare von der Art des Nicht-Mediziners und Soziologen Martin Beyer, der Leitlinienpate war. Hier sei als Beispiel dieser auf sein Konto gehende, in die Leitlinie eingeflossene Satz genannt: „Die insbesondere nach dem kanadischen Dokument – ohne sinnvolle Konsequenz – vorgeschlagenen Zusatzuntersuchungen haben zusammengenommen ein an Körperverletzung grenzendes iatrogenes Pathogenisierungspotential.“ Ein „an Körperverletzung grenzendes iatrogenes Pathogenisierungspotential“ haben in der Tat die unstrukturierten Behandlungsempfehlungen der DEGAM, nicht aber die Vorschläge der von Herrn Beyer diskreditierten internationalen ME-Experten, die das Kanadische Konsensdokument verfasst und eine Auswahl sinnvoller und notwendiger Untersuchungen zusammengestellt haben, die sachunkundigen Ärzten Hilfestellung bei der differentialdiagnostischen Abgrenzung bieten.

Auch Kommentare wie z.B. diesen, den Herr Beyer (bezugnehmend auf die Einwände von Vertretern von Patientenorganisationen, die mit Hinweis auf die belgische Studie von Maes/Twisk [Maes und Twisk, 2009] auf die Schädlichkeit der verhaltenstherapeutischen/psychiatrischen Aktivierungstherapie aufmerksam machten, und die er sarkastisch als „Freunde“ titulierte) als Randnotiz verfasste, möge man uns bitte in Zukunft ersparen: „Twisk et al. ist ja offenbar die Kernmunition unserer Freunde – hier muß noch etwas sauberer argumentiert werden. Ich kenne die Arbeit nicht, aber angeblich wird im Kern ja nur gemault, dass irgendwelche belgischen Müden, die auf Gutschein zur Exercise geschickt worden waren, das gar nicht lustig fanden. Gibt es tatsächlich Belege dafür, dass eine Überlastung schon einmal jemandem ernsthaft geschadet hat, ihn in den Rollstuhl und sogar ins Grab gebracht hat?“ [Zitiert aus Clos et al., 2012]

Solche launig-flapsigen Anmerkungen, die nicht nur Herrn Beyers dürftigen Wissensstand dokumentieren, sondern auch Zweifel an seiner ethischen Grundeinstellung aufkommen lassen, können die großenteils schwerkranken Menschen nur als blanken Hohn empfinden. Man fragt sich bei einem zynischen Kommentar wie diesem, ob Herr Beyer charakterlich geeignet ist, um die Belange von Kranken zu beurteilen. Über die notwendige fachliche Kompetenz verfügt er ganz offensichtlich nicht.



Hoffen wir jetzt mal, dass die Überarbeitung der Leitlinie bzw. eine Neufassung dieses Mal kompetenter begleitet wird! Ich nehme an, dass Ihnen und Ihren Mitautoren die neuesten biomedizinischen Forschungsergebnisse bekannt sein werden, da ja auch die deutsche Presse ausgiebig über einige Studien berichtete? Falls nicht, zähle ich hier gerne noch mal einige von ihnen auf:

  • beispielsweise die Studien, die eine Zustandsverschlechterung nach Belastung objektivieren [Snell et al., 2013; Keller et al., 2014; Vermeulen und Vermeulen van Eck, 2014; Lengert und Drossel, 2015] 
  • die Studien zur Immundysfunktion, wie z.B. die 2014 publizierte Studie australischer Autoimmunforscher, die bei bettlägerigen und moderat erkrankten „ME/CFS“-Patienten signifikante Veränderungen aller untersuchten Zelltypen des angeborenen wie des erworbenen Immunsystems fanden, mit der Tendenz größerer Abweichungen bei den schwer Erkrankten [Marshall-Gradisnik et al., 2014] 
  • die Studie von Hornig et al., die eindeutige Nachweise für die immunologische Fehlfunktion und für eine krankheitsspezifische Immunsignatur bei den „ME/CFS“-Patienten erbrachte [Hornig et al., 2015] 
  • die neuen Gehirnstudien, wie etwa die im Juni 2014 veröffentliche Studie von Watanabe et al., die Belege für Neuroinflammation in ausgedehnten Hirnarealen „ME/CFS“-Kranker lieferte, die jeweils mit der Schwere der neurologischen Symptome verknüpft war [Watanabe et al., 2014] 
  • die im Februar 2015 veröffentlichte Studie der Stanford University, die großes mediales Interesse erregte, weil sie gleich drei Gehirnanomalien bei „ME/CFS“-Patienten identifizierte [Zeineh et al., 2015]
  • die erfolgreichen norwegischen Behandlungsstudien mit dem Krebsmedikament Rituximab [Fluge et al., 2011 und 2015]
  • Carmen Scheibenbogens Studie aus dem Jahr 2015, die bei knapp 30% der untersuchten „CFS“-Patienten erhöhte Antikörper gegen einen oder mehrere muskarinische Acetylcholinrezeptoren und einen β-adrenergen Rezeptor nachwies, die als potentielle Biomarker für die Reaktion auf eine B-Zell-dezimierende Therapie in Frage kommen [Loebel et al., 2015]
  • Maureen Hansons Mikrobiom-Studie, die eine verarmte Darmflora bei „ME/CFS“-Patienten nachwies und Hinweise auf eine anhaltende Schädigung der Darmschleimhaut gab, da spezielle erhöhte Entzündungswerte im Blut der Patienten mikrobielle Translokation belegten [Giloteaux et al., 2016]
  • die neue Studie von Robert Naviaux, der im Blut der Patienten Anomalien bei mehr als 60 Metaboliten in 20 Stoffwechselwegen fand, die „CFS“-Kranke von den Kontrollen unterschieden, und deren Resultate zeigen, dass die metabolischen Besonderheiten einer „CFS“-Erkrankung einem hypometabolischen Zustand entsprechen [Naviaux et al., 2016]

Alle genannten Studien werden übrigens in der internationalen Fachpresse als weitere Belege dafür gewertet, dass die Krankheit organpathologische Ursachen hat und nicht psychogen ist. Zusammen mit den übrigen 6000 Studien also genügend Material für Sie und Ihre Mitautoren, um einen dringend notwendigen Kurswechsel bei der DEGAM einzuläuten und endlich die Organpathologie dieser schweren Krankheit anzuerkennen und die oftmals grausame Realität der Betroffenen zur Kenntnis zu nehmen!



