Montag, 21. September 2015

Lufthunger!


Lufthunger ist ein Symptom, das wohl den meisten ME-Patienten nur allzu bekannt sein dürfte. Je schwerer die Erkrankung, desto häufiger scheint dieses Phänomen, das auch als Luftnot, Atemnot, Kurzatmigkeit, mühsame Atmung, Dyspnoe oder Atemlosigkeit umschrieben wird, aufzutreten. Dieses Symptom gehört zu den ME-typischen Beeinträchtigungen in Energieproduktion und –transport, und zwar zur Unterkategorie der respiratorischen Störungen. Es ist eines der als besonders unangenehm empfundenen Symptome, weil es angsteinflößend sein kann und bei manchen Patienten sogar einen Panikanfall auslöst.

Die gute Nachricht ist, dass es ein kleines Wundermittel dagegen gibt und das auch noch gratis!
Doch der Reihe nach. Denn zunächst einmal ist es wichtig zu verstehen, wodurch dieser Lufthunger entsteht und welche physiologischen Vorgänge dahinterstecken.

ME-Patienten haben oft das subjektive Gefühl, nicht genügend Luft, nicht ausreichend Sauerstoff zu bekommen. Sie spüren aber auch, dass ihre Glieder und das Gewebe tatsächlich sauerstoffunterversorgt sind und reagieren auf den Mangel mit betont tiefen Atemzügen, mit Gähnen, Seufzen, Hüsteln und Luftschlucken oder aber auch mit einer flachen, schnellen Atmung.

Doch die schnelle Atmung durch den Mund und ebenso auch das tiefe Atemholen führen zu zahlreichen unangenehmen und beeinträchtigenden Symptomen wie Schwindel, Benommenheit, Zittern, Sehstörungen, Blähungen, Aufstoßen, Bauchschmerzen, Schluckstörungen, Muskelkater, Muskelzucken, Muskelspasmen, Krämpfen, Missempfindungen, Kribbeln und Taubheit der Hände und Füße und rund um den Mund herum, zu Panikattacken und sogar Ohnmachtsanfällen. Viele ME-Patienten können auch über ein lebhaftes Traumgeschehen und Albträume berichten und nicht wenige wachen häufiger mal mit eingeschlafenen Gliedern oder mit verkrampften Händen in der sogenannten „Pfötchenstellung“ auf.


 

Diese Symptome werden durch Hyperventilation ausgelöst, die bei ME-Patienten auch im Schlaf auftritt. Die gesteigerte Atemtätigkeit führt zu einer gesteigerten Lungenbelüftung. Dadurch erhöht sich der Sauerstoffgehalt des Blutes, während der Kohlendioxidgehalt sich vermindert, was zu den aufgezählten Symptomen führen kann. Die Verminderung des Kohlendioxidgehaltes im Blut bewirkt nämlich, dass sich der Sauerstoff fester an das Hämoglobin in den roten Blutkörperchen bindet, was den Sauerstofftransport ins Gewebe verschlechtert.

Um aber den Sauerstofftransport ins Gewebe zu verbessern, muss man weniger einatmen und mehr ausatmen, obwohl das subjektive Gefühl genau das Gegenteil suggeriert. Es klingt also zunächst paradox. Doch erst die Normalisierung der Kohlendioxidkonzentration sorgt für eine Verbesserung der Sauerstoffversorgung des Gewebes.

Eine zu niedrige Konzentration hingegen lässt den ph-Wert des Bluts ansteigen und verursacht eine sogenannte respiratorische Alkalose. Weil durch die gesteigerte Atmung zu viel Kohlendioxid abgegeben wird, steigt der ph-Wert des Bluts auf über 7,45 an, was dann eine Verringerung des Kohlenstoffdioxidpartialdrucks (pCO2) unter 35 mmHG mit sich bringt. Dieses als Hypokapnie bekannte Phänomen führt zu einer Verengung der Gefäße im Gehirn. Die Gefäßverengung hat eine Minderdurchblutung zur Folge, die wiederum eine mangelnde Versorgung des Gewebes mit Sauerstoff nach sich zieht und zum Beispiel Benommenheit, kognitive Dysfunktionen, geistige Erschöpfung, Schmerzen, Panikattacken verursachen kann. Allesamt Symptome, die den ME-Patienten nur allzu geläufig sind!

Eine Blutgasanalyse würde bei vielen der schwerer an ME-Erkrankten eine solche respiratorische Alkalose offenbaren. Man wird bei ihnen feststellen können, dass der ph-Wert erhöht und pCO2 erniedrigt ist. ME-Kranke sind alkalotisch, zumindest die schwerer Betroffenen. Dabei müssen die Patienten nicht einmal Anzeichen eines akuten schweren Hyperventilationsanfalls erkennen lassen, obwohl auch der hin und wieder vorkommen kann. Doch meistens haben die ME-Patienten mit den unspezifischeren, nichtsdestotrotz unangenehmen und behindernden Symptomen einer chronischen Hyperventilation zu kämpfen.

Wie kann man aber die Sauerstoffversorgung des Gewebes verbessern?

Die amerikanische Ärztin und ME-Spezialistin Jamie Deckoff-Jones schwört auf hohe Dosen gepulster normobarer und hyperbarer Sauerstoffzufuhr. D.h. die Sauerstoffkonzentration wird verringert durch Zufuhr von Kohlendioxid (normobare Hypoxie) im Wechsel mit der Zufuhr von hyperbarem Sauerstoff (hyperbare Oxygenierung, HBO). Über eine Atemmaske wird dabei abwechselnd sauerstoffarme Luft, die sogenannte dünne Höhenluft, und sauerstoffreiche Luft eingeatmet. Die sauerstoffarme Luft regt den Körper an, vermehrt rote Blutkörperchen zu bilden. Dadurch verbessern sich die Sauerstoffaufnahme, der Sauerstofftransport zum Gewebe und die Sauerstoffverwertung in den Zellen.

Die intermittierende Hypoxie, wie dieses Verfahren auch genannt wird, trägt zur Regeneration und Aktivierung der „Kraftwerke“ der Zellen, der Mitochondrien, bei. Leistungsfähige Mitochondrien sind die entscheidende Voraussetzung für einen gesunden Stoffwechsel, da alle wichtigen Stoffwechselprozesse wie Fett-, Energie-, Eiweiß- und Kohlenhydratstoffwechsel über die Mitochondrien abgewickelt werden.
Neben der Verbesserung der mitochondrialen Funktion kann sich diese Therapie auch positiv auf das Immunsystem und Entzündungsprozesse auswirken.

