Freitag, 8. Januar 2016

“Everybody`s got stress. Stress is normal.“


… ließ der an Myalgischer Enzephalomyelitis erkrankte amerikanische Filmregisseur Blake Edwards seinen Protagonisten Jack Lemmon in dem Film „That`s Life“ sagen. Stress zu haben, ist also normal und gehört zum Leben dazu. Die Menschen waren immer und zu allen Zeiten Stress ausgesetzt, wenn auch die Art der Belastungen sich geändert hat. Doch Stress für alle möglichen Krankheiten verantwortlich zu machen, das entspricht ganz unserem Zeitgeist.

Immer wieder halten auch ME-Patienten irrtümlich Stress für die Ursache ihrer Krankheit. Desgleichen Ärzte und Psychiater: Auch sie machen gern eine erhöhte Stressbelastung für die Erkrankung ursächlich verantwortlich – oftmals ohne zu explorieren, ob der Patient tatsächlich außergewöhnlichem Stress ausgesetzt war oder nicht. Verunsicherte Patienten sind leicht geneigt, sich dieser Auffassung anzuschließen, weil sie der Krankheit eine Ursache zu geben und einen „Sinn“ zu verleihen scheint und suggeriert, man müsse nur seinen Stress reduzieren, um wieder gesund zu werden. Doch das ist bei ME leider keine therapeutische Option, die zu Heilung führen würde.

Deshalb muss bei der Anamneseerhebung sorgfältig abgeklärt werden, ob der Patient vor Krankheitsbeginn tatsächlich nicht zu verkraftenden Stressoren ausgesetzt war, die für ein Burnout ursächlich verantwortlich zu machen sind, oder ob er zuvor ausreichend leistungsfähig war, um ein aktives Leben wie viele andere gesunde Menschen auch zu führen, deren Aktivitäten nicht zu einer Krankheit führen.



Ein hohes Aktivitätslevel ist nicht mit einer übermäßigen Stressbelastung zu verwechseln. Viele ME-Patienten sind bereits vor dem endgültigen Ausbruch der Krankheit gesundheitlich angeschlagen (z.B. durch Symptome, die bei einer milden Form von ME auftreten wie rezidivierende Infekte, Halsschmerzen oder auch ein allgemeines Schwächegefühl) und empfinden deshalb ihre normalen Aktivitäten zunehmend als Stressbelastung. Etlichen ME-Patienten erscheint ihr Leben vor Beginn der Erkrankung aber auch erst im Nachhinein als stressbelastet, da sie sich solche Aktivitäten krankheitsbedingt nicht mehr vorstellen können und sich nur bei dem bloßen Gedanken daran schon gestresst und überfordert fühlen.

Für eine differentialdiagnostische Abgrenzung zum Burnout, der durch extremen Stress verursacht wird, liefert die Reaktion des Patienten sowohl auf Ruhe als auch auf körperliche Belastung wichtige Hinweise. Im Gegensatz zum Burnout bessern sich die Symptome eines ME-Patienten durch Ruhe und die üblichen Rehabilitationsmaßnahmen wie Psychotherapie und sportliche Aktivitäten, die bei Burnout rehabilitierend wirken, nicht.

Ist eine übermäßige Stressbelastung also tatsächlich als Ursache der Erkrankung auszumachen, handelt es sich demzufolge nicht um ME oder „CFS“, sondern um ein Burnout. Die Frage, ob extremer Stress allerdings ein Auslöser für ME oder „CFS“ sein kann, wird von verschiedenen Krankheitsdefinitionen unterschiedlich beantwortet. Zwei Krankheitsdefinitionen, nämlich die Fukuda- und die IOM-Definition, erklären eine dem Krankheitsausbruch vorangehende andauernde oder exzessive Stressbelastung ausdrücklich zu einem Ausschlusskriterium. [1,2] In den Kanadischen Konsenskriterien (CCC) wird Stress als Krankheitsauslöser erst gar nicht erwähnt und die Internationalen Konsenskriterien (ICC) führen überhaupt keine Krankheitsauslöser an. [3,4] Lediglich im International Consensus Primer for Medical Practitioners wird übermäßiger Stress als ein mögliches der Krankheit vorausgehendes Ereignis aufgelistet, bildet jedoch das Schlusslicht in der Reihe prädisponierender Faktoren. [5]

Besonderer Beliebtheit erfreut es sich bei Anhängern psychogener Verursachungstheorien auch, das übertriebene Streben nach Perfektion mit ME und “CFS“ in Verbindung zu bringen. So ist oftmals von „überzogenem Leistungsdenken“, „chronischer Überforderung“ oder von einer „perfektionistischen Persönlichkeitsstruktur“ die Rede, selbst dann, wenn der Erkrankte sich nur wünscht, wieder an seinem erfüllten und ausgefüllten Vorleben anknüpfen zu können, dem er sich als Gesunder erfreuen durfte. Dieser Charakterisierungen bedienen sich manche Behandler sogar, wenn der Patient seine Ansprüche an ein normales Leben bereits weitgehend zurückgeschraubt hat und sich nichts weiter wünscht, als spazierengehen, sich wieder einmal duschen oder die Haare waschen zu können, ohne dass sich er sich davon erholen muss.



Manche Patienten fühlen sich durch solche Charakterzuschreibungen gut getroffen und lassen sich küchenpsychologische Deutungen von ihren Behandlern bereitwillig aufschwätzen, weil sie sich von solchen zweifelhaften Erkenntnissen und Einsichten gesundheitliche Besserung versprechen. Persönlichkeitsmerkmale als Krankheitsursache auszugeben, suggeriert nämlich, Heilung könne allein durch die Aufgabe dieser Eigenschaften erwirkt werden. Einige Patienten greifen die Hypothese vom angeblich krankmachenden Hang zum Perfektionismus auch deshalb so dankbar auf, weil es sich um die Zuschreibung einer sozial hoch im Kurs stehenden Eigenschaft handelt. Es ist nicht verwunderlich, dass jemand, der sich aufgrund seiner Krankheit als defizitär und als nicht vollwertiges Mitglied der Gesellschaft erlebt, sich eine Verursachungstheorie zu eigen macht, die ihm erlaubt, sich als im Grunde ganz besonders tüchtig und engagiert darzustellen. Denn im Gegensatz zu anderen Verursachungstheorien, die soweit gehen, die Existenz der Krankheit komplett zu verleugnen und die Patienten als Simulanten zu verhöhnen, legt diese Theorie dem Patienten nahe, er sei nicht etwa krank geworden, weil er ein Taugenichts und Faulpelz, sondern im Gegenteil ein besonders nützliches Mitglied der Gesellschaft gewesen sei. Das vermag immerhin das angeschlagene Selbstwertgefühl des Patienten zu reparieren.

Die „Perfektionismustheorie“ verleitet einige Patienten sogar dazu sich einzubilden, sie seien vom Schicksal auserwählt oder ausgezeichnet. Sich auf diese Weise geadelt zu fühlen, hilft manchem dabei, die Bürde der Krankheit besser zu ertragen. Wenn sich der Zustand des Patienten allerdings verschlechtert, das Leben des Patienten durch die Krankheit sukzessive zerstört wird und der Kranke merkt, dass der Verzicht auf Perfektionismus keineswegs zu einer Verbesserung seines Zustands geführt hat, nimmt er meist Abstand von dieser Verursachungshypothese, weil er sich um das Heilsversprechen betrogen fühlt.

Bedauerlicherweise befürworten auch nicht eben wenige Behandler die Verursachungshypothese vom „überzogenem Leistungsdenken“, „chronischer Überforderung“ oder von einer „perfektionistischen Persönlichkeitsstruktur“. Das ist u.a. auch dem Umstand zu verdanken, dass viele ME-Patienten ihr prämorbides Aktivitätsniveau bei einer Erstvorstellung oftmals maßlos übertreiben, nur um nicht für Simulanten oder Drückeberger gehalten zu werden. Dafür, dass die Krankheit ein so denkbar schlechtes Image hat, das insbesondere mit Simulantentum verknüpft ist, haben vor allem die britischen Psychiater der sogenannten Wessely School mit ihren verächtlichen Äußerungen über „CFS“- und ME-Kranke gesorgt. Um nun diesem Vorwurf, mit dem der Patient oftmals bereits nicht lange nach Krankheitsausbruch konfrontiert wird, zuvorzukommen, stellt er sein Vorleben gerne als hyperaktiv dar. So verwundert es nicht, dass manche Ärzte solch einen Patienten als übermäßig leistungsorientiert und perfektionistisch veranlagt beurteilen. Doch die Eventualität narrativer Verzerrungen die Vorgeschichte des Patienten betreffend, sollte vom Arzt bei der Anamneseerhebung immer mitberücksichtigt und allzu blumige Ausschmückungen des prämorbiden Arbeits- und Aktivitätspensums hinterfragt werden.

