Samstag, 9. Juni 2018

#Arztanfragen - Mein Therapieregime für die antiretrovirale Behandlung bei Myalgischer Enzephalomyelitis



(English version translated with deepl.com here)


Einleitung:


Ich bekomme zahlreiche Anfragen aus dem In- und Ausland von Ärzten, die von ihren an Myalgischer Enzephalomyelitis (ME) erkrankten Patienten auf meinen Blogpost über die erfolgreiche antiretrovirale Therapie (ART) meiner ME-kranken Tochter aufmerksam gemacht wurden. Diese Mediziner sind an meinem von mir für meine Tochter entwickelten Therapieregime interessiert und möchten manchmal darüber hinaus auch noch weitere Fragen zu ART bei ME klären.



Bislang habe ich diese Anfragen einzeln beantwortet. Um mir diese stetig anwachsende (unbezahlte) Arbeit zukünftig zu sparen, vor allem aber, um auch die Patienten in das Therapiekonzept einzubinden und ihnen meine Methode verständlich zu machen, habe ich mich jetzt entschlossen, meine bisher sehr erfolgreiche Behandlungsstrategie zu veröffentlichen. Leider musste ich auch feststellen, dass nicht alle Ärzte, die mich angeschrieben haben, meine Hinweise zu den dringend und häufig erforderlichen Blut- und Urinkontrollen ernstnehmen. Auch meine Vorschläge zu Dosierung und Begleitbehandlungen werden offenbar nicht immer ernstgenommen. Durch die Publikation meines Konzepts kann sich nun jeder Patient ein Bild machen und selbst darüber entscheiden, ob er meine Vorschläge annehmen möchte.

Grundsätzlich möchte ich aber vorab noch feststellen, dass es sich hierbei keineswegs um medizinische Empfehlungen oder Ratschläge handelt, sondern lediglich um Vorschläge, basierend auf den von mir und anderen Patienten gesammelten Erfahrungen sowie auf meinen intensiven Literaturrecherchen zum Thema. Im Übrigen verweise ich auf meinen Disclaimer.



ART bei ME:


Die Behandlung mit antiretroviralen Medikamenten (ARV) bei ME beruht vor allem auf den Forschungsergebnissen von Judy Mikovits et al., die – wie einige andere Forscher auch – im Blut von ME-Patienten ein Humanes Gammaretrovirus (HGRV) gefunden haben (siehe meinen Blogpost). In Frage kommende ARV für die Behandlung einer HGRV-Infektion sind AZT, Tenofovir und Raltegravir. Das Nebenwirkungsprofil von AZT fällt jedoch sehr viel heftiger aus als das des Reverse-Transkriptase-Inhibitors Tenofovir. Da zunächst die Vermehrung infizierter Zellen gestoppt werden muss, ist es wohl ratsam – so jedenfalls die Ansicht von Dr. Judy Mikovits und die Erfahrung der mit ART behandelten Patienten –, die Behandlung mit Tenofovir zu beginnen und den Integrase-Inhibitor Raltegravir, falls überhaupt benötigt, erst später hinzuzufügen.

Einige Patienten, die von Dr. John Chia behandelt wurden, berichteten auch von einer erfolgreichen ART mit dem nukleosidischen Reverse-Transkriptase-Inhibitor Lamivudin. Darüber hinaus wurde mir von Patienten berichtet, die erfolgreich mit Truvada, einem Kombinationspräparat, das Tenofovir enthält und in der Prä-Expositions-Prophylaxe (PrEP) eingesetzt wird, therapiert werden.

Da die Retrovirenforschung bei ME aus diversen Gründen torpediert wird (vgl. mein Buch ME - Myalgische Enzephalomyelitis vs. Chronic Fatigue Syndrom: Fakten Hintergründe Forschung), gibt es leider keine Tests, die als zuverlässiger Indikator für eine ART herhalten könnten. Man könnte eventuell nach verminderter NK-Zellaktivität, nach einem Defekt des antiviralen Enzyms RNase L, erhöhten HHV-6-Titern und einer Vermehrung des Anellovirus im Plasma schauen. Womöglich lassen sich mit solchen Tests Responder besser identifizieren, sicher ist das aber wohl nicht, da auch hierzu immer noch valide Untersuchungen fehlen. Auch ein SG-PERT, ein Test, der die Reverse-Transkriptase-Aktivität quantifiziert und z.B. am Nationalen Referenzzentrum für Retroviren durchgeführt wird, sagt leider nichts darüber aus, ob man zu den Respondern gehört. Das haben unsere und die Erfahrungen anderer Patienten gezeigt. Womöglich erfasst dieser Test nicht die eventuell extrem niederschwellige Aktivität des Reverse-Transkriptase-Enzyms eines HGRV?

Selbst wenn man kein Anhänger der Retrovirenverursachungshypothese ist, könnte man Tenofovir als Behandlungsoption für ME-Patienten in Betracht ziehen, da es immunmodulatorische Eigenschaften besitzt und antiinflammatorisch wirkt – zumindest bei Patienten mit nachgewiesener Retrovirusinfektion.