Zum Abschluss erlaube ich mir, aus dem im Jahr 2015 veröffentlichten Report des amerikanischen INSTITUTE OF MEDICINE zu zitieren:

The primary message of this report is that ME/CFS is a serious, chronic,
complex, and systemic disease that frequently and dramatically limits the
activities of affected patients. In its most severe form, this disease can consume
the lives of those whom it afflicts. It is “real.” It is not appropriate to
dismiss these patients by saying, “I am chronically fatigued, too.”

Beyond Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome: Redefining an Illness. S. 5

Conclusion: It is clear from the evidence compiled by the committee that ME/CFS is a serious, chronic, complex, and multisystem disease that frequently and dramatically limits the activities of affected patients. 

Beyond Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome: Redefining an Illness. S. 209


Ich wünsche mir, dass die „ME/CFS“-Patienten auch in Deutschland endlich ernst genommen werden. Eine komplette Neufassung einer ärztlichen Leitlinie zu dieser Krankheit, wie oben vorgeschlagen, wäre nur ein erster Schritt in diese Richtung!

Hoffnungsvoll verbleibe ich mit freundlichen Grüßen,

Katharina Voss

(Mutter zweier sehr schwer betroffener Töchter)

P.S.: Dieser Brief erscheint auf meinem Blog http://meversuscfs.blogspot.de/.



(Nachtrag für die Erkrankten: Hier können Sie den Brief herunterladen. Hier können Sie eine Unbedenklichkeitsbescheinigung für Ihre Behandler herunterladen und hier meine Studienliste, die Sie dem verordnenden Behandler zusammen mit der Unbedenklichkeitsbescheinigung überreichen. Zusätzlich können Sie auch diese, seit 2012 nicht mehr aktualisierte Studienliste von Frau Clos auf cfs.aktuell.de ausdrucken und Ihrem Behandler übergeben.)

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Wolfson Institute of Preventive Medicine, Centre for Psychiatry “PACE trial”, 2011 http://www.wolfson.qmul.ac.uk/current-projects/pace-trial#news

Zeineh M et al. „Right Arcuate Fasciculus Abnormality in Chronic Fatigue Syndrome“, Radiology, 2015.

Bildnachweise:

Émile Zola, J`accuse (Autograph), www.commons.wikimedia.org
Gerard ter Borch, Die Briefschreiberin, www.commons.wikimedia.org
Gerard ter Borch, Dame, die einen Brief liest, www.commons.wikimedia.org
Gerard ter Borch, Frau, die einen Brief vorliest, www.commons.wikimedia.org
Giuseppe Arcimboldo, Der Koch, www.commons.wikimedia.org
Erste Briefmarke, (One) Penny Black, www.commons.wikimedia.org
Jacques Louis David, Der Tod des Marat, 
www.commons.wikimedia.org

Katharina Voss, Copyright 2016











Mittwoch, 7. September 2016

Naviaux & Co – wo steckt der Wurm in der Studie?


(Update des Blogeintrags am 30.09.2016)

Viele Forscher, die die ME-Bühne neu betreten, glauben, sie könnten das Feld von hinten aufrollen. So auch Robert K. Naviaux, ein umtriebiger Wissenschaftler, der in Göttingen Biochemie studiert und sich international einen Namen mit seinen Arbeiten auf den Gebieten Humangenetik, angeborene Stoffwechselstörungen, Metabolomik und Mitochondrienerkrankungen gemacht hat und u.a. Leiter eines Labors ist. Er legte nun mit seinen Co-Autoren eine Arbeit zum „Chronic Fatigue Syndrom“ vor, in der die metabolischen Besonderheiten (die den Stoffwechsel betreffenden Abweichungen) von „CFS“-Patienten untersucht wurden.*

In dieser Studie, die weltweit ein großes mediales Echo erzeugte, wurde das Metabolom der Patienten analysiert und mit dem von gesunden Kontrollen verglichen. (Der Begriff Metabolom leitet sich von Metabolismus, Stoffwechsel, ab. Alle charakteristischen Stoffwechseleigenschaften einer Zelle bzw. eines Gewebes werden mit dem Begriff Metabolom erfasst.)

Im Blut der „CFS“-Patienten wurden Anomalien bei mehr als 60 Metaboliten (Stoffwechselzwischenprodukten) in 20 Stoffwechselwegen gefunden, die „CFS“-Kranke von den Kontrollen unterschieden. Die Resultate zeigen, dass die metabolischen Besonderheiten einer „CFS“-Erkrankung einem hypometabolischen Zustand (herabgesetzter Stoffwechsel) entsprechen. Das chemische Profil der erkrankten Probanden ähnele dem von Lebewesen (Anm. d. A.: z.B. Fadenwürmern), deren Stoffwechsel sich unter widrigen Umweltbedingungen verlangsame, um den Zelltod zu verhindern, schreiben die Autoren. Während der hypometabolische Zustand, der als Dauer oder Dauerstadium bezeichnet wird, Tieren das Überleben sichere, verursache er dem Menschen Schmerzen, Leiden und Behinderungen. 




Je weniger Metabolite sich im Blut befanden, desto schwerer war das Krankheitsbild des Patienten. Mit „CFS“ assozieren ließ sich jedoch nur ein Teil der gefundenen Anomalien, denn insgesamt stimmten nur 25% der stoffwechselbedingten Störungen bei den Patienten überein. Für eine akkurate Diagnosestellung muss also nicht auf alle 60 Metabolitenanomalien, die Patienten von gesunden Kontrollen unterscheiden, getestet werden. Bei den männlichen Patienten genügte es, 8 Metaboliten, bei den weiblichen 13 zu analysieren, um im Blindtest eine diagnostische Trefferquote von über 90% zu erzielen.