Aber auch wenn es manchen Ärzten und Patienten, die ihrem Schicksalsschlag einen Sinn verleihen möchten, dennoch so vorkommen mag: Perfektionismus oder ausgeprägter Ehrgeiz sind keine konstituierenden Faktoren einer ME. Die Verknüpfung einer bestimmten Persönlichkeitsstruktur mit der Entstehung einer ME ist wissenschaftlich nicht belastbar, wie zahlreiche Studien belegen. [6] Selbst Psychiater Simon Wessely, Kopf der Wessely School, kam bei einer Studie, welche die Persönlichkeitsstruktur von „CFS“-Kranken untersuchte, zu dem Ergebnis, dass das „Stereotyp von CFS-Patienten als Perfektionisten“ (Ü.d.A.) nicht haltbar sei. [7]

Nicht selten muss auch eine posttraumatische Belastung als Ursache für die Erkrankung herhalten, sogar manchmal, ohne dass der Patient von einem Trauma außergewöhnlichen oder katastrophalen Ausmaßes wie etwa schwerer körperlicher Gewalt, Missbrauch, Vergewaltigung, Folter oder Kriegserlebnissen berichten kann. Doch eine posttraumatische Belastungsstörung geht hauptsächlich mit einer krankhaften Veränderung des Seelenlebens einher, wohingegen ME-Patienten ganz überwiegend körperliche Symptome beklagen.



Einige Psychologen und Mediziner – allen voran der an der Universität Marburg lehrende und forschende Psychologieprofessor Urs Nater und Christine Heim, Direktorin des Instituts für Medizinische Psychologie der Charité Berlin – arbeiten seit Jahren daran, sexuellen und emotionalen Missbrauch sowie emotionale Vernachlässigung als Ursache für eine „CFS“-Erkrankung zu etablieren. Mit ihrer Studie aus dem Jahre 2009, Childhood Trauma and Risk for Chronic Fatigue Syndrom – Association with neuroendocrine dysfunction betitelt, wollen sie bei Probanden, die berichteten, einem Kindheitstrauma ausgesetzt gewesen zu sein, ein 6-fach erhöhtes Risiko „CFS“ zu bekommen, ausgemacht haben. [8]

Doch wenn man die Auswahlkriterien für die Probanden dieser Studie betrachtet, wird man feststellen, dass die Autoren Teilnehmer der berüchtigten Telefonbuchkohorte aus Georgia rekrutiert und die sehr weitgefasste empirische Krankheitsdefinition der CDC benutzt haben, eine extrem verwässerte Version der Fukuda-Definiton, die es möglich macht, einen arbeitsunwilligen, sozial inkompetenten und kontaktarmen Marathonläufer, der morgens schlecht aus dem Bett kommt, als „CFS“-Kranken zu diagnostizieren. [9] Das heißt, die Wahrscheinlichkeit, dass sich unter den Studienteilnehmern tatsächlich „CFS“- oder gar ME-Patienten befanden, ist nicht besonders groß.

Außerdem wertete die Studie nur selbstberichtete Kindheitserfahrungen aus. Probanden, die wie hier in Fragebögen „über signifikant höhere Raten an Kindheitstraumen und psychopathologischen Symptomen als Kontrollgruppen“ (Ü.d.A.) berichten, [10] geben allenfalls ihre Meinung kund, nicht aber eine psychiatrische Diagnose. Denn es ist nicht möglich, sich selbst eine psychiatrische Diagnose zu stellen. Diese Probanden glaubten lediglich, Kindheitstraumen erlitten zu haben und an psychopathologischen Symptomen zu leiden. Doch da niemand eine gültige psychiatrische Selbstdiagnose stellen kann, handelt es sich hierbei nicht um eine gesicherte psychiatrische Diagnose, sondern nur um eine reine Meinungsäußerung der Probanden.

Das, was Nater et al. eigentlich untersuchen wollten, nämlich ob Kindheitstraumen tatsächlich ursächlich mit der Entwicklung eines „CFS“ in Verbindung zu bringen sind, haben sie also in Wirklichkeit gar nicht untersucht. Stattdessen haben sie eine Meinungsumfrage unter gesunden Kontrollen und (fraglichen) „CFS“-Patienten gemacht, von denen sich viele durch die Fragen des Fragebogens eingeladen oder aufgefordert fühlten, über Schreckliches aus ihrer Kindheit mit weitreichenden psychischen Folgen bis in die Gegenwart zu berichten. Ungeklärt bleibt dabei, ob sie diese Dinge wirklich erlebt haben und nachhaltig traumatisiert wurden, oder ob sich Ereignisse in der Rückschau mit Bedeutung aufgeladen haben, die in der Kindheit nicht traumatisierend waren und nun dem Patienten als sinnstiftende Erklärung für den schicksalhaften Ausbruch der Erkrankung dienen. Womöglich waren die Probanden sogar nur bemüht, die nicht zu übersehende Erwartungshaltung der Studiendesigner, die sich bereits aus deren Fragestellungen ergibt, zu erfüllen. Und viele von ihnen werden ihren artig ausgefüllten Fragebogen auch mit der mehr oder weniger unbewussten Erwartungshaltung abgegeben haben, Hilfe und eine Heilbehandlung für ihre körperlichen Probleme zu bekommen. (Mehr zu den Schwächen des Designs dieser Studie in meinem Buch.)

Bereits 2001 hatten der amerikanische Ergotherapeut Renée Taylor und der amerikanische Psychiater Leonard Jason zum Thema Kindheitstrauma und „CFS“ geforscht. Sie fanden heraus, dass die Prävalenzraten von sexuellem Missbrauch und Misshandlung bei Menschen mit „CFS“ vergleichbar sind mit denen, die man bei Individuen mit anderen Krankheiten findet: „Im Vergleich zu denen mit CFS, die über solche frühkindlichen Erfahrungen berichten, berichten die meisten Menschen mit CFS nicht über einen solchen Missbrauch.“ (Ü.d.A.) [11]

Der Prozentsatz „CFS“-Kranker, die in ihrer Kindheit sexuell missbraucht oder misshandelt wurde, ist dieser Studie zufolge also nicht größer als der z.B. Krebs- oder Herzkranker, und die meisten „CFS“-Kranken sind nicht sexuell missbraucht oder misshandelt worden. Taylors und Jasons Ergebnisse werden auch von anderen Studien gestützt. Der britische Professor für Jugendgesundheit Russel Viner und der britische Psychiater Matthew Hotopf beispielsweise konnten ebenfalls keinen Zusammenhang zwischen psychischen Belastungen, welcher Art auch immer, von Mutter oder Kind und einem erhöhten Risiko, “CFS/ME“ zu entwickeln, identifizieren – und Hotopf ist immerhin sogar ein Vertreter der britischen Wessely School! [12]



Ohnehin ist es methodisch fragwürdig, mit Hilfe von Fragebögen retrospektiv gewonnene Einsichten auszuwerten. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Selbstberichtetes stets einer narrativen Verzerrung unterliegt. Kranke versuchen – wie alle anderen Menschen auch – einen Sinn in dem zu finden, was ihnen schicksalhaft zugestoßen ist, und so werden in der Rückschau Ereignisse möglicherweise als belastend und traumatisierend bewertet, die in der Vergangenheit keinerlei traumatisches Potenzial für den später erkrankten Patienten besaßen.

Aufschlussreich ist hierzu eine prospektive Studie mit 676 dokumentierten Fällen von Missbrauch, Misshandlung und Vernachlässigung in der Kindheit und einer Vergleichsguppe von 520 demographisch übereinstimmenden Kontrollen. [13] Untersucht wurde, ob ein Zusammenhang zwischen Viktimisierung in der frühen Kindheit und der Entwicklung einer Schmerzsymptomatik im Erwachsenenalter existiere. Es gab keinen Zusammenhang; jedoch war eine Schmerzsymptomatik signifikant assoziiert mit retrospektiv selbstberichtetem Missbrauch und retrospektiv selbstberichteter Misshandlung oder Vernachlässigung. Deshalb schlussfolgerten die Autoren, dass die allgemeine Annahme, medizinisch unerklärliche Schmerzen seien psychischen Ursprungs, in Frage zu stellen sei.