Auch Dr. Paul Cheney, Zeuge der ME-Epidemie am Lake Tahoe, verschrieb Sauerstofftherapie, nachdem er einen Referenten auf einer internationalen Konferenz in London seinen Vortrag mit der Feststellung einleiten hörte, „CFS“-Patienten seien alkalotisch. Dieselbe Beobachtung hatte Cheney schon seit Jahren in seiner Praxis gemacht, ihr jedoch weiter keine Bedeutung zugemessen.

Aber obwohl viele seiner Patienten diese Therapie als hilfreich empfanden, wurde sie ihnen auf die Dauer zu teuer und zu umständlich und bei manchen Patienten blieb der positive Effekt nach ein paar Monaten Behandlung aus. Nicht lange nach Einführung dieser Therapie entdeckte Cheney auch schon ihren Schwachpunkt: Die Alkalose lässt den 2,3-Bisphosphoglycerat-Spiegel (2,3-BPG) absinken, ein Problem, das sich auch durch seine Sauerstofftherapie nicht beheben ließ, ja, zuweilen sogar durch sie noch verschärft wurde, nämlich dann, wenn die Patienten versehentlich zuviel Sauerstoff inhaliert hatten. 2,3-BPG sorgt dafür, dass der ans Hämoglobin gebundene Sauerstoff freigegeben wird und ins Gewebe eindringen kann. Zu wenig 2,3-BPG verhindert die Abgabe von Sauerstoff an die Zellen. Diese Sauerstoffunterversorgung lässt den Körper auf einen anäroben Stoffwechsel umschalten, mit der Folge einer schmerzhaften Übersäuerung des Gewebes, was wiederum die Alkalose verstärkt, die dann den 2,3-BPG-Spiegel noch weiter absinken lässt. Ein Circulus vitiosus!




Doch wie kann man nun den 2,3-BPG-Level anheben, um den Sauerstofftransport vom Blut ins Gewebe zu gewährleisten?

Schauen wir uns an, wie Sportler ihre körperliche Leistungsfähigkeit steigern. Sportler machen sich die Anpassungsleistung des Körpers an den Sauerstoffmangel der Höhenluft zunutze. Denn beim Höhentraining gleicht der Körper den niedrigen Sauerstoffgehalt der dünnen Luft durch Anhebung des 2,3-BPG-Spiegels aus, so dass mehr Sauerstoff im Körper freigesetzt wird. Wenn diese Sportler dann ihre Wettbewerbe in den Niederungen antreten, sind ihre Körper immer noch auf die Höhenluftverhältnisse eingestellt, weshalb ihr Gewebe im Vergleich zu dem anderer Sportler, die kein Höhentraining absolviert haben, mit Sauerstoff geflutet ist.

Inspiriert vom Höhentraining der kenianischen Marathonläufer besann sich Dr. Cheney auf eine 3000 Jahre alte Methode, die Sauerstoffversorgung zu optimieren. Es handelt sich um eine einfache Atemübung aus der Yogatechnik, die dem Körper ein Höhenklima vorgaukelt, was eine Anhebung unseres 2,3-BPG-Levels und damit einen verbesserten Sauerstofftransport ins Gewebe bewirkt.

1.     Atmen Sie vier Sekunden durch die Nase ein
2.     Halten Sie Ihren Atem sieben Sekunden an
3.     Atmen Sie acht Sekunden durch Ihre fest geschürzten Lippen, die so einen Gegendruck erzeugen, aus
4.     Praktizieren Sie das viermal hintereinander, zweimal täglich, jeden Tag

Halt, stopp!
Bevor Sie mit dem Training beginnen, gebe ich Ihnen ein paar Tipps mit auf den Weg. So simpel diese Atemübung auf den ersten Blick wirkt, kann man doch einiges dabei falsch machen, was dazu führen wird, dass Sie diese Übung als ungeeignet verwerfen werden. Als jemand, der 20 Jahre als Schauspielerin und fast 15 Jahre lang als Sprechtechniktrainerin und Auftrittscoach gearbeitet hat und über dementsprechend viel Erfahrung mit den Problemen, die bei der Vermittlung von Atemtechniken entstehen können, verfügt, bin ich nicht verwundert, dass diese Atemübung in Patientenkreisen weitgehend unbekannt ist, denn hier wird – ohne weitere Erklärung – zuviel an Basiswissen über Atemtechnik vorausgesetzt.

Viele Menschen, egal ob gesund oder krank, sind sich nicht darüber bewusst, ob sie mithilfe von Brust- oder Bauchatmung atmen. Da wir in aller Regel die Atmung nicht bewusst steuern, lassen wir sie einfach geschehen, den Körper also das machen, was er gewohnt ist zu tun. Für diese Übung benötigen wir jedoch die Bauchatmung, denn wenn wir hier die Brustatmung einsetzen würden, könnten wir leicht ins Hyperventilieren geraten. Doch die Anforderungen eines stressigen Alltags haben viele die Bauchatmung verlernen lassen, so dass die Notwendigkeit besteht, sie wieder in Erinnerung zu rufen.

Untersuchen wir zunächst, was mit unserem Atem passiert, wenn wir uns zur Ruhe legen. Legen Sie sich dazu auf den Rücken, Beine ausgestreckt, Arme parallel neben den Körper und schließen Sie Augen. Lassen Sie nun den Atem ganz passiv in die Nase ein- und ausströmen. Lassen Sie die Atmung einfach geschehen. Vergessen Sie bitte die Worte „atmen“, „Atemholen“, „Luftholen“ und „einatmen“. Lassen Sie einfach nur ganz unspektakulär die Luft durch die Nase ein- und ausströmen. Beobachten Sie dabei dennoch aufmerksam, was beim Einströmenlassen der Luft und was beim Ausströmenlassen mit Ihrem Körper passiert. In welchem Bereich bewegt sich etwas in Ihrem Körper? Ändert sich der Bereich, wo sich etwas bewegt, wenn Sie allmählich zur Ruhe gekommen sind? In welche Richtung bewegt sich was beim Einströmenlassen und in welche beim Ausströmenlassen der Luft?

Viele von Ihnen werden unmittelbar nach dem Hinlegen die Erfahrung machen, dass sich zunächst hauptsächlich der Brustkorb beim Ein- u. Ausströmenlassen der Luft hebt und senkt. Doch wenn Sie dann zur Ruhe gekommen sind, verlagert sich das Atemgeschehen in den Bauch. Beim Einströmenlassen hebt sich dann die Bauchdecke und beim Ausströmenlassen senkt sich die Bauchdecke. Eine banale Erkenntnis, doch für die in Atemtechniken Ungeübten eine wertvolle Erkenntnis und es wird eine Zeitlang brauchen, bis auch der Körper „begriffen“ und sich diesen Vorgang als Automatismus „einverleibt“ hat.