Trotz der Heterogenität der Faktoren, die ein „CFS“ auslösen können, fiel die zelluläre metabolische Reaktion der Patienten homogen aus und war statistisch robust. Die Entdeckung einer objektivierbaren chemischen Signatur bei „CFS“-Patienten könnte zur Entwicklung eines diagnostischen Testverfahrens führen, mit dem Betroffene in der Praxis früher und sicherer als bisher identifiziert werden können. Die restlichen 75% der metabolischen Anomalien waren individuell unterschiedlich. Das würde erklären, warum manche Behandlungen bei einigen wenigen Patienten anschlagen, bei vielen anderen jedoch nicht. Die Identifizierung dieser einzigartigen Störungen bei jedem einzelnen Patienten könnte die Möglichkeit eröffnen, Therapien in Zukunft individuell anzupassen.

Doch um welche Therapien geht es dabei?


Die Autoren der Studie meinen, theoretisch ließen sich schrittweise Verbesserungen mit Nahrungsergänzungsmitteln (NEM) erreichen. Das ist eine verblüffend simplifizierende Antwort auf einen komplexen Befund, so als ob man einen Diabetes Typ I mit ein paar Vitaminen und Zimt oder eine HIV-Infektion mit Echinacea zur Stärkung des Immunsystems kurieren möchte. Den Autoren dürfte zudem bekannt sein, dass Behandlungen mit NEM die meisten Patienten ihrer letzten Ersparnisse beraubt haben – und zwar ohne durchschlagenden Erfolg. Immerhin räumen sie ein, Manipulationen mittels Folsäure, Vit. B12 u.a.m., wie sie ihnen vorschweben, seien noch nicht in einer streng konzipierten klinischen Studie getestet worden.

Darüber hinaus behaupten sie, Achtsamkeit bei Ernährung und Stoffwechsel, Triggern und Stressoren sowie körperliche Aktivität und Maßnahmen in puncto Lebensstil könnten effektive Behandlungsmethoden sein.

Man fragt sich unwillkürlich nach der Praxiskompetenz der Autoren. Wie gut kennen sie das Leben der Patienten und die Bedingungen, unter denen diese existieren müssen? Wissen sie überhaupt, was abertausende Patienten schon alles ausprobiert haben, um wieder auf die Beine zu kommen, bis sie erkennen mussten, dass alle Mühe vergebens war und die Abwärtsspirale nicht aufzuhalten? Wollen sie das überhaupt wissen? Kennen sie die Patienten, die nachmittags die Zeitung aus dem Briefkasten fischen, um wenigstens die Überschriften zu lesen, obwohl es große Mühe macht, sie überhaupt zu kapieren? Abends unter Mobilisierung aller Kräfte ein Tiefkühlgericht in die Pfanne hauen oder eine Scheibe Brot verdrücken, aber den Abwasch auf morgen verschieben wie auch schon die Dusche, die seit zwei Wochen überfällig ist? Kennen sie die Kranken, die vom Sofa zum Kühlschrank kriechen? Oder sich auf den Toilettenstuhl neben dem Bett hieven? Oder 24 Stunden mit Schmerzen und Myriaden von Symptomen im Dunkeln liegen und versuchen zu atmen, zu essen und zu verdauen und dabei nicht verrückt zu werden?



Wenn man schon die Überleben sichernde metabolische Schutzreaktion von Würmern mit der von kranken Menschen vergleicht, bei denen sie auch ganz offensichtlich eine Schutzfunktion innehat, dann müsste man doch zumindest die gleichen Schlussfolgerungen ziehen und dürfte eben genau nicht vorschlagen, den Patienten mit Nahrungsergänzungsmitteln und Aktivierung aus seinem Dauerstadium zu holen. Versuche, diesen Zustand mit Aktivierung zu beenden, könnten nämlich für Menschen die gleichen schwerwiegenden negativen Folgen wie für Tiere haben. (Und das zeigen ja auch die Patientenerfahrungen sowie zahlreiche Studien!)

Folglich kann die einzig angemessene therapeutische Antwort doch nur sein, die Ursache dieser metabolischen Schutzreaktion herauszufinden und dann diese Ursache anzugehen und nicht, wie die Autoren vorschlagen, den Kranken gewissermaßen künstlich mit den ihm aus gutem Grund fehlenden Vitalstoffen und Aktivierung aus seinem Dauerstadium zu reißen. Zumal der hypometabolische Zustand bei den Erkrankten nicht vorübergehender Natur ist wie bei den Würmern beispielsweise, sondern als Teil eines in den meisten Fällen erst mit dem Tod endenden Pathomechanismus zu begreifen ist.

Interessenkonflikte und Studienkohorte

Warum also eine aufwendige Metabolom-Studie, die weltweit gefeiert wird, als würde es sich hierbei um einen medizinischen Durchbruch handeln, wenn am Ende nur lausige Therapieempfehlungen herauskommen, die noch keinem ME-Patienten geholfen haben und die schon für nur moderat Betroffene nicht umsetzbar sind?

Die Autoren geben an, keine Interessenkonflikte zu haben. Doch wenn man sich mal zwei von ihnen, Eric Gordon und Wayne Anderson, herauspickt, kommt man zu einem anderen Ergebnis. Sie bieten in ihrer Praxis Nahrungsergänzungsmittel an und führen sogar eine Online-Apotheke. 
Die Tinte des Studienpapiers war noch kaum trocken, da bewarben die beiden bereits ihre Praxis ungeniert auf dem Hintergrund der Studienergebnisse, wobei die Story von einer Patientin mit wundersam fortschreitender Regeneration dank ihrer Behandlungsangebote natürlich nicht fehlen durfte.


Auch Co-Autor Neil Nathan ist bei Gordon Medical Associates, wie den Autoreninformationen der Studie zu entnehmen ist, betreibt aber wohl auch seine eigene Praxis. (Für eine Stunde Konsultation verlangt er stolze 500 Dollar, zahlbar im Voraus!) Schon seit Jahren verkauft Nathan genau die von den Autoren ins Auge gefassten NEM, u.a. auch über die NEM-Firma ProHealth. Es verwundert dann doch, dass die Autoren der Studie ihre geschäftlichen Verquickungen nicht als Interessenkonflikt wahrnehmen wollen.