Eine weitere prospektive Studie zur Frage, ob Glück, Zufriedenheit, Wohlbefinden und ähnliche Empfindungen das Sterblichkeitsrisiko senken, kam zu dem Ergebnis, das dem nicht so ist. [14] Eine schlechte Gesundheit mache zwar traurig, unzufrieden und unglücklich, aber umgekehrt seien Traurigkeit, Unzufriedenheit oder das Gefühl unglücklich zu sein mit keinem erhöhten Krankheits- oder Mortalitätsrisiko verbunden. Diese Studie sollte, so kann man nur hoffen, diejenigen Patienten emotional entlasten, die glauben, selbst Schuld an ihrer Krankheit zu sein, weil sie ihre prämorbiden Gefühle von Unglücklichsein oder Unzufriedenheit fälschlicherweise ursächlich verantwortlich für ihre körperliche Erkrankung machen.



Die geradezu irrwitzige Überbewertung psychologischer Erklärungsmodelle, seien sie auch noch so laienhaft, ist ein offenbar schwer ausrottbares, grassierendes Übel unserer Zeit, das nicht nur Krankheitsverursachungstheorien betrifft, sondern mittlerweile auch weite Teile des Alltagslebens beherrscht. Man kann sich oftmals nicht des Eindrucks erwehren, dass es sich hierbei um eine Art Ersatzreligion zu handeln scheint.

Doch nehmen wir als Beispiel emotionalen Stress: Was ist das eigentlich und ab welchem Zeitpunkt entsteht emotionaler Stress? Man wird die Feststellung machen, dass selbst Gesunde unter emotionalem Stress etwas völlig Verschiedenes verstehen. Was der eine bereits als emotionalen Stress empfindet, ist für den anderen gerade mal erst die Warmlaufphase. Dann gibt es auch diejenigen, die völlig stressresistent sind, deren Gefühlshaushalt und Arbeits- und Aktivitätspensum keine Grenzen gesetzt zu sein scheinen. Wieder andere verspüren zwar kein Stressgefühl und können großen Belastungen, auch emotionalen, offenbar mühelos standhalten, doch sie arbeiten, bis sie buchstäblich umfallen und mit einem Herzinfarkt in die Klinik eingeliefert werden.

Doch wird ein Herzinfarkt auch tatsächlich durch emotionalen Stress verursacht? Die Frage lässt sich wohl mit einem klaren Nein beantworten. Ein Herzinfarkt kann jedoch durch großen emotionalen Stress wie Ärger oder Freude ausgelöst werden, so Professor Stephan Baldus, Direktor des Herzzentrums der Universitätsklinik Köln, doch in aller Regel nur dann, wenn bereits eine Vorerkrankung wie beispielsweise eine Arteriosklerose der Herzkranzgefäße vorliegt. [15] Risikofaktoren für eine Arteriosklerose sind Bewegungsmangel, der zu hohem Blutdruck führen kann, welcher dann die Gefäßinnenwände schädigt, fett- und kalorienreiches Essen, das zu Übergewicht und hohen LDL-Cholesterinwerten führt, Tabakkonsum, der Ablagerungen in den Arterien fördern kann, sowie verschiedene Krankheiten wie z.B. Diabetes mellitus, Schilddrüsenüberfunktion, Rheumatoide Arthritis, genetische Veranlagung usw. [16] Doch diese Faktoren treffen auf Menschen, die nicht stressgeplagt sind, mindestens ebenso häufig zu. Es ist also nicht der Stress, der die Menschen krank macht, sondern schlechte Lebensgewohnheiten, die pathogene Körperprozesse bewirken, und/oder eine Kumulation von Krankheiten.



Ähnlich wie Professor Baldus die Frage beantwortet, ob emotionaler Stress einen Herzinfarkt auslösen kann, lässt sich womöglich auch die Frage beantworten, ob Stress, gleich welcher Art, ein Auslöser für ME sein könnte. Epidemische und Cluster-Ausbrüche weisen darauf hin, dass ME eine infektiöse Krankheit ist. Aufgrund der wachsenden Zahl von Hinweisen schlägt der International Consensus Primer for Medical Practitioners neuropathische Viren als mögliche primäre Ursache der Erkrankung vor. [5] Nach dieser Hypothese infizieren neuropathische Viren neurologische und Immunzellen und schädigen die Kapillaren und Mikroarterien im Zentralen Nervensystem. Diese initiale Infektion entfacht in der Folge eine tiefgreifende Fehlregulation der Immunantwort, die chronisch wird oder Autoimmunität bewirkt, sogar wenn der Level des infektiösen Agens vermindert ist.

Das ist eine plausible ätiologische Hypothese, derzufolge die neuropathischen Viren auch ganz allmählich diffuse Hirnschädigungen verursachen können. Der Infizierte nimmt unter solchen Umständen die Infektion möglicherweise nur als eine Art Hintergrundrauschen wahr und fühlt sich noch eine ganze Weile lang gesund und arbeitsfähig. Doch da die Leistungsfähigkeit des Infizierten langsam, aber stetig abnimmt, auf der anderen Seite der Berg unbewältigter Aufgaben jedoch anwächst, gerät der Infizierte zunehmend unter Stress. Mit jedem weiteren Tag, an dem die neuropathischen Viren ihr zerstörerisches Werk anrichten, sinkt die Stresstoleranzgrenze des Infizierten – bis zu dem Zeitpunkt, wo das System vor den Viren kapituliert und die Krankheit voll ausbricht.

Da bei dieser schleichenden Verlaufsform der Infizierte die initiale Infektion nicht bemerkt hat, glaubt er nun irrtümlich, der Stress habe seine Krankheit verursacht. Dabei ist in so einem Fall sogar fraglich, ob seine Krankheit auch nur durch Stress ausgelöst wurde. Im Grunde genommen ist hier der ansteigende Berg unerledigter Aufgaben und die begleitende Zunahme an Stressempfinden bereits eine Folgeerscheinung des schwelenden Krankheitsprozesses. Denn es ist doch nicht der zunehmende Stress, mit dem der Infizierte nicht mehr fertig wird, sondern es sind die sich mehrenden Schäden des Zentralen Nervensystems, die voranschreitende Immunfehlregulation sowie die sich ausweitenden Autoimmunprozesse, die, wenn sie überhand nehmen, zum vollen Ausbruch der Krankheit führen.



Weder Stress noch chronische Überforderung oder das übertriebene Streben nach Perfektion noch eine posttraumatische Belastungsstörung können eine ME verursachen oder auslösen: Es gehört immer wie die gut dokumentierten epidemischen und die Cluster-Ausbrüche zeigen – eine Infektion dazu, und zwar mit einem bislang nicht identifizierten Virus oder Retrovirus. Denn in Kriegs- und Nachkriegszeiten waren Millionen Menschen maximalem Stress oder chronischer Überforderung ausgesetzt und ganz besonders viele Menschen litten kriegsbedingt an einer posttraumatischen Belastungsstörung – ohne jedoch auffallend häufig an ME zu erkranken. Wenn die Krankheitstheorien von der posttraumatischen Belastung, chronischen Überforderung oder der erhöhten Stressbelastung als Ursache von ME also zuträfen, dann hätte nach dem Zweiten Weltkrieg ein signifikant hoher Anteil der europäischen Bevölkerung an ME erkrankt sein und, anstatt sich tatkräftig am Wiederaufbau zu beteiligen, flachliegen müssen. Doch das war sichtlich nicht der Fall. Die Krankheit war seinerzeit nicht annähernd so verbreitet wie heute.

Manchen ME-Patienten ist die Beantwortung der Frage, ob Stress, chronische Überforderung, eine posttraumatische Belastungsstörung oder aber ein Virus ihre Krankheit verursacht hat, völlig wurscht. Sie wünschen sich nur sehnlichst eine Heilbehandlung herbei. Doch die wird es nur dann geben, wenn Entscheidungsträger davon überzeugt werden bzw. nicht mehr abstreiten können, dass ME nicht durch psychische Faktoren, sondern durch ein (oder verschiedene) Pathogen(e) verursacht wird. Deshalb ist es unbedingt notwendig, zwischen Krankheitsursachen und Krankheitsauslösern und Folgeerscheinungen zu unterscheiden und sich eine differenzierte Betrachtungsweise der eigenen Krankheitsgenese zu erarbeiten. Denn Patienten, die entweder gedankenlos die durch keine seriöse Wissenschaft bewiesenen psychogenen Verursachungstheorien rezipieren oder sogar hartnäckig an ihnen festhalten, tragen (unwissentlich) zur Verhinderung der dringend benötigten biomedizinischen Erforschung der Krankheit und der Entwicklung eines entsprechenden Heilmittels bei.