Da jedoch die bisherige Erfahrung zeigt, dass meist nach einiger Zeit ein Integrase-Inhibitor hinzugefügt werden muss, damit der Patient weiterhin Fortschritte machen kann, spricht einiges dafür, dass die Wirksamkeit von Tenofovir bei ME-Patienten weniger auf seine antientzündlichen und immunmodulierenden Eigenschaften zurückzuführen ist als auf die Hemmung der Retrovirenvermehrung. 



Voraussetzungen für eine ART bei ME:


Ganz grundsätzlich kann man wohl nach derzeitigem Wissensstand davon ausgehen, dass i.a.R. nur Patienten, die die Internationalen Konsenskriterien erfüllen, von einer ART profitieren (Carruthers et al. 2011, hier die Kriterien als Kurzversion auf Deutsch). Das sind Patienten, deren Hauptsymptom nicht Müdigkeit oder generalisierte Erschöpfung ist, sondern eine pathologische Muskelerschöpfbarkeit mit der Folge, dass nach bereits geringer Anstrengung eine neuroimmunologische Zustandsverschlechterung (PENE) eintritt. (Mehr zum Thema ME in meinem Buch)

Falls der behandelnde Arzt noch keine Erfahrung mit ART hat, sollte auf jeden Fall mit einem HIV-Spezialisten zusammengearbeitet werden, um etwaige Risiken und Nebenwirkungen besser einschätzen zu können.





Laborkontrollen:


Vor Beginn einer Monotherapie mit einem ARV müssen unbedingt ein HIV-Test und ein Hepatitis-B-Test durchgeführt werden. Das ist nicht nur wichtig, um bei einer etwaigen Infektion mit HIV oder Hepatitis B einer Resistenzbildung vorzubeugen, sondern auch zur Dokumentation gegenüber der Krankenkasse, wenn man die Kosten für Viread einklagen möchte.

Folgende weitere Untersuchungen sind vor Therapie und zur Verlaufskontrolle notwendig (Da ich nicht für die Vollständigkeit meiner Angaben garantiere und einige Patienten Zusatzuntersuchungen benötigen, sollten die erforderlichen Untersuchungen nochmals mit einem HIV-Spezialisten abgesprochen werden):

Gamma-GT
GOT
GPT
GFR
Kreatinin
Großes Blutbild
Erythrozyten
Leukozyten
Thrombozyten
Lymphozyten
CD3-Zellen
CD4-Zellen
NK-Zellen
Kalium
Blutzuckeruntersuchungen
Blutfettwerte (Gesamtcholesterin und Trigylceride, HDL- und LDL-Cholesterin)
Knochenstoffwechsel (Bestimmung von Calcium, Phosphat, Gesamteiweiß, Albumin im Blut)

Um die Nierenfunktion zu bestimmen, empfiehlt sich ein 24-Stunden-Sammelurintest (+ Blutserum).

All diese Werte müssen nach 4 Wochen Behandlungsdauer erneut bestimmt werden und dann zur Kontrolle in regelmäßigen Abständen, die – bei bekanntem Risiko – entweder engmaschig erfolgen müssen oder alle ein bis zwei oder drei Monate.

Bei der Auswertung der Laborparameter ist ferner zu beachten, ob und wenn ja welche Nahrungsergänzungsmittel (NEM) die Patienten supplementieren. 



Mein Therapieplan:


Hier nun die Details zu meinem speziellen Behandlungskonzept, das auf Judy Mikovits`, Harvey Alters und Ila Singhs Forschung sowie v.a. auch auf meinen eigenen Literaturrecherchen und Überlegungen beruht. Das von mir entwickelte Konzept stützt sich dabei vor allem auf zwei Säulen, zum einen auf den unorthodoxen Umgang mit der Dosierung, zum anderen auf ganz spezielle phytotherapeutische Zusatzbehandlungen.





1. Dosierung:


Zunächst zum 
unüblichen Umgang mit der Dosierung, der einen von den beiden Säulen meines Therapiekonzepts. Bei anderen retroviralen Infektionen wird eine ART in der Regel mit der vollen Dosis gestartet, die beibehalten wird, solange der Patient das Medikament gut verträgt und sich keine Resistenzen bilden. Diese Vorgehensweise scheint bei schwerer erkrankten ME-Patienten – so unsere Erfahrung – nicht gut zu funktionieren. Der auf das Medikament ansprechende Patient macht dann zwar extrem schnell Fortschritte, bekommt allerdings auch unaushaltbare Nebenwirkungen auf immunologischer und neurologischer Ebene, die schließlich zum Therapieabbruch zwingen. Anschließend verschwinden sämtliche Fortschritte wieder relativ rasch, sodass es dem Patienten bald wieder so schlecht wie zuvor oder aber – bei progressivem Krankheitsverlauf – zunehmend schlechter geht. 