Mutmaßlich würde auch Robert Naviaux über seine Patentrechte finanziell von einem Metaboliten-Test profitieren. Daran ist weiter nichts auszusetzen. Denn so ein diagnostischer Test wird dringend gebraucht, ein kostengünstiger und vor allem allgemein anerkannter Biomarker, der zuverlässig die Erkrankten identifizieren kann. Ob dieser Metaboliten-Test nun aber Fluch oder Segen über die Patienten bringen wird, bleibt vorerst noch abzuwarten. Denn was, wenn die neuen Marker gar nicht zur Abgrenzung von anderen Erkrankungen taugen? Was, wenn Vergleichsstudien mit „verwandten medizinischen Störungen wie Depression und Posttraumatische Belastungsstörung“, die die Autoren vorschlagen, zu gleichen oder ähnlichen Ergebnissen kommen?

Schon die Tatsache, dass die Autoren Depression und PTSD als verwandte oder ähnliche Erkrankungen betrachten, muss tief beunruhigen. Auch der sorglose Umgang mit dem Begriff Chronic Fatigue, der im Papier gleich mehrfach auftaucht. Denn „Chronic Fatigue“ bezeichnet – nach den von den Autoren verwendeten Kanadischen Konsenskriterien – keineswegs die pathologische, physiologisch und biochemisch nachweisbare Erschöpfung, unter der ME-Patienten leiden, und deshalb darf dieser Begriff auch nicht mit ME und „CFS“ verwechselt werden.

Schauen wir uns also an, welche Patienten überhaupt untersucht wurden. Die ausgewählten Patienten erreichten relativ hohe Werte auf der Karnofksi-Skala, die Männer im Schnitt 62%, die Frauen 54%. [Table 1] Behindert und auf qualifizierte Hilfe angewiesen, wie das Gros der ME-Patienten, ist man jedoch erst ab 40%. Es waren zwar auch mindestens zwei schwerbehinderte Patienten mit 30% dabei, jedoch auch mindestens zwei mit 90%, was bedeutet, dass diese Personen eine normale Leistungsfähigkeit besitzen und kaum oder nur geringe Symptome haben. Dennoch sollen die Patienten neben den laxen IOM- und weitgefassten Fukuda-Kriterien auch die Kanadischen Konsenskriterien erfüllt haben. Doch 90% auf der Karnofski-Skala ist mit keiner der drei Krankheitsdefinitionen vereinbar. Die meisten Studienteilnehmer waren Patienten von Gordon Medical Associates, wie in dem Artikel zu lesen ist, der die Praxis promotet. Ob Besitzer schicker Lifestyle-Praxen, die bei dieser Studie für die Probandenauswahl zuständig waren, aber auch tatsächlich ME-Experten sind, bleibt zumindest fraglich. 

Sorge muss auch die Einbindung der Psychologin Asha Baxter bereiten, die die Patientenrekrutierung, die Krankengeschichten und die klinischen Daten koordinierte. Sie gehört ebenfalls zum Mitarbeiterstab von Gordon Medical Associates und ist u.a. Master-Practitioner für Neuro-Linguistisches Programmieren. Das ist eine – zunächst – aus verschiedenen psychotherapeutischen Ansätzen entwickelte, vielfach als unwissenschaftlich geltende Methode des Kommunikations- und Verhaltenstrainings, die hauptsächlich auf dem Weiterbildungsmarkt Anwendung findet. Baxter beschäftigt sich u.a. auch mit Biosyntonie, einem Verfahren, das mittels aus Kristallen zusammengesetzten Keramikscheiben, die dem Patienten aufgelegt werden, die natürlichen Heilkräfte des Körpers wecken und die körpereigenen Energiesysteme ins Lot bringen soll. Außerdem ist Baxter begeisterte Anhängerin vom Heilen durch Handauflegen. Ebenfalls aufhorchen lässt, im Zusammenhang mit der Naviaux-Studie, dass sie an Phantomglied-Studien des Neurowissenschaftlers Vilayanur Ramachandran beteiligt war, der die umstrittene These vertritt, dass der Phantomschmerz durch fehlerhafte Anpassungen der Großhirnrinde verursacht werde.

(Nun ja, hoffen wir mal, dass die oftmals berührungsempfindlichen ME-Patienten sich in Zukunft bei der Reha nicht mit Keramikscheiben beschweren, von heilenden Händen begrabbeln und ihr Gehirn umprogrammieren lassen müssen, um ihrer Mitwirkungspflicht nachzukommen – bevor sie, solchem Firlefanz weiterhin krank oder sogar noch kränker entronnen, endlich berentet werden dürfen.)



Gewagte Hypothese

Das Interview zur Studie weist auch Hauptautor Robert Naviaux nicht gerade als ME-Experten aus. Naviaux sagt, wenn die hypometabolische Antwort auf eine Bedrohung mehr als 6 Monate andauere, könne das „CFS“ verursachen und zu chronischen Schmerzen und Behinderung führen. Doch das typische Krankheitsbild der ME oder des „CFS“, wie er es nennt, beginnt unvermittelt mit einem initialen Auslöser, z.B. einem banalen Infekt, einer schweren Infektion, einer Impfung oder Giftstoffexposition. Und bizarre, ME-typische Symptome, die die Patienten überfallen und die von ihnen sofort als äußerst ungewöhnlich, weit über die gewöhnliche Infektsymptomatik hinausgehend und als noch nie zuvor erlebte Krankheitsphänomene beschrieben werden, treten i.a.R. bereits spätestens nach 1-2 Wochen auf – wenn sie nicht schon vom ersten Tag an registriert werden!

D.h. ein „CFS“ entwickelt sich nicht erst 6 Monate nach einer initialen Infektion oder dergleichen, wie Naviaux` Erklärung nahelegt, sondern man hat es von Anfang an. Und selbst die nur mild oder mild/moderat Betroffenen, die zweifelsohne häufiger als schwerer Betroffene eine Remission bzw. meist nur eine Teilremission erleben, bleiben betroffen und sind lebenslang der Gefahr ausgesetzt, einen schweren Rückfall zu erleiden. Wie Naviaux ausgerechnet auf die Zahl von 6 Monaten kommt, verrät er leider nicht. Ob er sich damit auf diverse Krankheitsdefinitionen bezieht? Doch die stellen nicht in Frage, dass die Krankheit sofort – mit dem initialen Auslöser – beginnt. Sie verlangen die 6-Monatsfrist nur aus einem Grund, nämlich um ME bzw. „CFS“ einigermaßen zuverlässig gegen andere Erkrankungen – auch vorübergehende postinfektiöse Zustände – abgrenzen zu können.