Wenn die Patienten sich nicht denen, die ihre Krankheit psychopathologisieren, bagatellisieren, verleugnen oder sogar verhöhnen, selbst ans Messer liefern wollen, sollten sie all diese psychologischen Erklärungsmodelle ganz schnell über Bord werfen. Denn sonst werden werden sie noch viele weitere Jahrzehnte mit ineffektiven Ratschlägen wie ihren Stress zu reduzieren, mal Fünfe gerade sein zu lassen oder eine Psychotherapie zu machen bombardiert werden – und das wird sie viele Lebensjahre kosten, die Schwerkranken unter Umständen sogar das Leben.

Literaturangaben:

1 Keiji Fukuda et al. The Chronic Fatigue Syndrome: A Comprehensive Approach to Its Definition and
Study, Annals of Internal Medicine 1994
2 IOM Beyond Myalgic Encephaomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome - Redefining an Illness, National Academy of Sciences 2015
4 Carruthers, B M, van de Sande, M I [...], and Stevens, S Myalgic Encephalomyelitis: International
Consensus Criteria, Journal of INTERNAL MEDICINE 2011
5 Carruthers BM, van de Sande MI et al. MYALGIC ENCEPHALOMYELITIS – Adult &
Paediatric: International Consensus Primer for Medical Practitioners, 2012, The National Library of Canada Cataloguing-in-Publication Data: ISBN 978-0-9739335-3-6
6 Studienbeispiele:
Pheby, Derek; Saffron, Lisa Risk factors for severe ME/CFS, Biology and Medicine 2009
Courjaret J, Chronic fatigue syndrome and DSM-IV personality disorders, J Psychosom Res. 2009
Blenkiron P, Edwards R, Lynch S Associations between perfectionism, mood, and fatigue in chronic  
fatigue syndrome: a pilot study, J Nerv Ment Dis. 1999
Buckley L, MacHale SM, Cavanagh JT, Sharpe M, Deary IJ, Lawrie SM Personality dimensions in  chronic fatigue syndrome and depression, J Psychosom Res. 1999
Naess, Halvor; Nyland, Morten; Hausken, Trygve; Follestad, Inghild and Nyland, Harald I Chronic  
fatigue syndrome after Giardia enteritis: clinical characteristics, disability and long-term sickness
absence, BMC Gastroenterology 2012
Hempel S, Chambers D, Bagnall AM, Forbes C. Risk factors for chronic fatigue syndrome/myalgic
encephalomyelitis: a systematic scoping review of multiple predictor studies, Psychol Med. 2008
7There was no evidence from this study of major differences between the personalities of CFS
patients and RA patients. The stereotype of CFS sufferers as perfectionists with negative
attitudes toward psychiatry was not supported.” Zitiert aus Wood B, Wessely S. Personality and social attitudes in chronic fatigue syndrome, J Psychosom Res. 1999
8 Heim, Christine; Nater, Urs M.; Maloney, Elizabeth; Boneva, Roumiana; Jones, James F.; Reeves,
William C. Childhood Trauma and Risk for Chronic Fatigue Syndrom – Association with neuroendocrine dysfunction, Arch Gen Psychiatry. 2009
9 William C Reeves […], Elizabeth R Unger, Suzanne Vernon and Christine Heim Chronic Fatigue Syndrome – A clinically empirical approach to its definition and study, BMC Medicine 2005
10Individuals with CFS reported significantly higher levels of childhood trauma and psychopathological symptoms than control subjects.“ Zitiert aus Heim, Christine et al. Childhood Trauma and Risk for Chronic Fatigue Syndrom – Association with neuroendocrine dysfunction, Arch Gen Psychiatry  2009
11 “Relative to those with CFS who report such history, most individuals with CFS did not report histories of interpersonal abuse.“ Zitiert aus Jason, Leonhard Problems with theNew CDC CFS Prevalence Estimates, nachzulesen auf
http://www.iacfsme.org/IssueswithCDCEmpiricalCaseDefinitionandPrev/tabid/105/Default.aspx
(Abruf 16.01.15)
Taylor RRJason LA Sexual abuse, physical abuse, chronic fatigue, and chronic fatigue syndrome: a community-based study, J Nerv Ment Dis. 2001
12 Viner, Russell; Hotopf, Matthew Childhood predictors of self reported chronic fatigue
syndrome/myalgic encephalomyelitis in adults: national birth cohort study, BMJ 2004
13 Raphael KG, Widom CS, Lange G Childhood victimization and pain in adulthood: a prospective investigation, Pain. 2001
14 Bette Liu et al. Does happiness itself directly affect mortality? The prospective UK Million Women Study, The Lancet 2015
15 Tanja Pöpperl Kann Ärger einen Herzinfarkt auslösen?, Apotheken-Umschau 11.11.2015 http://www.apotheken-umschau.de/Herzinfarkt/Kann-Aerger-einen-Herzinfarkt-ausloesen-278879.html (Abruf 5.01.16)
16 Andrea Bannert Arteriosklerose, NetDoktor o.J., http://www.netdoktor.de/krankheiten/arteriosklerose/#TOC2 (Abruf 5.01.16)

Bildnachweise:

Ernst Ludwig Kirchner, Straßenbild vor dem Friseurladenwww.commons.wikimedia.org
Ernst Ludwig Kirchner, Das Bad des Kranken, Galerie Henze & Ketterer & Triebold © Wichtrach/Bern
Francisco de Goya, Saturn verzehrt eines seiner Kinder, www.commons.wikimedia.org
Edvard Munch, Der Schreiwww.commons.wikimedia.org
Edvard Munch, Melancholiewww.commons.wikimedia.org
Pieter Bruegel d. Ä., Schlaraffenland, www.commons.wikimedia.org  
Edvard Munch, Abend auf der Karl Johans gatewww.commons.wikimedia.org 


Katharina Voss, Copyright 2016 

Samstag, 19. Dezember 2015

Frohes Fest!


Im Vorweihnachtstrubel steht das ganze Land Kopf. Die Leute sind im Einkaufsrausch, um Wunschlisten abzuarbeiten, im Dekofieber, um ihr Heim festlich herauszuputzen, im Terminstress, um Weihnachtsfeiern von Kindergarten, Schule, Firma und Verein zu absolvieren, und im Back- und Kochwahn, um in einer Aufwallung christlicher Nächstenliebe auch noch die mäklige Verwandtschaft über die Feiertage zufriedenstellend verköstigen zu können. Hektische Betriebsamkeit paart sich mit der Vorfreude auf ein paar nette, friedliche Tage mit der Familie. Die Menschen scheinen sich in der Vorweihnachtszeit für kurze Zeit im Ausnahmezustand zu befinden, selbst die, die sich bewusst dem Konsumterror und allen gesellschaftlichen Zwängen verweigern. Wenn dann am Nachmittag des 24. urplötzlich eine geradezu geisterhafte Stille eintritt, die Straßen leergefegt sind, weil die Familien sich um ihren im Lichterglanz erstrahlenden Tannenbaum versammeln, und die Bescherung beginnt, löst der eine Ausnahmezustand den anderen ab. Doch Letzterer ist nur von sehr kurzer Dauer.

Bei ME-Kranken herrscht eigentlich das ganze Jahr über Ausnahmezustand, nicht nur zur Weihnachtszeit. Und es ist ein Ausnahmezustand ganz unfreiwilliger Art: Denn man lässt sie nicht zur Ruhe kommen – egal wie krank sie sind. Fortwährend müssen sie um eine adäquate medizinische und finanzielle Versorgung und um soziale Anerkennung kämpfen. Andauernd müssen sie um wenigstens ein Minimum an familiärem Halt und emotionaler Unterstützung buhlen. Pausenlos müssen sie darum bangen, überhaupt als Schwerkranke wahr- und ernstgenommen zu werden. Unentwegt begleitet sie die Sorge, dass sich ihre gesundheitliche Situation noch weiter verschlechtern könnte. Immerzu leben sie in der Furcht, wegen Begleiterkrankungen oder Komplikationen ins Krankenhaus eingewiesen zu werden, wo man ihre Grunderkrankung nicht kennt und wo auch keine Rücksicht auf ihre spezielle Symptomatik genommen wird. Permanent belastet sie die Vorstellung, ins Pflegeheim abgeschoben zu werden, weil sie niemanden haben, der sie angemessen versorgen könnte. Ohne Unterlass müssen sie befürchten, von uninformierten Ärzten, Pflegern, Bekannten, Freunden und Verwandten psychopathologisiert und womöglich in die Psychiatrie zwangseingewiesen zu werden, wie es schon unzähligen Mitpatienten widerfahren ist.