Machen Sie die Atemübung also erst dann, wenn Sie zur Ruhe gekommen sind. Beginnen Sie immer aus der sogenannten Atemmittellage heraus. Das bedeutet nichts weiter, als nie extra nach Luft zu schnappen und immer den Atem durch die Nase kommen zu lassen. Auch Dr. Sarah Myhill, die britische Expertin für mitochondriale Dysfunktionen, empfiehlt, stets durch die Nase zu atmen, langsamer zu atmen und weniger tief einzuatmen.

Diejenigen, die Probleme haben, eine Lippenspannung herzustellen – und das sind erfahrungsgemäß gar nicht so wenige –, können einfach „Hasenzähnchen“ machen, so dass beim Ausblasen der Luft der Reibelaut „fffffff“ zu hören ist. So entsteht automatisch ein Gegendruck. Oder Sie pressen die Zungenspitze hinter Ihre oberen Schneidezähne, was den gleichen Effekt hat.





Allen Ungeübten rate ich, die Übung abzukürzen, denn es könnte Sie überfordern, sieben Sekunden lang die Luft anzuhalten und acht Sekunden lang auszuatmen. Sie sollten die Übung auch nicht gleich achtmal hintereinander machen, sondern allenfalls zweimal. Steigern Sie das Training ganz langsam und auch erst dann, wenn es Sie nicht mehr so viel Kraft kostet. Als Faustregel gilt, wenn Sie sich wohl mit der Übung fühlen, können Sie nach etwa einem Monat täglichen Trainings bis zu maximal acht Atemzyklen hintereinander durchführen. Wenn Sie merken, dass Ihnen die Übung gut tut, dürfen Sie dann auch mehrmals täglich eine Trainingseinheit absolvieren.

1.     Lassen Sie alle Luft aus dem Mund mit einem „Whoosh“ heraus
2.     Lassen Sie die Luft zwei Sekunden durch die Nase einströmen (Bauch füllt sich mit Luft)
3.     Halten Sie Ihren Atem drei Sekunden an
4.     Lassen Sie die Luft vier Sekunden durch Ihre fest geschürzten Lippen, die so einen Gegendruck erzeugen, ausströmen (Bauch wird immer flacher, bis er ganz einzogen ist)
5.     Praktizieren Sie das höchstens zweimal hintereinander, zweimal täglich, jeden Tag

Vergessen Sie nicht, Ihren Bauch wieder „loszulassen“, wenn Sie alle Luft abgeatmet haben, so dass er automatisch wieder nach vorne schnellt. Während der Bauch nach vorne schnellt, beginnt bereits die Einströmphase, also beginnen Sie dabei schon mit dem Sekundenzählen. Wenn Sie alles richtig gemacht haben, werden Sie kein Schwindelgefühl verspüren. Sollte Ihnen ein bisschen schwindlig sein, so ist das auch kein Drama. In diesem Fall haben Sie nicht genügend Luft abgeatmet. Umschließen Sie Mund und Nase mit beiden Händen und atmen Sie eine Zeitlang in Ihre hohlen Hände hinein, bis das Schwindelgefühl nachgelassen hat.
 
Sie können diese Übung immer und überall machen, nur bitte nicht in gekrümmter Haltung, weil dann der Bauch eingeklemmt und damit die Bauchatmung behindert wird. Sie können dabei also entweder liegen oder aufrecht sitzen oder aufrecht stehen.
Trainieren Sie bitte nie mit vollem Bauch! Lassen Sie nach einer kleinen Mahlzeit mindestens 1-1 ½ Stunden, nach einer Hauptmahlzeit 2-3 Stunden verstreichen, bevor Sie mit dem Atemtraining beginnen.

Aber was tun, wenn Sie nicht zur Ruhe kommen können? Wenn das Herz rast oder Sie schon kräftig am Hyperventilieren sind? 

Gegen Anfälle von Herzrasen empfiehlt die Kinderkardiologie der Charité, das Herz „zu erschrecken“, und zwar beispielsweise mit der „Bauchpresse: Tief Einatmen, Luft anhalten, Zwerchfell nach unten drücken wie beim Stuhlgang und Pressen“. [1]




Wenn Sie unruhig sind und ständig das Bedürfnis verspüren, tief Luft zu holen, andauernd gähnen, seufzen, hüsteln oder rülpsen müssen, oder auch wenn Sie flach und schnell durch den Mund atmen, dann atmen Sie, wie beschrieben, in Ihre hohlen Hände hinein, die sowohl Mund als auch Nase bedecken sollten. Auf diese Weise reduzieren Sie die Sauerstoffaufnahme und atmen stattdessen Ihr abgeatmetes Kohlendioxid wieder ein. Das können Sie so lange machen, bis sich Ihr Atem beruhigt hat, denn – anders als beim Benutzen einer Plastiktüte – ist diese Methode völlig harmlos.

Ob die unwillkürliche Geste, sich entsetzt, erschrocken oder freudig überrascht die Hände vors Gesicht zu schlagen, die auch als Redewendung Eingang in unsere Sprache gefunden hat, eine Art Selbstberuhigungsreflex sein könnte, um die aufgeregte Atmung zu stoppen? Eine rein spekulative Überlegung. Sie dürfen aber auch ohne emotionalen Anlass diese Methode ruhig öfter mal anwenden, denn mit diesem Trick beruhigen Sie ihre Atmung und erzeugen künstlich ein Höhenklima.

Doch auch bei täglichem Training wird es etwa zwei bis drei Monate dauern, bis sich Ihre 2,3-BPG-Level angepasst haben und Sie von einer besseren Sauerstoffversorgung profitieren werden. Wenn Sie die Atemübung regelmäßig machen, wird sich der Sauerstofftransport aber nach und nach verbessern ebenso wie der zelluläre Energielevel. Eine bessere Sauerstoffversorgung hilft dem Körper darüber hinaus, Kandidosen und andere Pathogene in Schach zu halten. Auch dem Anschwellen des Gehirns wegen Sauerstoffmangels kann auf diese Weise vorgebeugt werden.  

Dr. Andrew Weil, Professor der Medizin an der Universität von Arizona und ein Vertreter der Integrativen Medizin, hält diese Atemübung sogar für eine der wirkungsvollsten Behandlungen chronischer Krankheiten. Dem Vergleich mit einer professionellen intermittierenden Hypoxie-Behandlung via Atemmaske hält sie offenbar stand, denn sie ist einfacher zu handhaben, sie kostet nichts und ist effektiver, und man kann dabei nicht versehentlich eine Überdosis Sauerstoff abbekommen.