Naviaux` Ausführungen zeugen von wenig Patientenkontakt und leider auch einem erschreckenden Mangel an Hintergrundwissen zur Krankheit. Bei seiner ätiologischen Hypothese wird`s folglich gewagt. Er ist überzeugt, dass die trotz unterschiedlicher Krankheitsauslöser homogene zelluläre metabolische Reaktion auf Umweltstressoren (biologische oder chemische Belastung, physisches oder psychisches Trauma) der Grund für die metabolischen Besonderheiten bei „CFS“ sei und nicht etwa der jeweilige Trigger der Krankheit.

Doch das klingt wie ein Zirkelschluss: Der Grund für die Anomalien sind die Anomalien. Denn hier wird nicht die Frage beantwortet, warum die Patienten auf die Stressoren mit einem hypometabolischen Zustand reagieren, anstatt gesund zu bleiben wie die meisten anderen Menschen auch. Diese Frage wird nicht einmal gestellt.

Wenn die zelluläre metabolische Reaktion auf unterschiedliche Auslöser bei den Patienten homogen ausfällt, muss man dann nicht eher davon ausgehen, dass die Auslöser gar nicht die entscheidende Rolle spielen, sondern ein dritter, bislang unentdeckter Faktor im Spiel ist, der für die homogene Reaktion ursächlich verantwortlich ist? Darf man so glattweg wie die Autoren schließen, dass, wenn keiner der von den Patienten berichteten Auslöser den hypometabolischen Zustand erklärt, auch kein anderer, den Patienten und Autoren nicht bekannter Auslöser dafür verantwortlich sein könnte? Ein solcher Schluss klingt nicht sehr wissenschaftlich.

Denn hier müsste doch wohl die Frage nach einer anderen gemeinsamen Ursache aufgeworfen werden. Der Auslöser ist schließlich nicht zwingend die Ursache der Krankheit. Verwechseln Naviaux et al. die Begriffe Auslöser und Ursache etwa? Das mag man kaum glauben.

Die Auslöser der Krankheit sind zudem meist selbst berichtet und die der Krankheit vorangegangenen Ereignisse nur das, was die Patienten oder ihre behandelnden Ärzte für den jeweiligen Auslöser halten. Nimmt man einen Perspektivwechsel vor, so fragt sich sogar, ob etliche der Auslöser nicht in Wirklichkeit sogar bereits die Anzeichen bzw. Vorzeichen der Krankheit sind. Betrachtet man das Krankheitsgeschehen z.B. aus dem Blickwinkel eines AIDS-Patienten der frühen 80er-Jahre, der noch nicht wissen konnte, dass das HI-Virus für seine opportunistischen Infektionen ursächlich verantwortlich ist, so hätte der damals auch sagen können: Der Auslöser meiner Krankheit war das Lymphadenopathie-Syndrom, danach ging es mit mir gesundheitlich abwärts.

Doch sein Lymphadenopathie-Syndrom war nicht der Auslöser und auch nicht die Ursache seiner Erkrankung, wie sich spätestens nach der Entdeckung des HI-Virus herausstellte, sondern bereits ein Resultat, ein Anzeichen seiner zuvor stummen HIV-Infektion, die in ihm schlummerte. Ebenso ist es möglich, ja, sogar wahrscheinlich, dass die Kaskade von Infektionen, die viele ME-Patienten häufig schon Jahre vor dem eigentlichen Ausbruch der Krankheit erleben, bereits ihre Vorzeichen sind, also eine Form von mildem ME – noch ohne die dann plötzlich auftretende, als sonderbar empfundene, sich kumulierende und schließlich alle Körpersysteme betreffende Symptomatik. Gleichermaßen bei den Patienten, die sich als zuvor kerngesund beschreiben, wäre dann der initiale Infekt nicht als Auslöser, sondern als erstes Anzeichen der Krankheit aufzufassen. (Übrigens haben die frühen ME-Forscher in ihren Arbeiten auch nicht von Auslösern oder Triggern gesprochen, sondern von Prodromi. Sie haben die Symptome des initialen Infekts also bereits als Teil der Krankheit, als ihre uncharakteristischen Vorzeichen bzw. Frühsymptome gewertet.)

Was die Systematisierung der Krankheit betrifft, wird Naviaux im Interview noch deutlicher als in der Studie. Er behauptet, die chemische Signatur, die sie entdeckt hätten, sei ein Beweis dafür, dass „CFS“ eine „objektive Stoffwechselstörung“ sei, die den mitochondrialen Energiestoffwechsel, die Immunfunktion, die gastrointestinale Funktion, das Mikrobiom, das autonome Nervensystem, das neuroendokrine System und andere Gehirnfunktionen beeinträchtige.

Doch reicht die Feststellung, dass sich bei „CFS“-Patienten Metabolitenanomalien zeigen, für eine solche Einordnung aus? ME oder „CFS“ nur eine Stoffwechselstörung? Kann man eine so facettenreiche Krankheit, die von Naviaux et al. nur unter einem Gesichtspunkt studiert wurde, so mir nichts dir nichts in eine Schublade stecken unter Missachtung aller übrigen Forschungsergebnisse? Wäre es nicht auch eine Nummer kleiner gegangen, z.B. mit einer Feststellung wie: „CFS“ ist unter anderem eine Stoffwechselstörung? Oder „CFS“ löst unter anderem eine Stoffwechselstörung aus?



Obacht bei Forschern, die den epidemischen Charakter von ME nicht zur Kenntnis nehmen!

Aber vor allem: Wie passt Naviaux` Hypothese mit den ME-Epidemien und Clustern zusammen? Angesichts der horizontalen Übertragbarkeit und des komplexen Krankheitsbildes scheint es doch viel plausibler, dass die metabolischen Anomalien eine weitere Folge eines – wie auch immer – gearteten infektiösen Geschehens sind, das sich auf alle Organsysteme erstreckt.