Zusätzlich zu diesen Dauerkriegsschauplätzen trägt ganz wesentlich die neurologische Symptomatik der ME-Kranken zur Aufrechterhaltung des Ausnahmezustands bei. Denn ihre sensorischen Überempfindlichkeiten verhindern, dass sie wie andere Behinderte und chronisch Kranke am Leben partizipieren können. Sinnesempfindungen wie visuelle, auditive, taktile, olfaktorische und gustatorische Wahrnehmungen können den ME-Patienten derart überwältigen, dass er gezwungen ist, sich häufig zurückzuziehen oder sogar in völliger Isolation zu leben. Auch das anhaltende Krankheitsgefühl, das von der grippeähnlichen Symptomatik, den Schmerzen und der überwältigenden Erschöpfung herrührt, sowie die pathologische Muskelerschöpfbarkeit und die Zustandsverschlechterung nach oftmals nur geringfügiger Belastung verhindern seine Teilhabe am Leben.




Die meisten chronischen Krankheiten beeinträchtigen das Leben mehr oder weniger stark, aber einige sind nur sehr schwer erträglich und gehören, wenn sie ein bestimmtes Stadium erreicht haben, zu den entsetzlichsten Krankheiten, die man sich als Gesunder überhaupt nur ausmalen kann. Myalgische Enzephalomyelitis zählt ohne Zweifel dazu.


Wenn ich Gesunden oder auch Kranken vom Leben meiner beiden Töchter berichte oder von dem, was davon übrig geblieben ist, können die meisten kaum begreifen, dass sie überhaupt noch einen Lebenswillen besitzen. „Wie halten sie das nur aus? Wie kann man so etwas aushalten? Ich könnte das nicht aushalten“, bekomme ich immer wieder zu hören.

Ja, wie kann man so etwas aushalten? Eine Krankheit, die eine 22-Jährige und eine 15-Jährige nötigt, Tag und Nacht meist in völliger Dunkelheit vor sich hinzuvegetieren? Eine Krankheit, die sie zwingt, weitgehend ohne Gesellschaft, ohne Gespräche (das Notwendigste kommunizieren sie meist über Handzeichen), ohne Umarmungen (wegen der Berührungsempfindlichkeit), ohne Trostworte und sogar ganz ohne jegliche Beschäftigung und Ablenkung auskommen zu müssen? Einen Zustand, der nur durch die Aufnahme von Mahlzeiten, die Verrichtung der Notdurft und durch Hygienemaßnahmen unterbrochen wird?

Ich weiß nicht, wie man das aushalten kann.

„Und wie halten Sie das eigentlich aus?“, werde ich dann als nächstes gefragt. Die Frage kann ich kaum beantworten. Ich murmele dann für gewöhnlich etwas davon, dass mir ja gar nichts anderes übrigbliebe als es auszuhalten. Was mich aber am meisten quält, ist der Umstand, dass mir kaum Möglichkeiten verblieben sind, Trost zu spenden. Ich sehne mich danach, meine Töchter in den Arm nehmen zu können und sie zu trösten. Ich sehne mich danach, mich mit ihnen zu unterhalten und von ihnen zu erfahren, was in ihnen in diesen dauerhaft dunklen Stunden vorgeht. Ich ersehne den Tag herbei, an dem die beiden wieder einmal die Kraft haben werden, sich „besuchen“ und miteinander reden zu können. Das war im letzten halben Jahr leider nur einmal und nicht ohne weitere gesundheitliche Einbußen möglich – obwohl sie doch Wand an Wand liegen.


Aber vor allem sehne ich mich danach, ihre Hoffnung auf eine wirksame Behandlung mit neuen, überzeugenden Forschungsergebnissen bestätigen zu können. Nicht, dass ich das nicht andauernd täte. Was bleibt mir auch anderes übrig als Mutter? Aber ich würde ihre Hoffnungen gerne guten Gewissens nähren können. Denn noch rede ich sozusagen ins Blaue hinein, mit bleischwerem Herzen. Es ist bislang fraglich, ob es jemals eine wirksame Behandlung auch für die Schwerkranken unter den ME-Patienten geben wird. Und es tun sich weitere Fragen auf: Werden meine Töchter durchhalten, bis eine solche Behandlung vielleicht tatsächlich eines Tages existiert? Werde ich die Pflege meiner beiden Töchter bis dahin schaffen? Werden wir als Familie die Belastung auf Dauer durchstehen können? Eine Belastung, die seit nunmehr schon sechseinhalb Jahren anhält und die bislang mit jedem weiteren Jahr exponentiell zugenommen hat?

ME-Patienten und ihre Angehörigen haben also lange Weihnachtswunschlisten. Die meisten ihrer Wünsche sind immaterieller Beschaffenheit. Sie stehen nicht auf den Listen ihrer Mitmenschen, weil Wünsche in der Regel nur für etwas formuliert werden, woran Mangel herrscht. Aber Gesunde nehmen all das, woran es ME-Kranken mangelt, für selbstverständlich: Gesundheit, Gesellschaft, Familie, Freunde, Arbeit, Rente, eine medizinische Versorgung, wenn man krank wird, und vieles mehr.


Viele ME-Kranke werden versuchen, das Weihnachtsfest zumindest für ein paar Stunden mit der Familie gemeinsam zu verbringen. Etliche werden an den Festtagen ganz allein bleiben. Einige, wie wir beispielsweise, werden das Weihnachtsfest ganz ausfallen lassen müssen. Ein Zusammensein wird nicht möglich sein und Geschenke würden meine Töchter nur heillos überfordern. Die Geburtstagsgeschenke meiner Älteren stapeln sich unausgepackt seit Ende Juni auf einem Stuhl in der Zimmerecke. Sie hatte keine Kraft, sich feiern zu lassen, geschweige denn ihren Geburtstag selbst feiern zu können. Kann sich jemand, der einen schwerkranken ME-Patienten nicht aus nächster Nähe erlebt hat, das überhaupt vorstellen? Dass ein Mensch so krank sein kann, dass ihn selbst ein einziges Geschenk bereits überanstrengt und noch kränker macht?

Heiligabend und die beiden Weihnachtstage werden sich bei uns also nicht von den 362 anderen Tagen des Jahres unterscheiden. Nur das uns ohnehin ständig begleitende Gefühl, vom Leben ausgeschlossen zu sein, im Ausnah-ME-zustand zu sein, wird an diesen Tagen noch stärker und schmerzhafter zu spüren sein als sonst.

Ich wünsche dennoch allen von Herzen ein frohes Fest!















Katharina Voss, Copyright 2015 

Donnerstag, 26. November 2015

Herzlich willkommen – Gesundheit ade?


Tausende Asylsuchende überqueren derzeit Tag für Tag die deutsche Grenze. Was die meisten von ihnen verständlicherweise nicht im Gepäck haben, ist ein Impfausweis. [Eppinger, 10/2015] Das liegt hauptsächlich daran, dass die medizinische Versorgung inklusive der Impfraten in den Herkunftsländern der Asylsuchenden nicht unseren Maßstäben entsprechen, und in eher seltenen Fällen daran, dass man auf eine Flucht nur das Notwendigste mitnimmt oder unter Umständen einen Teil seiner Habe unterwegs verliert bzw. zurücklassen muss.