Denn hyperbarer Sauerstoff kann auch schlimme Folgen für manch einen ME-Patienten haben. Eine Überdosierung kann beispielsweise den Patienten – laut Dr. Cheney – auf dem Operationstisch ins Jenseits befördern. Nach Cheneys Auffassung sollte Sauerstoff nicht in die Zellen transportiert werden, wenn diese keine effektive Verteidung gegen eines seiner Abfallprodukte zur Verfügung haben. Als Abfallprodukte entstehen neben Kohlendioxid freie Sauerstoffradikale, die, wenn sie überhand nehmen, oxidativen Stress auslösen und Zellstrukturen, Eiweiße und Erbinformation schädigen. Wenn unser Körper nicht genügend Radikalfänger – Antioxidantien – bilden kann, was bei der Krankheit überwiegend der Fall ist, sind wir diesen freien Radikalen schutzlos ausgeliefert. So wird deutlich, dass eine künstliche Zufuhr von hyperbarem Sauerstoff eventuell auch Gefahren mit sich bringen könnte. Doch das alles kann bei der vorgestellten Selfmade-Methode nicht passieren, denn sie stärkt die mitochondrialen Funktionen, ohne sie versehentlich dabei zu beschädigen.

(Dr. Deckoff-Jones teilt übrigens Dr. Cheneys These, ME-Patienten litten unter Sauerstofftoxizität, nicht. Sie vertritt die Auffassung, milde hyperbare Oxygenierung sei von großem Nutzen und sehr risikoarm, wenn man bei der Handhabung von Profis angeleitet würde. Selbst wenn mehr freie Radikale als üblich durch die Behandlung produziert würden, sei diesem Problem mit der Verabreichung von Antioxidantien gut beizukommen. Hier wäre z.B. u.a. die Verabreichung von N-Acetyl-L-Cystein und S-Acetylglutathion, einer stabilen Form des Glutathions, das den Magen-Darm-Trakt unversehrt passieren und vollständig vom Blut aufgenommen werden kann, denkbar.)

Um einem etwaigen Missverständnis zuvorzukommen: Dieses Atemtraining ist kein Wundermittel gegen ME und es wird Sie leider nicht kurieren. Aber es könnte helfen, Ihren Lufthunger zu reduzieren, die Symptome der respiratorischen Alkalose zu lindern, die Atmung zu erleichtern und vielleicht bei einigen Patienten sogar dauerhaft zu verbessern, die Sauerstoffaufnahme in den Zellen zu optimieren und den Symptomen der Hyperventilation präventiv zu begegnen. Es kann Ihnen also möglicherweise auf Dauer einen guten Dienst erweisen, doch nur einige wenige Glückliche werden durch regelmäßiges Training eventuell ihr Energielevel wieder ein wenig anheben können, ihr Nervensystem beruhigen, ihre Schlafqualität verbessern, Blutdruck und Herzschlagrate günstig beeinflussen und ihre Verdauung unterstützen können.

Ein letzter Tipp: Bevor Sie sich ins Atemtraining stürzen und meinen Empfehlungen folgen, lesen Sie sich bitte noch einmal den Disclaimer durch und holen Sie den Rat Ihres behandelnden Arztes ein!

[1] Zitiert aus „Herzrasen“, Website der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Kardiologie, Charité  

Literaturverzeichnis:

1 Dr. Cheney's Oxygen Treatment
2 Paul R. Cheney:  Oxygen Toxicity as a Locus of Control for Chronic Fatigue Syndrome
http://forums.prohealth.com/forums/index.php?threads/cheney-oxygen-toxicity-may-determine-outcome-in-cfs.195806/
3 Dr. Jamie Deckoff-Jones: Oxygen Primer
4 Dr. Jamie Deckoff-Jones: More Oxygen
5 Dr. Jamie Deckoff-Jones: Recovery post-XMRV
6 Mikie: Dr. Cheney's Breathing Technique
7 Dr. Sarah Myhill: Hyperventilation – makes you feel as if you can`t get your breath
8 Carol Sieverling: DR. CHENEY: Increase Your Oxygen Intake
9 Dr. Andrew Weil: Breathing Exercises: 4-7-8 Breath
10 Margaret Williams: Klimas, Wessely and NICE: Redefining CBT? 10th November 2006  
http://www.meactionuk.org.uk/Klimas_Wessely_and_NICE_-_Redefining_CBT.htm 

Bildnachweise:

Johann Heinrich Füssli, Nachtmahr, www.commons.wikimedia.org
Jacek Malczewski, Der Teufelskreis, www.commons.wikimedia.org
Sandro Botticelli, Die Geburt der Venus, Detail, www.commons.wikimedia.org
Eugène Delacroix, Vor dem Blitz scheuendes Pferdwww.commons.wikimedia.org 

Katharina Voss, Copyright 2015




  
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Freitag, 11. September 2015

Die somatoforme Störung – ein Witz?


(VorbemerkungDie Myalgische Enzephalomyelitis – hierzulande meist unzutreffend als „Chronisches Erschöpfungssyndrom“ oder „CFS“ bezeichnet – wird häufig fälschlich als eine sogenannte somatoforme Störung angesehen und auch so diagnostiziert und therapiert. In meinem Buch behandele ich dieses Problem ausführlich und zeige auf, weshalb eine ME-Erkrankung nicht mit einer der somatoformen Störungen kompatibel ist.)


Kennen Sie den?

Fragt der Pfarrer im Religionsunterricht: „Was ist das? Es ist rot, hat einen buschigen Schwanz und springt von Baum zu Baum?“

Meldet sich Klein-Fritzchen: „Normalerweise würde ich sagen, es ist ein Eichhörnchen, aber wie ich den Laden hier kenne, ist`s bestimmt mal wieder der liebe Herr Jesus!“

Was hat aber dieser niedliche Witz mit den sogenannten „Somatoformen Störungen“ zu tun?

Nach der Definition sind das zentrale Merkmal einer somatoformen Störung körperliche Beschwerden, die auf einen medizinischen Krankheitsfaktor hindeuten, ohne dass jedoch eine hinreichende medizinische Erklärung für diese Beschwerden gefunden wird.

Und da liegt auch schon gleich der Hase im Pfeffer. Denn wie soll man ausschließen, dass es nicht doch eine Erklärung für die Beschwerden gibt? Die Ursache der Beschwerden ist ja nur nicht gefunden worden, was nicht heißt, dass sie nicht existiert. Oder aber sie ist gefunden worden, wurde jedoch vom Arzt als nicht ausreichend betrachtet, die Beschwerden zu begründen.