Doch davon will Naviaux offenbar nichts wissen. Im Interview warnt er vor Langzeittherapien mit antimikrobiellen und antiviralen Substanzen, weil viele dieser Medikamente die mitochondrialen Funktionen hemmen und toxisch wirken können. Er ist gegen eine Verabreichung dieser Substanzen, wenn es „nicht länger gute Beweise für eine aktive Infektion“ gibt. Darüber hinaus vertritt er die Ansicht, dass „CFS“-Patienten nur selten von diesen Mitteln profitieren. Und wenn sie ihnen helfen, dann nicht aufgrund der herkömmlichen Klassifikation dieser Medikamente als Antibiotika oder antivirale Mittel, sondern weil sie den Stoffwechsel beeinflussen.

Diese Aussage aus dem Mund eines Forschers, dessen Studie „nicht konzipiert war, die verschiedenen auslösenden Ereignisse zu untersuchen“, erstaunt dann doch. Dass Medikamente auch über ihre eigentliche Klassifikation hinaus wirksam sein können, ist keine Frage. Aber diese Hypothese aufzustellen, ohne die Studienteilnehmer auf ihre virale Belastung getestet zu haben, mutet fast schon tollkühn an. Selbst wenn frühere Befunde der Probanden keinen Anhaltspunkt für virale Belastungen lieferten, könnten sie dennoch vorhanden sein. Es ist schließlich bekannt, dass viele Viren im Blut schwer zu entdecken sind, weil sie langsam replizieren oder sich ganz ins Gewebe zurückziehen. Um also behaupten zu können, die Patienten würden nicht unter persistierenden Virusinfektionen leiden, die für das Krankheitsbild verantwortlich sind, hätte man Gewebeproben nehmen müssen und auf alle bekannten und auch unbekannten Viren und Retroviren testen müssen.



Gefährliche Nähe zu den Theorien der Wessely School

Obwohl Naviaux im Interview die Frage, ob seine Entdeckung einer chemischen Signatur den Mythos von einer eingebildeten, nicht realen Krankheit zerstöre, bejaht, tun sich mehr Fragen als Antworten zu seiner tatsächlichen Position auf.

Um Naviaux` Nähe zu den Theorien der britischen Wessely School bzw. dem ihres biopsychosozialen Krankheitsmodells aufzuzeigen, muss ich ein wenig ausholen. Der von Naviaux geprägte Begriff Cell Danger Response (CDR) meint die evolutionär konservierte metabolische Reaktion, die Zellen und Wirte vor Schädigung durch biologische, chemische und physikalische Bedrohungen schützt. Nun waren einige Metabolite, die üblicherweise bei einer akuten CDR erhöht sind, wie Naviaux in früheren Arbeiten dokumentierte, bei den „CFS“-Patienten erniedrigt. Naviaux schlussfolgerte, im Falle von „CFS“, bleibe die CDR „stecken“ und sei – trotz Abwesenheit einer anhaltenden Bedrohung – nicht in der Lage, den Gefahrenmodus zu überwinden. Deshalb käme es zum nächsten Schritt, der mit einer Art „Belagerungs-Stoffwechsel“ einhergehe. Dabei verfestigt sich der hypometabolische Zustand, obwohl die Gefahr, z.B. eine Infektion, längst gebannt ist. Der „Belagerungs-Stoffwechsel“ sorgt für eine Drosselung der Mitochondrienfunktion. Dadurch können die eindringenden Pathogene, die laut Naviaux ja nicht mehr vorhanden sein sollen, sie sich nicht mehr nutzbar machen. Mit meinen Worten sehr vereinfacht ausgedrückt: „CFS“ ist, wenn ich Naviaux richtig verstehe, ein Versagen einer adäquaten Stoffwechselantwort.

Was hat diese Theorie mit den Theorien der Wessely School zu tun? Die meisten Anhänger dieser psychiatrischen Richtung behaupten ja längst nicht mehr, dass diese Krankheit nicht real sei. Man hat sich inzwischen – zumindest offiziell – weitgehend auf die Sprachregelung, die Patienten stünden unter einem hohen Leidensdruck, verständigt. (Dass das nur ein Lippenbekenntnis ist, steht auf einem anderen Blatt.) Die Wessely School-Adepten verfolgen mittlerweile die Hypothese, dass die Patienten zunächst tatsächlich körperlich krank sind, einen initialen Infekt durchmachen. Doch im Anschluss daran, nachdem der Infekt bereits überwunden ist, entwickeln sie sogenannte falsche Krankheitsüberzeugungen. Weil sie glauben, physische Aktivitäten könnten ihnen immer noch schaden und die Krankheit verschlimmern, stellen sie dann ihre Aktivitäten ein und entwickeln eine Trainingsphobie, die schließlich zu ihrer Dekonditionierung führt. Dieses Furcht-Vermeidungsverhalten wird von den Verfechtern des biopsychosozialen Krankheitsmodells, zu denen auch die Wessely School zählt, als ein krankheitsaufrechterhaltender Teufelskreis angesehen, der nur mit Hilfe von Aktivierung (Graded Exercise Therapy) und Kognitiver Verhaltenstherapie zu durchbrechen ist.

Die Parallelen zu den Auffassungen von Naviaux et al. liegen auf der Hand: Während die einen, Naviaux und Kollegen, „CFS“ für ein Versagen der Stoffwechselantwort auf eine längst gebannte Gefahr halten, betrachten die anderen, Wessely-Adepten, „CFS“ als Versagen der Psyche auf einen längst überwundenen Infekt. Es würde nicht verwundern, wenn die Wessely School in absehbarer Zeit den Versuch unternähme, ihre psychiatrische Hypothese auf der biologischen Ebene mit Naviaux` Resultaten zu untermauern. Zumal beide, sowohl Naviaux et al. als auch die Wessely-Anhänger, in ihren Behandlungsempfehlungen weitgehend übereinstimmen: Aktivierung und Änderung des Lebensstils!