Nicht überraschend, dass das Robert Koch Institut (RKI) Alarm schlägt. Denn die Asylsuchenden müssen in den Erstaufnahmeeinrichtungen oder in den kommunalen Behelfsunterkünften für längere Zeit auf engem Raum zusammenleben, was mit einem erhöhten Risiko des Ausbruchs von Infektionskrankheiten einhergeht. Dennoch sind laut RKI bislang kaum Krankheitsfälle gemeldet worden, wie in der FAZ zu lesen war. [FAZ, 10/2015]

Das dürfte sich möglicherweise bald ändern. Denn das RKI hat in Abstimmung mit der Ständigen Impfkommission (STIKO) ein Papier erarbeitet, das „Empfehlungen für ein „Mindest-Impfangebot“ für ungeimpfte Asylsuchende und Asylsuchende mit unklarem Impfstatus“ enthält. [RKI, 10/2015] Möglichst bald nach ihrer Ankunft, innerhalb der ersten Tage in der Erstaufnahmeeinrichtung, sollen Asylsuchende nun einen eventuell fehlenden Impfschutz nachholen. Man hat dabei nicht nur den individuellen Schutz der Asylsuchenden im Auge, sondern will verhindern, dass sich eine epidemiologisch relevante Bevölkerungsgruppe mit unzureichendem Impfschutz entwickelt.

Das ist eine nachvollziehbare Sorge. Doch leider wird dabei einiges übersehen. Viele Flüchtlinge kommen bei uns in einem Zustand der Erschöpfung an. Darüber hinaus werden sie hier mit Pathogenen konfrontiert, mit denen sie bislang keinen Kontakt hatten. Ihr Immunsystem ist also in den ersten Wochen nach ihrer Ankunft vollauf mit der Abwehr von fremden Erregern beschäftigt. [RP online, 9/2015] Eigentlich erstaunlich, dass bislang kaum Krankheitsfälle gemeldet wurden. Auch der Mediziner und Gesundheitsexperte der SPD Karl Lauterbach bestätigt, dass die Flüchtlinge körperlich in „einer erstaunlich guten Verfassung“ seien. [RP online, 9/2015] Der Präsident der Bundesärztekammer Frank-Ulrich Montgomery spricht sogar "von übernormal gesunde(n) Menschen." [DIE WELT, 12/2015] Die Menschen, die gekommen sind, scheinen besonders robust zu sein.




Doch diese Robustheit könnte sich bei den Empfindlicheren von ihnen schnell verflüchtigen, wenn sie, wie vorgeschlagen, in den ersten Ankunftstagen geimpft werden sollen. Denn eine zusätzliche Immunstimulation durch eine Impfung könnte die gesamte Immunabwehr ins Kippen geraten lassen, so dass tatsächlich Krankheiten ausgelöst werden.

Impfungen stimulieren die Produktion von B- und T-Lymphozyten, um das Immunsystem anzuregen, ausreichend Antikörper zu bilden, die in der Lage sind, ein krankmachendes Virus im Falle einer Ansteckung erfolgreich auszuschalten, so dass es nicht zum Ausbruch der Krankheit kommt. Mit dem Anstieg der B- und T-Lymphozyten vermehren sich allerdings auch sämtliche Viren, die sich in diesen Reservoirs tummeln.

Schon eine einfache Typhus-Impfung ruft drei Stunden nach Injektion einen Anstieg des zirkulierenden proinflammatorischen Zytokin-Levels (Interleukin-6) um das fast dreifache hervor, was auf Induktion einer milden systemischen Entzündung hinweist. [Harrison et al., 2014] Eine aktive Impfung löst also durch Stimulation des Immunsystems eine Entzündungsreaktion aus und beschert dem Impfling eine leichte Infektion. Deshalb haben frisch Geimpfte oftmals Nebenwirkungen wie Fieber und körperliches Unwohlsein.

Immunisierungen können sich darüber hinaus negativ auf einen geschwächten Allgemeinzustand auswirken, wie ihn viele der von den Strapazen der Flucht Erschöpfte zeigen. Auch der Verlauf bereits bestehender Vorerkrankungen kann durch eine Impfung negativ beeinflusst werden. Deshalb sollte einer Impfung immer eine sorgfältige Beurteilung des Allgemeinzustandes und eventueller Gegenanzeigen vorausgehen. Doch genau die kann womöglich nicht gewährleistet werden, wenn bereits in den ersten Ankunftstagen geimpft werden soll.

Denn die gemäß §62 Asylverfahrensgesetz vorgeschriebene Erstuntersuchung in den Erstaufnahmeeinrichtungen kann, wie der Hartmannbund vermeldete, aufgrund des großen Zustroms von Flüchtlingen offenbar nicht immer laut Bestimmungen durchgeführt werden. [Hartmannbund, 2015] Bis die Asylsuchenden auf infektiöse Krankheiten untersucht werden, dauert es zum Teil mehrere Wochen, berichtet die Presse vielerorts. [stern, 11/2015; WESTPOL, 9/2015; WAZ, 9/2014; Hessenschau, 8/2015; Freie Presse, 10/2015] Weil es in den Einrichtungen an Personal und Gerät mangelt, wird auch die zwingend vorgeschriebene Thorax-Röntgenaufnahme zum Ausschluss einer offenen (infektiösen) Lungentuberkulose häufig nicht in den ersten Ankunftstagen gemacht. Insgesamt ist die ärztliche Versorgung von Flüchtlingen in Deutschland bislang völlig unzureichend. [Eppinger, 6/2015]




Auf diesem Hintergrund fragt man sich, wie die Impfempfehlungen des RKI und der STIKO überhaupt durchgeführt werden sollen. Grundsätzlich ist zwar jeder Impfling über die zu verhütenden Krankheiten und die geplanten Impfungen aufzuklären und seine Impffähigkeit muss eingeschätzt werden, doch das dürfte schon am Ärztemangel und an Sprachbarrieren scheitern. Steht zu befürchten, dass die Asylsuchenden am Ende großenteils ohne Erstuntersuchung, ohne Feststellung der Impffähigkeit und ohne adäquate Aufklärung geimpft werden?

Banale Infekte mit subfebrilen Temperaturen stellen laut RKI ohnehin keine Kontraindikation für Impfungen dar. Das mag zutreffen, wenn der Hausarzt seinen Patienten und dessen Immunstatus gut kennt. Doch was, wenn das nicht der Fall ist? Was, wenn die subfebrilen Temperaturen kein Anzeichen eines banalen Infekts, sondern einer nicht auf den ersten Blick erkennbaren ernsten Erkrankung sind, wie z.B. einer aktiven unbehandelten Tuberkulose, bei der eine MMR-Impfung kontraindiziert ist? [Kollaritsch, Wiedermann, 2013] Oder was, wenn die erhöhte Temperatur Anzeichen einer opportunistischen Infektion bei einer nicht diagnostizierten HIV-Infektion ist und dennoch geimpft wird?

In einigen Ländern wie Afghanistan, Nigeria und Somalia ist Tuberkulose hochprävalent und im 1. Halbjahr 2015 wurden bereits 123 Tuberkulosefälle bei Asylbewerbern gemeldet. [Hartmann, 10/2015] Viele der Flüchtlinge kommen auch aus HIV-Hochprävalenzländern, was sich laut RKI bereits in den deutschen HIV-Meldedaten bemerkbar zu machen scheint. [RKI, 7/2015] HIV-Infizierte sollten jedoch nach Möglichkeit vor einer Impfung bereits antiretroviral therapiert worden sein, denn die Aktivierung des Immunsystems durch eine Impfung könnte zu einer vermehrten Virusproduktion führen, wodurch das Fortschreiten der HIV-Erkrankung beschleunigt wird. [Hecht, Luetkemeyer, 2011; Rump, o.J.]



Tropenmediziner sind aus gutem Grund von kurzfristigen Immunisierungen, die sogar noch direkt vor Reiseantritt am Flughafen angeboten werden, nicht begeistert, [SPIEGEL, 12/2011] obwohl viele von ihnen auch nicht direkt davon abraten. Nach ärztlichem Verständnis fehlen bei diesen sogenannten „Last-Minute-Impfungen“ sowohl die notwendige umfassende Beratung als auch in den ersten Tagen nach Immunisierung der volle Impfschutz. Außerdem ist bei einigen Impfungen mit Nebenwirkungen, wie z.B. grippeähnlichen Symptomen, zu rechnen. Zahlreiche Einzelberichte von Patienten, insbesondere auch ME-Patienten, die den Ausbruch ihrer Erkrankung mit einer kurz vor Abflug erhaltenen Impfung und einem in den ersten Tagen nach ihrer Ankunft im Reiseland aufgepickten Infekt verknüpfen können, verwundern in diesem Zusammenhang nicht.