Würde der Arzt nun naturwissenschaftlich vorgehen, läge es nahe, die eigenen Untersuchungs- und Messmethoden in Frage zu stellen. Genau das aber verweigert der Psychosomatiker dem Patienten. Er erklärt seine Untersuchungs- und Messmethoden (bzw. die der Voruntersucher) zu den einzig objektivierenden und seine rein subjektive Einschätzung, dass die eventuell vorhandene Ursache nicht die Stärke und Dauer der Beschwerden erkläre, zu der einzig richtigen.

Darüber hinaus verweigern viele Psychosomatiker dem Patienten auch noch den Nachweis einer Verbindung seiner Beschwerden mit „psychischen Faktoren“, „mit belastenden Ereignissen oder Problemen“ oder „mit emotionalen Konflikten oder psychosozialen Belastungen […], denen die Hauptrolle für Beginn, Schweregrad, Exazerbation oder Aufrechterhaltung der Schmerzen“ zukommen müsste bei korrekter Diagnosestellung einer somatoformen Störung nach ICD-10-GM.

Im Klartext bedeutet das, dass vielen Psychosomatikern der somatische Negativbefund genügt und sie einen psychischen Positivbefund für die Stellung einer Psychodiagnose als überflüssig erachten.

Die Diagnose einer somatoformen Störung, die auf diesem Wege zustande kommt, bleibt also nichts weiter als die bloße Behauptung, dass keine hinreichende Ursache für die Beschwerden existiere, gestützt auf die reine Unterstellung, dass der Patient unverarbeitete psychische Konflikte haben müsse, die zu seiner Symptomatik geführt haben werden.

Dem Patienten wird damit ein psychosomatisches Etikett aufgeklebt, das nichts, absolut gar nichts darüber aussagt, woran dieser Patient nun wirklich leidet. Ein nur halbwegs gescheiter Arzt ist immerhin fähig, eine Blinddarmentzündung zu diagnostizieren, wenn der Patient ein paar typische Blinddarmentzündungssymptome darbietet wie Schmerzen im rechten Unterbauch, vor allem beim Gehen und beim Anheben des rechten Beines, eine angespannte Bauchdecke, Fieber und Übelkeit.

Ein Psychosomatiker läuft jedoch leicht Gefahr, die richtige Diagnose zu verkennen und dem Patienten fälschlich das Etikett einer somatoformen Störung zu verpassen – mit zuweilen gravierenden Folgen. Denn die Fixierung auf derartige Diagnosen lädt zu dem falschen Schluss ein, der Patient leide unter seinen Beschwerden, weil er eine somatoforme Störung habe.

Doch eine solche Schlussfolgerung ist das logische Äquivalent zu der sinnfreien Feststellung, der Patient leide an seinen Beschwerden, weil er an seinen Beschwerden leide.

Solange es keine Marker für somatoforme Störungen gibt und keinen zweifelsfreien Nachweis einer Verbindung der Beschwerden zu einem emotional oder psychisch belastenden Konfliktgeschehen, ist die Diagnose einer sogenannten somatoformen Störung nichts weiter als heiße Luft, ein bloßes Label, das nichts erklärt und nicht einmal etwas zu erklären versucht und dessen Hauptmerkmal Beliebigkeit ist.

Das Label trägt dabei keineswegs zur ursächlichen Abklärung der Beschwerden des Patienten bei und führt deshalb auch nicht zu einer angemessenen Therapie mit der Aussicht auf Besserung oder gar Heilung, sondern es dient einzig und allein der Kostenentlastung des Gesundheitssystems, der Aufrechterhaltung eines Berufstands, nämlich dem der Psychosomatiker, und der Aufrechterhaltung der Fassade des allwissenden Arztes, der mithilfe dieses Labels seine Machtposition gegenüber dem Patienten sichert und der unangenehmen Aufgabe enthoben wird, seine Rat- und Hilflosigkeit zugeben zu müssen.




Das starrsinnige Festhalten so zahlreicher Psychosomatiker an ihrer Deutungshoheit und das Auskosten ihrer Machtposition gegenüber dem Kranken haben sich mit der fortschreitenden kostensparenden Verschlankung des Gesundheitssystems bedauerlicherweise zu besonderen Charakteristika vieler dieser Fachrichtung Zugehörigen entwickelt – ganz entgegen den Bestrebungen ihrer einstigen Begründer, wie z.B. Thure von Uexküll.

Doch ihre inflationäre Vergabe solcher nichtssagenden und dennoch stigmatisierenden Diagnosen, denen sich so mancher Psychosomatiker aus dem Füllhorn der Beliebigkeit zu bedienen scheint, höhlt auf die Dauer dann doch die Autorität eines derart überheblichen Diagnostikers aus und nährt langsam, aber stetig die Zweifel auch des genügsamsten und eingeschüchtertsten Patienten.

Im Grunde geben Psychosomatiker dieses Schlages sich selbst der Lächerlichkeit preis. Womit wir wieder bei dem Klein-Fritzchen-Witz angelangt wären, den man in Anbetracht der für die Patienten so schmerzlich spürbaren Allmachtsfantasien und Omnipotenzbestrebungen etlicher Psychosomatiker auch so abwandeln könnte:

Fragt der Professor für Psychosomatik die Studenten bei der Visite: „Welche Verdachtsdiagnose würden Sie diesem Patienten geben: Er hat Schmerzen im rechten Unterbauch, vor allem beim Gehen und beim Anheben des rechten Beines, eine angespannte Bauchdecke, Fieber und Übelkeit?“

Meldet sich Student Fritz: „Normalerweise würde ich sagen, es ist eine Blinddarmentzündung, aber wie ich den Laden hier kenne, ist`s bestimmt mal wieder eine somatoforme Störung!“


Mehr zu diesem Thema und den Hintergründen in meinem Buch.

Bildnachweise:

Pieter Boel, Stillleben mit totem Hasen, www.commons.wikimedia.org
André Brouillet, Une leçon clinique à la Salpêtrière, www.commons.wikimedia.org



Katharina Voss, Copyright 2015 

Mittwoch, 12. August 2015

Teil III: ME oder CFS – das ist hier die Frage!



Befassen wir uns heute mit der Frage, ob es nicht vielleicht doch sinnvoll wäre, statt von Myalgischer Enzephalomyelitis und ME von ME/CFS oder CFS/ME zu sprechen oder auch vom Chronic Fatigue Syndrom, dem Chronischen Erschöpfungssyndrom oder sogar Müdigkeitssyndrom, damit sich die Chance erhöht, dass unsere Ansprechpartner wie Ärzte, Pfleger, Sanitäter und sonstige Behandler wenigstens erahnen können, wovon wir sprechen.

Dazu möchte ich Ihnen diesmal ein paar jener „netten“ Anekdoten erzählen, mit denen – ausnahmslos – jeder an dieser Krankheit Leidende aufzuwarten hat. Es sind also keine besonders originellen Geschichten, doch jede einzelne spiegelt exemplarisch wider, was einem so widerfahren kann, wenn man sich für die Verwendung der einen oder anderen Bezeichnung entscheidet.