Kleiner Exkurs zum neuesten Forschungsvorhaben der Briten

Und tatsächlich, gerade mal ein knapper Monat ist vergangen seit Veröffentlichung dieser Studie, da kündigt die britische M.E./CFS Epidemiology and Genomics Alliance (MEGA) eine "biomedical 'big data'"-Studie an, an der 12.000 Patienten mit "M.E./CFS" teilnehmen sollen. Das klingt zunächst toll, doch wenn man die Liste der MEGA-Mitglieder durchgeht, stößt man auf Namen wie Peter White (PACE trial-Studienleiter), Esther Crawley (MAGENTA-Studienleiterin, eine PACE trial mit Kindern) und weitere Anhänger der Wessely School. MEGA hat sogar eine Petition gestartet, um sich die Unterstützung der Erkrankten zu sichern - vorgeblich deshalb, weil man auf diese Weise Entscheidungsträger dazu bewegen will, Forschungsgelder lockerzumachen. Doch es steht zu befürchten, dass MEGA aus einem ganz anderen Grund auf Patientenstimmenfang geht. Nämlich, um nach Präsentation der Studienresultate Proteste aus der ME-Community mit Verweis auf die breite Unterstützung durch die Betroffenen gleich im Keim ersticken zu können.

Offenbar hat die Wessely School ihre Lehren aus den PACE trial-Protesten gezogen. Diesen will man nun zuvorkommen, auch indem man sich an den "neuesten Trend" in der ME-Forschung anhängt. Inhaltlich knüpft MEGA mit Schlagworten wie Genetik, Epigenetik, Proteomik, Metabolomik und sprachlich mit Reizworten wie big data an die international von vielen Patienten gestützte "ME/CFS Severely ill Big Data Study" und offensichtlich auch an die Naviaux-Studie an. Man scheut sich anscheinend nicht, mit den übelsten Verkauftstricks zu arbeiten. Dabei wird die MEGA-Studie auf Jahre sämtliche britischen Forschungsressourcen verbrauchen. Doch ob die Resultate irgendeinen Nutzen für die ME-Kranken haben werden, ist mehr als zweifelhaft. MEGA beabsichtigt zwar, mittels der erhobenen Daten diagnostische Tests zu entwickeln und Behandlungen für jede Untergruppe der Erkrankten, aber da nicht einmal die Eingangskriterien für die Studie preisgegeben wurden, muss man leider annehmen, dass hier wieder nur ein Haufen "Müder" und "Erschöpfter" untersucht werden soll. 

Und dennoch lässt man sich die Zustimmung der ME-Patienten vorab zusichern. Diese Vorgehensweise ist perfide. Denn die meisten Patienten wissen gar nicht, was sie da unterzeichnen. Sie sehen nur das positiv besetzte Reizwort "biomedical research" und sind völlig ahnungslos, welche verheerenden Folgen ihre Unterschriften möglicherweise haben werden. Es sieht ganz danach aus, als habe die Wessely School nun den Dreh raus, wie man die Patienten am besten hinter die Fichte führt: mit dem Zauberwörtchen biomedizinisch. Und tatsächlich mehren sich Stimmen von Patienten im Netz, die eingestehen, genau darauf hereingefallen zu sein und dabei die am Ende der Petition gelisteten Namen problematischer MEGA-Mitglieder überlesen zu haben.  

(Auch die britische Charity-Organisation Invest in ME gab ein sehr kritisches Statement zu MEGA ab und unterstützt dieses Vorhaben nicht. Man kann nur nachdrücklich davor warnen, die MEGA-Petition zu unterzeichnen. Falls Sie bereits unterschrieben haben, können Sie über diesen Link Ihre Unterschrift wieder rückgängig machen. Hier können Sie die "Gegen"-Petition - Opposing MEGA - unterschreiben!)




Keine Taschenspielertricks, Herr Naviaux!

Zurück zu Naviaux: Wie nah Naviaux den Theorien der Wessely School tatsächlich ist, wurde erst einige Wochen nach Erstveröffentlichung dieses Blogeintrags evident. In der Folgestudie nämlich, einer erweiterten Metabolom-Studie, werden die Studienteilnehmer nun nach Kindheitstraumen gefragt. (Siehe hier, Q1.1) Naviaux will herausfinden, ob Kindheitstraumata die Anfälligkeit erhöhen, später im Leben an "CFS" zu erkranken, wie er erklärte. Mit dieser Forschung reiht er sich nahtlos in die Riege derjenigen ein, die seit Jahren versuchen, einen Zusammenhang zwischen Kindheitstraumen und "CFS" herzustellen, beispielsweise Urs Nater und Christine Heim. 

Naviaux beruft sich jedoch auf die Arbeiten anderer Autoren, die Kriegsveteranen untersucht und ein erlittenes Kindheitstrauma als stärksten prädisponierenden Faktor ausgemacht haben, nach dem Einsatz im Irak oder Afghanistan an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) zu erkranken. Mutmaßlich bezieht er sich dabei auf Wessely-Studien. [Iversen et al. 2007; Iversen et al. 2008]

Was von Studien zu halten ist, die mithilfe von Fragebögen und retrospektiv Berichtetem operieren, habe ich bereits ausführlich in meinem Buch und auch hier und hier auf meinem Blog erläutert. An dieser Stelle nur soviel dazu: Im Rückblick selbst berichtete Kindheitstraumen stellen lediglich eine Meinungsäußerung der Probanden dar. Es sind nicht-validierte Selbstdiagnosen im Gegensatz zu der validierten Diagnose eines Fachmanns. Nicht jeder, der eine unglückliche Kindheit erlebte oder misshandelt wurde, ist dadurch traumatisiert. Zum Beispiel wurden Generationen von Kindern von ihren Eltern und Lehrern geschlagen, doch nur ein kleiner Prozentsatz dieser Kinder trug ein psychisches Trauma davon. (Mit diesem Beispiel soll körperliche Züchtigung keinesfalls gerechtfertigt und die oftmals verheerenden Folgen von Gewaltanwendung nicht kleingeredet werden.) 