Denn wenn der Reisende bereits auf fremde Erreger trifft, während das Immunsystem noch vollauf mit der Stimulation durch die Impfung beschäftigt ist, kann es zu einer Überwältigung des Immunsystems kommen, so dass es nicht mehr in der Lage ist, Infektionen unter Kontrolle zu halten. Das gleiche Szenario gilt auch umgekehrt: Gar nicht selten erwerben die Flüchtlinge, die bei uns ankommen, die Infektionen nämlich erst hier [Hartmann, 10/2015], und wenn das Immunsystem eines von der Flucht Geschwächten mit der Erregerabwehr ohnehin schon voll ausgelastet ist und dann noch obendrein geimpft wird, könnte das Immunsystem unter der Überstimulation kapitulieren. Das gilt umsomehr, wenn – wie von STIKO und RKI empfohlen – 4-, 5- und sogar 6-Fachimpfungen verabreicht werden.

Und ganz besonders gilt das für genetisch prädisponierte Menschen, deren antivirales Abwehrsystem defekt ist.Wenn bei ihnen ein Ereignis wie beispielsweise eine Impfung hinzukommt, das die B- und T-Zellen expandieren lasst, kann die Balance zwischen Immunantwort und Viren zerstört werden mit der Folge einer ernsthaften chronischen Erkrankung wie etwa ME oder ASIA (autoimmune /auto-inflammatory syndrome induced by adjuvants). [Brinth et al., 2015; Agmon-Levin et al., 2014; Colafrancesco et al., 2013; Carruthers et al., 2012; England, 2012; Jones, 1997]

Ob aber jemand immunkompetent ist oder eben nicht, lässt sich nicht ohne weiteres auf die Schnelle feststellen. Eine gründliche und entsprechend zeitintensive Anamnese inklusive Familienanamnese würde in jedem Fall zu einer Untersuchung auf Immunkompetenz dazugehören. Doch die fällt – schon aus Zeitmangel in der überfüllten Praxis – häufig auch bei einer vergleichsweise guten oder sehr guten medizinischen Versorgung unter den Tisch und die Aufklärung über eventuelle Risiken und Nebenwirkungen einer Impfung ebenfalls.

Muss man nun mit einem sprunghaften Anstieg von ME-Erkrankungen bei den Flüchtlingen rechnen? Wohl kaum, denn die europäische Abschottungspolitik habe zu einer Benachteiligung flüchtender Frauen und einem „Asyldarwinismus“ geführt, wie die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl verlautbarte. [SWP, 7/2015] Während Frauen und Kinder häufig nur ins unmittelbar angrenzende Land fliehen, machen sich überwiegend männliche Familienmitglieder auf die weite, gefahrenreiche Fluchtroute nach Europa auf und von ihnen schlagen sich nur die Stärksten bis zu uns durch. Das Risiko an ME zu erkranken, ist jedoch für Männer deutlich niedriger als für Frauen, zumal wenn diese Männer noch von guter Gesamtkonstitution sind. (Was keineswegs heißen soll, dass Menschen mit guter Konstitution nicht auch ME bekommen könnten!)

Sorgen muss man sich allerdings um die Frauen und Kinder machen, die unter diesen Umständen geimpft werden sollen, zumal Kinder bevorzugt geimpft werden sollen, wenn in einer Einrichtung nicht genügend Impfstoffe zur Verfügung stehen. [RKI, 10/2015] Sorgen muss man sich aber auch um die Mitarbeiter/innen in den Einrichtungen für Asylsuchende und die ehrenamtlichen Helfer/innen machen, die nach den Empfehlungen der STIKO neben den Standardimpfungen auch Hepatitis A- und B-Impfungen, eine Polioauffrischimpfung und eine Influenzaimpfung erhalten sollen. [RKI, 10/2015] Diese Personen arbeiten derzeit bis an den Rand der Erschöpfung, sind ebenso wie die Flüchtlinge mit fremden Pathogenen konfrontiert und sollen sich dennoch in dieser kräftezehrenden Situation impfen lassen.



Besonders für die letztere Personengruppe könnten die Impfempfehlungen von STIKO und RKI nach hinten losgehen. Denn möglicherweise ist die Robustheit der Asylsuchenden nicht nur auf den „Asyldarwinismus“ zurückzuführen, sondern auch darauf, dass das Immunsystem bei einem Großteil der Flüchtlinge intakt ist, weil es noch nicht durch Impfungen kompromittiert wurde. Doch ein Teil der hierzulande mehr oder weniger komplett Durchgeimpften leidet bereits unter einer Immunschwäche, weil durch Impfungen im Säuglingsalter die Entwicklung einer zellulären Immunität gehemmt wurde. Deshalb konnte ihr Immunsystem nicht „lernen“, angemessen auf eigentlich harmlose Erreger zu reagieren. [Meyer, 2012]

Auch aus der großen KiGGS-Studie, in den Jahren 2003-2006 vom RKI durchgeführt, wird deutlich, dass ungeimpfte Kinder und Jugendliche seltener krank sind als geimpfte, selbst wenn uns die vier Autoren der Studie, von denen zwei erhebliche Interessenkonflikte anmelden mussten, weismachen wollen, dass die Prävalenz für allergische Krankheiten und unspezifische Infektionen nicht vom Impfstatus abhänge. [Schmitz et al., 2011] Schon 1988 stellte eine israelische Studie fest, dass im Folgemonat nach einer Diphterie-Pertussis-Tetanus-Impfung die geimpften Kinder signifikant mehr infektiöse Erkrankungen durchmachen als im Monat vor der Impfung. [Jaber et al., 1988] Eine Studie aus dem Jahre 2005 kommt zu dem Ergebnis, dass Eltern, die es ablehnen, ihre Kinder impfen zu lassen, deutlich seltener von Asthma und Allergien bei ihren ungeimpften Kindern zu berichten wissen im Vergleich zu Eltern geimpfter Kinder. [Enriquez et al., 2005] Auch eine große britische Studie erkannte auf einen Zusammenhang zwischen Impfungen und allergischen Krankheiten, beeilte sich aber, diesen Zusammenhang mit Erhebungsverzerrungen zu erklären. [McKeever et al., 2004] Die große Guinea-Bissau-Langzeitstudie kam zwar zu dem Ergebnis, dass die Tuberkuloseimpfung (BCG) und die Masernimpfung mit besseren Überlebenschancen gegenüber Nicht-Geimpften assoziiert waren. [Kristensen et al., 2000] Doch das Sterberisiko bei Kindern, die gegen Diphtherie, Tetanus und Pertussis geimpft worden waren, war mit 10,5% mehr als doppelt so hoch wie das der ungeimpften Kinder mit 4,7%. Es gäbe noch eine Reihe weiterer Studien zum Thema, doch hier sei nur noch die Salzburger-Elternstudie angeführt, die signifikante Unterschiede zwischen geimpften und ungeimpften Kindern zugunsten der Letzteren feststellen konnte, vor allem was Asthma, Allergien und Teilleistungsstörungen angeht. [Cortiel, 2013]



Der Nutzen von Impfungen soll nicht generell in Frage gestellt werden. Ein überwiegender Teil der Bevölkerung profitiert wahrscheinlich von einer Immunisierung. Doch fragt man sich, warum sich bei einer vorgeblich so ergebnisoffenen Forschung besorgte Eltern, die keinen wissenschaftlichen Hintergrund haben, aufgerufen fühlen, solche Erhebungen wie die Salzburger-Elternstudie durchzuführen. Könnte es vielleicht daran liegen, dass Impfkritik bei uns gänzlich unerwünscht ist, was sich nicht nur in der mangelnden Erforschung, Dokumentation und Anerkennung von Impfschäden, sondern auch in der unkritischen Berichterstattung der Mainstream-Medien widerspiegelt? Dabei wird es höchste Zeit, eine derart rigorose Impfpolitik, die sich rücksichtslos über die Interessen der Menschen mit einem angegriffenen Immunsystem hinwegsetzt, in Frage zu stellen.

Mit den Flüchtlingen soll sich nun wieder eine „eher gefährdete als gefährdende Gruppe“ dem deutschen Impfdiktat beugen. [SPIEGEL, 9/2015] Ohne Zweifel sind diese Menschen nicht nur gefährdet durch unzeitgemäß verabreichte Impfungen, sondern vor allem auch durch das Zusammenleben auf engem Raum, was das Infektionsrisiko erhöht. Doch weil bislang kaum Infektionen gemeldet wurden (aus Gründen, die eine weitere Erforschung verdienen!), sollte es vielleicht eine Überlegung wert sein, den Asylsuchenden inklusive ihren Betreuern zunächst einmal auf andere Weise zu helfen als den Impfherstellern weitere Millionen in den Rachen zu werfen. Beispielsweise mit einer besonders vitaminreichen Kost, um das Immunsystem zu stärken.