Kürzlich mussten wir wegen einer potenziell lebensbedrohlichen Verdachtsdiagnose mit einer unserer Töchter in die Klinik. Befragt zum Namen der Grunderkrankung antwortete ich den Rettungssanitätern wahrheitsgemäß „Myalgische Enzephalomyelitis“ und erntete zwar verständnisvolles Kopfnicken, doch ihre ausdruckslosen Blicke zeugten davon, dass sie keinen Schimmer hatten, wovon ich eigentlich sprach. Es sei eine neurologische Krankheit, ergänzte ich, so was Ähnliches wie Multiple Sklerose. Ein kurzes Aufflackern einer Ahnung in ihren Augen, aber als die Rettungsassistentin dann den Namen der Krankheit an die Leitstelle durchgab, musste sie noch dreimal bei mir nachfragen, um den Zungenbrecher über die Lippen zu bekommen.

Alles kein Problem, man kann nicht alle Krankheiten kennen und auch ich habe eine Zeitlang gebraucht, bis ich, ohne zu stocken, diesen Namen aussprechen konnte. Die Leitstelle dirigierte uns zur Kinderstation der nächstgelegenen Universitätsklinik. Aber kaum hatte man den dort offenbar unbekannten Namen der Grunderkrankung zur Kenntnis genommen, kam prompt die Rückmeldung, man habe nun doch plötzlich kein Bett mehr frei. Der Rettungswagen wendete, man hatte uns zu einer anderen Universitätsklinik umgeleitet.




Auf der Fahrt zur Nachbarstadt gewann schließlich die Neugier der Rettungsassistentin Oberhand und sie ließ sich den Namen der Krankheit buchstabieren, um sie auf ihrem Smartphone zu googeln. Während sie scrollte, malte sich ganz allmählich ein nachsichtiges Lächeln auf ihr Gesicht. Mir schwante nichts Gutes! Bei Ankunft in der Kinderklinik, steckte sie ihr Smartphone zurück in die Brusttasche, warf mir einen bedeutungsschwangeren Blick zu und sagte: „Da kommt ja eine ganze Latte, wenn man das mal googelt!“

In der Anmeldung der Kinderklinik hatte man von der Krankheit noch nie gehört. Die Rezeptionistin ließ sich den Namen buchstabieren und rief einen Kinderarzt. Auch der hatte noch nie von Myalgischer Enzephalomyelitis gehört. Doch unsere pfiffige Rettungsassistentin brachte triumphierend ihr frisch erworbenes Googlewissen an den Mann und erklärte ihm, es handele sich dabei um das Chronische Erschöpfungssyndrom.

Zeit für uns Eltern einzugreifen. Denn was die Leute in Deutschland unter dem sogenannten Chronischen Erschöpfungssyndrom verstehen, hat nichts mit dem Zustand unserer schwerkranken Tochter zu tun, die stumm, ausgezehrt und geisterhaft bleich, mit geschlossenen Augen und schmerzverzerrter Miene auf der Trage lag. Haben die Leute denn keine Augen im Kopf?

Das Ende vom Lied: Der nach wie vor ratlose Kinderarzt schickte uns weiter in die chirurgische Notfallambulanz. Es war dann keine große Überraschung, dass auch die drei folgenden Ärzte, die unsere Tochter dort untersuchten, nichts mit der Bezeichnung Myalgische Enzephalomyelitis anzufangen wussten. Zum Glück fragten sie aber auch gar nicht erst weiter nach. Denn wer weiß, wenn man mithilfe des Computers herausgefunden hätte, dass es sich bei ME doch „nur“ um das Chronische Erschöpfungssyndrom handelt, hätte man uns vielleicht noch in die Psychiatrie geschickt. Denn genau das wird einem vermittelt, wenn man „Myalgische Enzephalomyelitis“ in die Suchmaske eingibt – sprich, dass ME und CFS Synonyme seien und CFS überwiegend durch psychischen Stress ausgelöst und aufrechterhalten würde. Und das ist schlicht falsch!




Vor ein paar Jahren, als ich selbst noch meistens von CFS oder sogar vom Chronischen Erschöpfungssyndrom gesprochen habe, trafen wir keineswegs auf mehr Verständnis. Ganz im Gegenteil!

Während eines viermonatigen Aufenthalts an der See – zu einer Zeit als unsere Töchter noch halbwegs reisefähig waren – mussten wir routinemäßig ihren Vitamin-D-Status überprüfen lassen. Auf die Frage des konsultierten Badearztes, welche Erkrankung dem Vitamin D-Mangel zugrundeliege, antwortete ich: „Chronic Fatigue Syndrom.“ Statt mir wenigstens anstandshalber zu signalisieren, dass er meine Auskunft registriert habe, begann der Arzt orientierungslos auf seinem Schreibtisch herumzuwühlen, so dass ich mich bemüßigt sah zu ergänzen: „Chronisches Erschöpfungssyndrom.“ Wieder keine Reaktion, außer noch hektischerem Gewurschtel. Schon ein bisschen verzagt ob meiner fruchtlosen Verständigungsversuche, rief ich ihm schließlich „G93.3“ zu. Das war das Zauberwörtchen, denn er atmete hörbar erleichtert auf und begann kommentarlos die erforderlichen Daten in seine Computertastatur einzutippen.

Dass er weder mit dem Begriff Chronic Fatigue Syndrom noch mit der Bezeichnung Chronisches Erschöpfungssyndrom etwas anfangen konnte – geschenkt! Und dass ein Badearzt kein tiefergehendes Interesse für die Leiden seiner ständig wechselnden Klientel aufbringt – auch geschenkt! Aber dass er sich nicht die Blöße geben wollte, keine Ahnung zu haben und nicht von sich aus einfach mal nachfragte – das war eine irritierende Erfahrung und es war leider nicht die einzige dieser Art.