Kranke Menschen - egal ob psychisch oder physisch krank -, die auf der Suche nach Antworten sind, weshalb sie krank wurden, werden durch die Fragebogentechnik jedoch leicht zu der Annahme verführt, dass die Misshandlungen in ihrer Kindheit für ihren heutigen schlechten Zustand verantwortlich sein könnten, obwohl sie in Wirklichkeit resilient sind und ihre Krankheit nichts mit schlechten Kindheitserfahrungen zu tun hat. (Ich verweise an dieser Stelle auch auf die Studie von Daniel Perl, die ich in diesem Blog vorgestellt habe. Perl untersuchte die Gehirne verstorbener US-Kriegsveteranen, die in Afghanistan und dem Irak gedient hatten und nach ihrer Rückkehr von Psychologen wegen ihrer Depressionen, Wutanfälle und Sprachstörungen mit PTSD diagnostiziert wurden. Perl entdeckte bei ihnen punktförmig vernarbtes Gewebe im Gehirn – irreparabel zerstört durch gewaltige Druckwellen, die der eigentlichen Detonation von Sprengkörpern vorangehen. Hirnschädigungen durch Überschallschock, so kann man seine Hypothese zusammenfassen, womit die Diagnose PTSD bei diesen Untersuchten post mortem hinfällig wurde.) 

Nun steht also zu befürchten, dass Naviaux in seiner Follow-up-Studie selbst berichtete, nicht durch die Diagnose eines Experten validierte Kindheitstraumata - Selbstdiagnosen, wohlgemerkt! - mit dem Risiko, später an "CFS" zu erkranken, verknüpfen wird - auch wenn diese Patienten gar kein Kindheitstrauma erlitten haben. Aber selbst wenn einige von ihnen tatsächlich in ihrer Kindheit traumatisiert wurden, bestünde nur eine Korrelation, jedoch keine Kausalität. (Der amerikanische Psychiater Leonard Jason hatte bereits 2002 festgestellt, dass die Prävalenzraten von sexuellem Missbrauch und Misshandlung bei Menschen mit „CFS“ vergleichbar sind mit denen, die man bei Individuen mit anderen Krankheiten findet: „Im Vergleich zu denen mit CFS, die über solche frühkindlichen Erfahrungen berichten, berichten die meisten Menschen mit CFS nicht über einen solchen Missbrauch." Ü.d.A.) 

Doch ein Studienresultat, dass eine solche Assoziation nahelegt, wäre Wasser auf die Mühlen der Wessely School und all derer, die "CFS" oder ME seit jeher psychopathologisieren. Durch Biomarker, die missbraucht werden können, um die Hypothese von den Kindheitstraumen als Ursache für eine spätere "CFS"-Erkrankung zu stützen, würden die Verfechter des biopsychosozialen Krankheitsmodells sich bestätigt fühlen. (Mit der MEGA-Studie will man womöglich auf genau diesen Zug aufspringen.) Der Druck auf die Patienten nähme zu, sowohl was verhaltenstherapeutische/psychiatrische Behandlungen als auch was ihre existenzielle Lage betrifft. Betroffene würden noch öfter zwangseingewiesen werden und Eltern noch häufiger als bisher das Sorgerecht für ihre ME-kranken Kinder verlieren, wenn sie einer Unterbringung in der Psychiatrie oder in einer psychosomatischen Reha ihre Zustimmung verweigern. 

Naviaux` diesbezügliches Forschungsinteresse muss besonders auf dem Hintergrund der Tatsache beunruhigen, dass er die Hypothese von den persistierenden Virusinfektionen ablehnt und ihr diese psychogene Verursachungsthese vorzuziehen scheint. Um unserer tiefen Sorge Ausdruck zu verleihen, welche Folgen diese - wissenschaftlich mehr als fragwürdige - Forschung für die Patienten haben könnte, haben Regina Clos von cfs-aktuell und ich gemeinsam einen Brief verfasst und am 21. September an Robert Naviaux geschickt. Eine Antwort steht bislang aus. Doch wenn Naviaux das Vertrauen in seine Arbeit nicht verspielen will, wird er sich den Fragen skeptischer Patienten und kritischer ME-Aktivisten stellen und seinen Forschungsansatz überdenken müssen. 





Fazit

Naviaux` Studie belegt, dass die Studienteilnehmer – dem Vernehmen nach „CFS“-Patienten, die auch nach den Kanadischen Konsenskriterien rekrutiert worden sein sollen – eine Stoffwechselstörung haben, die vergleichbar dem hypometabolischen Zustand ist, der z.B. wirbellosen Tieren wie Würmern unter schlechten Umweltbedingungen das Überleben garantiert. Ergo erfüllt der hypometabolische Zustand eine Schutzfunktion. Doch mit ihren Behandlungsempfehlungen konterkarieren Naviaux et al. ihr Studienresultat. Das ist widersinnig.

Die Patienten sollten also mit Verweis auf das Studienergebnis darauf pochen, dass Aktivierung kontraindiziert ist, da dieser aus einem noch nicht verstandenen, aber guten Grund bestehende Schutzmechanismus mit Aktivierung durchbrochen werden würde, was fatale Konsequenzen für sie haben könnte.

Was aber generell zu Studien wie dieser zu sagen ist, hat ausgerechnet ein Psychiater, der amerikanische Kinderpsychiater Theodore Henderson so formuliert: „Alles, was die Bemühungen von Öffentlichkeit oder Ärzteschaft schmälert, ME/CFS als eine Virus-Erkrankung zu behandeln, ist ein Bärendienst.“


* Im Zusammenhang mit der Studie verwende ich in diesem Beitrag die Bezeichnung „CFS“, da die  
   Autoren von „CFS“ sprechen.

Bildnachweise:

Wildtyp Caenorhabditis elegans, Hermaphrodit, eingefärbt um die Zellkerne hervorzuheben, Quelle: „The Evolution of Self-Fertile Hermaphroditism: The Fog is Clearing“, PLoS Biol 3(1): e30, (2005) CC BY 2.5
Luke Fildes, Der Arzt, www.commons.wikimedia.org
Quinten Massijs, Der Kaufvertrag, www.commons.wikimedia.org
Hieronymus Bosch, Der Garten der Lüste (Detail), www.commons.wikimedia.org
Hieronymus Bosch, Der Garten der Lüste (Detail), www.commons.wikimedia.org
Trophime Bigot, Arzt untersucht Urin, www.commons.wikimedia.org
Edvard Munch, Der Schrei, www.commons.wikimedia.org
Hieronymus Bosch, Der Garten der Lüste (Detail), www.commons.wikimedia.org
Hieronymus Bosch, Der Gaukler, www.commons.wikimedia.org




Katharina Voss, Copyright 2016