Denn die meisten Infektionskrankheiten wurden nicht durch Impfungen, sondern durch die Verbesserung von Ernährungs-, Arbeits- und zum Teil auch Hygienebedingungen eingedämmt und ihr Verlauf abgemildert. [Hof, Dörries, 2014; Goldstein, 2014; RKI, 1/2015] Das ist deutlich am rasanten Rückgang der Inzidenz sowie der Sterblichkeitsrate dieser Krankheiten teils schon Jahre vor Einführung der jeweiligen Impfstoffe abzulesen. [Obomsawin, 2009] Gute hygienische Bedingungen zu garantieren, sauberes Wasser zur Verfügung zu stellen und ausreichend vitaminreiche Kost auszugeben, sollte für ein so wohlhabendes Land wie Deutschland kein Problem darstellen. Sobald die Asylsuchenden sich von der Flucht erholt und sie und ihre Helfer gründlich untersucht und für impftauglich befunden worden sind, könnten sie dann, wenn sie das möchten, fehlende Impfungen nachholen oder ihren Impfschutz vervollständigen. So sähe eine angemessene Willkommenskultur aus und zugleich eine Wertschätzung der Menschen, die unermüdlich im Einsatz für die Belange der Asylsuchenden sind.

Mehr zum Thema Impfungen sowie zum Thema Myalgische Enzephalomyelitis und Vakzine in meinem Buch.

Literatur, chronologisch:


Ute Eppinger Robert Koch-Institut publiziert Liste: Diese Impfungen sollten Flüchtlinge auf jeden Fall erhalten, Medscape Deutschland vom 14.10.2015
FAZ vom 13.10.2015
Robert Koch Institut: Epidemiologisches Bulletin Nr. 41 vom 12.10.2015 Konzept zur Umsetzung frühzeitiger Impfungen bei Asylsuchenden nach Ankunft in Deutschland
So steht es um den Gesundheitszustand der Flüchtlinge, RP-online vom 22.9.2015
"Die Flüchtlinge sind übernormal gesunde Menschen", DIE WELT vom 31.12.2015  
Neil A Harrison, Mara Cercignani, Valerie Voon and Hugo D Critchley Effects of Inflammation on Hippocampus and Substantia Nigra Responses to Novelty in Healthy Human Participants, 2014, Neuropsychopharmacology 2015
Medizinische Versorgung von Flüchtlingen: Was Ärztinnen und Ärzte wissen sollten, Hartmannbund September 2015
Katharina Kluin Flüchtlinge warten bis zu neun Wochen auf Erstuntersuchung, stern vom 7.11.2015
WESTPOL: Medizinische Untersuchung von Flüchtlingen in NRW mangelhaft, WDR vom 5.9.2015
Flüchtlinge werden nicht untersucht, WAZ vom 5.9.2014
Mediziner-Mangel in Flüchtlingsheimen Ärzte "erschöpft bis zum Gehtnichtmehr", Hessenschau vom 12.8.2015
Tausende Flüchtlinge warten noch auf Erstuntersuchung, Freie Presse vom 1.10.2015
Ute Eppinger Die medizinische Versorgung von Flüchtlingen krankt an vielen Stellen – Ärzte engagieren sich, Medscape Deutschland vom 30.6.2015
Herwig Kollaritsch, Gerhard Wiedermann Leitfaden für Schutzimpfungen, Springer-Verlag 2013, S. 121
PD Dr. Martin Hartmann Behandlung von Asyl-Suchenden: Welche Infektions-Krankheiten ausgeschlossen werden sollten, Medscape Deutschland vom 12.10.2015
Robert Koch Institut: Epidemiologisches Bulletin Nr. 27 vom 6.7.2015 HIV-Diagnosen und AIDS-Erkrankungen in Deutschland Bericht zur Entwicklung im Jahr 2014  
Frederick M. Hecht, Annie Luetkemeyer Safety of Vaccinations Effect of Vaccines on HIV Disease Progression, HIV InSite, University of California  
J. A. Rump HIV und das Immunsystem, HIV-Leitfaden, o.J.
Impfung am Flughafen: Last-Minute-Schutz für Tropenreisende, SPIEGEL online vom 15.12.2011
Louise Brinth, Kirsten Pors, Anna Alexandra Grube Hoppe, Iman Badreldin and Jesper Mehlsen Is Chronic Fatigue Syndrome/Myalgic Encephalomyelitis a Relevant Diagnosis in Patients with Suspected Side Effects to Human Papilloma Virus Vaccine? Int J Vaccines Vaccin 2015
Agmon-Levin N, Zafrir Y, Kivity S, Balofsky A, Amital H, Shoenfeld Y. Chronic fatigue syndrome
and fibromyalgia following immunization with the hepatitis B vaccine: another angle of the 'autoimmune (auto-inflammatory) syndrome induced by adjuvants' (ASIA). Immunol Res. 2014
Colafrancesco S, Perricone C, Tomljenovic L, Shoenfeld Y. Human papilloma virus vaccine and
primary ovarian failure: another facet of the autoimmune/inflammatory syndrome induced by
adjuvants. Am J Reprod Immunol. 2013
Carruthers BM, van de Sande MI et al. MYALGIC ENCEPHALOMYELITIS Adult & Paediatric: International Consensus Primer for Medical Practitioners, 2012,  
England, Christina Secret Papers Reveal Funding Refused to Researchers Looking Into
Link Between Chronic Fatigue Syndrome and Vaccinations
Jones, Doris M. ME and Vaccinations, YOGA & HEALTH March 1997,
Jung, männlich – Flüchtling, Südwestpresse vom 1.07.2015
Alfons Meyer Schadet Impfen dem Immunsystem? Eine wissenschaftlich, [sic!] kritische Recherche, zaenmagazin 2/2012
Roma Schmitz, Christina Poethko-Müller, Sabine Reiter and Martin Schlaud Vaccination Status and Health in Children and Adolescents - Findings of the German Health Interview and Examination Survey for Children and Adolescents (KiGGS) Dtsch Arztebl Int. 2011
Lutfi Jaber, Mordechai Shohat, Marc Mimouni Infectious Episodes Following Diphtheria-Pertussis-Tetanus Vaccination - A Preliminary Observation in Infants, PEDIATR  1988
Enriquez R et al. The relationship between vaccine refusal and self-report of atopic disease in children. J Allergy Clin Immunol. 2005
Tricia M. McKeever, Sarah A. Lewis, Chris Smith, and Richard Hubbard Vaccination and Allergic Disease: A Birth Cohort Study, Am J Public Health. 2004
Ines Kristensen, Peter Aaby, Henrik Jensen Routine vaccinations and child survival: follow up study in Guinea-Bissau, West Africa, BMJ 2000
Petra Cortiel Fragebogen zu meinem ungeimpften Kind - Auswertung Durchführung der Fragebogenaktion: Impformation Salzburg – Zeitraum: 1. März 2001 bis 1. Jänner 2013
Krankheiten in Flüchtlingslagern: "Kein Anlass zur Sorge", SPIEGEL online vom 13.9.2015
Herbert Hof, Rüdiger Dörries Medizinische Mikrobiologie, Georg Thieme Verlag 2014, S. 684
Michelle Goldstein 10 Reasons Not To Vaccinate, Vactruth vom 12.12.2014
Robert Koch Institut: Antworten des Robert Koch Instituts und des Paul-Ehrlich-Instituts zu den 20 häufigsten Einwänden gegen das Impfen, Stand: 7.1.2015
Raymond Obomsawin Immunization Graphs: Natural Infectious Disease Declines; Immunization Effectiveness; and Immunization Dangers, 2009

Bildnachweise:

Federico Barroci,Äneas Flucht aus Troja, www.commons.wikimedia.org
Honoré Daumier, Die Flüchtlinge, www.commons.wikimedia.org
Felix Nussbaum, Le réfugiéwww.commons.wikimedia.org
William Turner, Shipwreck, www.commons.wikimedia.org  
Honoré Daumier, Die Last, www.commons.wikimedia.org
Théodore Géricault, Das Floß der Medusawww.commons.wikimedia.org

Katharina Voss, Copyright 2015