Gleich schon zu Beginn ihrer Erkrankung, als meine ältere Tochter noch gar keine Diagnose hatte, durften wir eine solche machen. Wir mussten sie einem Neurologen vorstellen, weil sie manchmal Doppelbilder sah. Die hochwertig ausgestattete neurologische Praxis roch nach frischer Farbe, neuem Laminat und alles war vom Feinsten. Was fehlte waren die zahlungskräftigen Patienten. Das riesige, edelst möblierte Wartezimmer war gähnend leer, die Anmeldung nicht besetzt. Nach einigen Minuten Wartezeit hörten wir ein Scharren unter dem Tresen. Im ersten Augenblick dachte ich an Ungeziefer, aber als ich mich ein Stück über den Tresen beugte, sah ich ein Paar behoster Unterschenkel daraus hervorlugen. Gleich darauf ertönte ein Grunzen aus dem Inneren der Theke. Mit einem diskreten „Hallo?“ nahm ich Kontakt zum Besitzer der Hosenbeine auf, der sich kurz darauf, im Rückwärtsgang kriechend und unter anhaltendem Gestöhne, in Bewegung setzte. Der Herr Doktor persönlich tauchte aus dem Bauch der Theke auf. Er murmelte etwas von Kabeln und neuem Computer, ordnete die zerstörte Frisur, zog den Pullunder glatt und stakste erhobenen Hauptes davon, nicht ohne uns davon in Kenntnis gesetzt zu haben, dass die Sprechstundenhilfe gleich unsere Anmeldung entgegennehmen werde. Die Dame rauschte denn auch wenig später herein und dann nahmen wir endlich in dem gigantischen Wartezimmer Platz, wo wir uns ziemlich verloren vorkamen.

Der erste sonderbare Eindruck, den der Neurologe auf uns gemacht hatte, setzte sich im Sprechzimmer fort. Er schien zu der Sorte Ärzte zu gehören, die vornehmlich auf den Bildschirm ihres Computers starren und während der infolgedessen stockenden Unterhaltung die Patientendaten eingeben, um nur ja rechtzeitig Feierabend machen zu können. Als ich den möglichen Verdacht auf „Chronic Fatigue Syndrome“ aussprach, zuckte er nicht mit der Wimper und gab keinen Mucks von sich. Ob er von der Krankheit wohl schon gehört hatte? Ob er mich für eine dieser Bekloppten hielt, die daran glauben, dass diese Krankheit tatsächlich existiert?

Das sind Fragen, die ich mir heute stelle. Damals war ich einfach nur verunsichert, weil überhaupt keine Reaktion von ihm kam. Er prüfte wortlos die Reflexe meiner Tochter und untersuchte ihren Sehnerv. Neurologisch könne er nichts Auffälliges entdecken, er rate zu einer Untersuchung beim Kardiologen. Mit einer Überweisung in der Hand verließen wir seine schnieke Praxis – genauso schlau wie vorher und um eine befremdliche Arzterfahrung reicher.




Ein paar Monate später, nur wenige Tage nachdem unsere ältere Tochter endlich die Diagnose CFS von einem unserer deutschen Spezialisten erhalten hatte, durften wir stante pede die Erfahrung machen, wie man in Deutschland üblicherweise mit dieser Sorte Patienten verfährt. Um noch ein paar Krankheiten bzw. eventuelle Komorbiditäten auszuschließen, stellten wir sie einer renommierten Klinik in W. vor. Doch was uns dann in dieser Klinik erwartete, damit hatten wir auch nach allen bisherigen Arzterlebnissen nicht gerechnet. Die untersuchende Internistin war zunächst gar nicht unsympathisch, aber im weiteren Gespräch drängte sie rigoros darauf, doch mal nach den psychischen Ursachen für die CFS-Erkrankung unserer Tochter forschen zu lassen. Obwohl wir ihr wiederholt versicherten, dass unsere Tochter weder unter traumatischen Erlebnissen noch unter anderweitigen psychischen Problemen litte, ließ die Internistin nicht locker und rief eilends den Chefarzt herbei, der nun Überzeugungsarbeit leisten sollte. Doch das Gespräch mit ihrem Boss war wahrhaftig nicht dazu angetan, uns umzustimmen:
       
Professor: „Gehst Du denn gern zur Schule?“

Meine Tochter: „Ja, ich bin immer sehr gerne zur Schule gegangen. Ich habe auch immer sehr gerne gelernt. Das hat mir immer oder meistens Spaß gemacht.“

Professor: „Aber wenn Du mal so in Dich reinhorchst ... Gab es da nicht irgendetwas, weshalb Du nicht so gerne in die Schule gegangen bist?“

Meine Tochter: „Nein, eigentlich nicht. Wie gesagt, ich bin sehr gerne zur Schule gegangen und würde nichts lieber tun, als wieder in die Schule gehen zu können.“

Professor (nickend, mit geschlossenen Augen): „Sicher, sicher. Aber sieh mal, es gibt neben organischen Ursachen für eine Krankheit sehr oft auch seelische Ursachen. Wie war denn das bei Dir, als Du krank geworden bist? Wie ging es Dir denn da mit der Schule?“

Meine Tochter: „Gut ging es mir da. Ich war sehr gern in der Schule, ich war in der Schülervertretung und habe Artikel für die Schülerzeitung geschrieben und hatte Freundinnen ...“

Professor (immer noch nickend und mit geschlossenen Augen): „Sicher, sicher. Du fühlst Dich also krank ...“

Meine Tochter: „Nein, ich fühle mich nicht krank, ich bin krank.“

Professor (nickend): „Sicher, sicher. Aber vielleicht wäre es ja gut, wenn Du Dich mal mit unseren Psychologen unterhalten würdest ...“

Wer sollte da noch Lust auf die Unterhaltung mit einem Psychologen bekommen, wenn den Patienten dieser Klinik so offensichtlich Probleme untergejubelt werden, die sie gar nicht haben? Monate später erzählte mir eine Mitpatientin von ihrem haarsträubenden Gespräch mit einem Psychiater dieser Klinik. Auf ihre Versicherung, bei ihr liefe alles gut, sowohl im Beruf als auch in ihrer Ehe, entgegnete dieser, vielleicht liefe es ja auch zu gut!




Doch den Vogel schoss ein Gynäkologe ab. Als meine Tochter schon sehr schwer erkrankt war und sich kaum noch auf den Beinen halten konnte, entdeckte sie eines abends einen kirschkerngroßen Knoten in ihrer Brust. Gleich am nächsten Tag suchten wir die Notfallsprechstunde ihrer Gynäkologin auf, doch die war unglücklicherweise im Urlaub und ließ sich von einem Kollegen vertreten. Noch nie hatte ich bis dahin einen Arzt derart unfreundlich mit einem schwerkranken Patienten umgehen sehen. Offenbar gehörte er zu den Ärzten, die CFS-Patienten für Simulanten halten, die man ruhig ruppig behandeln darf. Oder aber er betrachtete Schwerkranke generell als einen Störfall in seiner Praxis. Denn dass meine Tochter schwerkrank ist, dürfte nicht zu übersehen gewesen sein, hatte sie doch, statt im Wartezimmer Platz zu nehmen, sich mit ihrer Augenbinde auf eine Liege im Behandlungsraum legen müssen.

Nachdem er uns eine Ewigkeit hatte warten lassen, erklärte er, dem Tastbefund nach zu urteilen handele es sich um ein Fibroadenom. Brustkrebs, beschied er uns apodiktisch, könne man im Alter meiner Tochter nicht kriegen, frühestens mit 26. Er schickte uns in den Ultraschallraum. Nach weiterer geraumer Wartezeit, die meine Tochter auf der Behandlungsliege zubrachte, fegte er zur Tür herein und begann wortlos, ihr das Gel auf die Brust zu klatschen. Stumm sonographierte er; sein einziger Kommentar beschränkte sich auf die Feststellung, er glaube, es handele sich nicht wie zunächst vermutet um ein Fibroadenom, sondern um einen vergrößerten Lymphknoten. Kontrolle in drei bis vier Monaten. Meine Frage, ob dieser Lymphknoten mit ihrer Grunderkrankung in Zusammenhang stehe, überging er. Er knüllte meiner Tochter ein paar Papiertücher auf die Brust, kehrte ihr den Rücken und setzte sich an den Computer, der neben meinem Stuhl stand. Nur mit Mühe hatte er dabei den Impuls unterdrücken können, gegen meine Handtasche zu treten, die ich auf dem Fußboden abgestellt hatte. Ich nahm sie eilfertig auf und rückte mit dem Stuhl beiseite. Als ich meiner völlig entkräfteten Tochter die Kleider anreichte und ihr beim Anziehen half, wies er in barschem Ton auf den Paravent in einer Ecke des Raumes hin, wo sich die Umkleide befände. (Falsch diagnostiziert hatte er obendrein, wie sich später herausstellte!)




Was mir klar wurde nach diesem Arztbesuch: Nie wieder würde ich die Bezeichnungen CFS, Chronic Fatigue Syndrom, Chronisches Erschöpfungssyndrom oder ME/CFS gegenüber einem Arzt erwähnen, weil sie offenkundig mitnichten zu einer besseren Verständigung zwischen Arzt und Patient beitragen. Die meisten deutschen Ärzte haben nur eine Reihe von Desinformationen im Kopf, wenn sie diese Begriffe hören. Bestenfalls denken sie noch, der Patient stecke in einem „Teufelskreis der Unterforderung“, wie die DEGAM-Leitlinie „Müdigkeit“ [1] sich in Bezug auf CFS auszudrücken beliebt, oder aber im Teufelskreis der Überforderung. Schlimmstenfalls halten sie den Patienten für einen Simulanten und Drückeberger. An eine ernsthafte neurologische Krankheit jedoch denkt bei diesen verharmlosenden Bezeichnungen kaum einer von ihnen.

Es ist auch nicht unbedingt ratsam, den ICD-Schlüssel anzugeben, wie ich es bei dem Badearzt tat. Wenn der Arzt nämlich G93.3 ins System eingibt, taucht im ICD-10-GM als Überschrift der Begriff „Chronisches Müdigkeitssyndom“ auf. Was aber hat dieser Begriff mit der Krankheit Myalgische Enzephalomyelitis und deren komplexer und schwerwiegender Symptomatik zu tun? Gar nichts. Noch schlimmer kommt`s, wenn für die Krankenkasse verschlüsselt werden muss, um die Behandlungskategorie anzuzeigen. Denn dann spuckt das System eine gänzlich absurde Bezeichnung für die Erkrankung aus: „Unwohlsein und Ermüdung“. Doch „Unwohlsein und Ermüdung“ wird im ICD-10-GM mit R53 kodiert und dieses unspezifische Allgemeinsymptom hat absolut nichts mit der neurologischen Krankheit ME zu tun. Hier wurde also mit voller Absicht ein Kategorienfehler ins System eingespeist – mutmaßlich um die uninformierten Ärzte in die Irre zu führen.

Deshalb bleibt als einzige Möglichkeit, sich Respekt bei Ärzten zu verschaffen, die aus solchem Holz wie jener Gynäkologe geschnitzt sind, den ihnen in aller Regel unbekannten Begriff Myalgische Enzephalomyelitis zu benutzen. Wir haben mit dieser Vorgehensweise bislang durchweg gute Erfahrungen gemacht, auch bei freundlichen und aufgeschlossenen Ärzten. Denn der kleine, aber entscheidende Informationsvorsprung ließ sich immer gut ausnutzen, um dem Arzt ein realistisches Bild von der Erkrankung zu vermitteln – und zwar bevor sein Blick durch abgespeicherte Vorurteile zu CFS und durch die systemimmanenten Kategorienfehler getrübt war!

All denjenigen, die einwenden mögen, der Begriff Myalgische Enzephalomyelitis sei nicht einprägsam genug und so schwer zu artikulieren, kann man getrost zurufen, sie sollten doch einmal versuchen, mit der Krankheit zu leben – denn das ist schwierig und nicht etwa das Erlernen der Bezeichnung!

(Und ein Beispiel darf man sich gerne an den Brüdern Austin und Andrew Jarrrett nehmen, deren Vater an ME erkrankt ist. Die beiden Jungen haben vor einiger Zeit eine anrührende Aufklärungs- und Spendenkampagne gestartet, eine Challenge, bei der man dreimal hintereinander den Namen der Krankheit fehlerfrei aufsagen muss. Hier z.B. anzuschauen.)

1 DEGAM = Deutsche Gesellschaft fur Allgemeinmedizin und Familienmedizin. Die von der
DEGAM herausgegebenen Leitlinien instruieren Hausärzte und Allgemeinmediziner in Bezug auf Diagnostik und Therapie diverser Krankheitsbilder.

http://web.archive.org/web/20161008094008/http://www.degam.de/files/Inhalte/Leitlinien-Inhalte/Dokumente/DEGAM-S3-Leitlinien/Ll-02_Patientenbrief_Muedigkeit_im_Teufelskreis_der_Unterforderung.2011.pdf

http://www.degam.de/files/Inhalte/Leitlinien-Inhalte/Dokumente/DEGAM-S3-Leitlinien/LL-
02_Patientenbrief_Ermuedung_durch_zu_hohe_Belastung-UEberforderung.2011.pdf

Bildnachweise:

Edvard Munch, Das kranke Kindwww.commons.wikimedia.org
Vincent van Gogh, Ward in the Hospital in Arles, www.commons.wikimedia.org
Francisco de Goya, Der Arztwww.commons.wikimedia.org
Conrad von Soest, Brillenapostelwww.commons.wikimedia.org
Sven Richard Bergh, Eine hypnotische Sitzung, Detail, www.kunst-fuer-alle.de
Otto Dix, Bildnis Dr. Hans Koch, Museum Ludwig ML 76/02739 Sammlung Haubrich 



Katharina Voss, Copyright 2015