Im Gegensatz zu HIV-Infizierten, bei denen die Krankheit ja meist noch nicht voll ausgebrochen ist, wenn sie eine Behandlung beginnen, zeigt sich bei einem schwer an ME Erkrankten bereits das Vollbild seiner Krankheit. Deshalb ist es wohl bei diesen Patienten wahrscheinlicher, dass sie mit Therapiestart ein Immunrekonstitutionssyndrom (IRIS) entwickeln, ebenso wie bei bislang unbehandelten HIV-Infizierten, die schon an AIDS erkrankt sind. Bei Letzteren scheinen sehr niedrige CD4-Zellen, eine hohe Viruslast vor Therapiebeginn und der rasche Abfall unter der Behandlung Prädiktoren für ein IRIS zu sein. Ähnlich könnte es bei ME-Patienten ablaufen.

IRIS ist durch eine Verschlechterung des infektiösen oder inflammatorischen Geschehens, ausgelöst durch Behandlungsbeginn mit einer ART, gekennzeichnet. Durch die Regeneration des Immunsystems treten latente, oftmals zuvor weder erkenn- noch objektivierbare Infektionen zutage und verursachen u.U. schwerwiegende immunologische und neurologische Symptome. Das gilt v.a. für Schwerkranke, die mit der vollen Dosis in die Behandlung einsteigen. Das Einschleichen von Medikamenten und NEM wird ohnehin bei ME empfohlen, und offensichtlich muss der Organismus des schwerkranken ME-Patienten auch ganz langsam an die ART gewöhnt werden, um schwerwiegende Nebenwirkungen (NW), die zum Therapieabbruch führen könnten, zu vermeiden.





Grundlage für die Idee eines unorthodoxen Umgangs mit der Dosierung war die Gewissheit, dass die im Blut von ME-Patienten von einigen Forschern gefundenen Gammaretroviren – anders als HI-Viren – nur sehr langsam replizieren (vgl. mein Buch). Deshalb – so meine Überlegung – können sich auch nicht so schnell Resistenzen bilden. Es war ein bis dahin wohl einzigartiges Experiment, das wir gestartet haben, und es war mit einem hohen Risiko verbunden, weil kein Arzt und kein Wissenschaftler uns sicher sagen konnte, ob sich tatsächlich bei einer niedrigen Einstiegsdosis keine Resistenzen bilden werden. Meiner Kenntnis nach hatte das keiner von den wenigen ME-Patienten, die eine ART machen, zuvor ausprobiert. Doch unser Experiment hat sich gelohnt, denn es war erfolgreich.

Wichtig ist aber zu wissen, dass man mit einer niedrigen Dosis laut Dr. Mikovits nur dann starten kann, wenn keine akute Koinfektion vorliegt, u.zw. wegen der Resistenzgefahr. Falls eine akute Koinfektion vorliegt, ist es wohl ratsam, diese zunächst zu bekämpfen und/oder mit voller Dosis in die ART einzusteigen, wobei jedoch die NW, wie erläutert, bei schwerer Erkrankten heftig ausfallen können. 






Einzelheiten zur Dosierung:


Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass schwerkranke ME-Patienten (Bell-Skala 0) offenbar bedenkenlos mit einer achtel Tenofovir-Tablette – es handelte sich in unserem Fall um das Handelspräparat Viread, das pro Tablette 245mg Tenofovir disoproxil enthält – beginnen können. Ob das für alle Erkrankten gilt, kann ich selbstverständlich nicht garantieren, der Umgang mit dem Medikament ist und bleibt vorerst leider ein Experiment, auf das etliche, die mit dem Rücken zur Wand stehen, weil sie unbehandelt auf das sichere Ende zusteuern, nicht verzichten wollen.

Nach unseren Erkenntnissen kann man sich mit der Dosissteigerung viel Zeit lassen und in Ruhe zuwarten, bis der Organismus sich an jede weitere kleine Steigerung angepasst hat. In unserem Fall hat es sieben Monate gedauert, bis die volle Dosis erreicht wurde. Es ist also Geduld angesagt, denn signifikante Verbesserungen stellen sich bei den meisten Respondern erst nach Erreichen der vollen Dosis ein. Nach drei bis vier Monaten täglicher Einnahme von 245mg sollten sich allerdings Fortschritte zeigen. (Es geht allerdings auch die Rede von einem Patienten, der erst nach 6 Monaten Truvada-Einnahme nennenswerte Verbesserungen erfuhr.) Wenn sie bis dahin nicht eingetreten sind, kann man wohl davon ausgehen, dass das Medikament bei dem Patienten nicht wirksam ist. Die Zustandsverbesserung verläuft übrigens oftmals wellenförmig, im Auf und Ab, doch die Tendenz sollte insgesamt steigend sein.

Moderat und mild Erkrankte können – nach den geschilderten Erfahrungen anderer Patienten – vermutlich mit einer höheren Dosis und rascher Erhöhung oder aber gleich mit der vollen Dosis von 245mg in die Therapie einsteigen. Dann ist auch mit schnelleren Fortschritten zu rechnen, falls das Medikament anschlägt. Aber auch bei diesen Patienten ist meist erst nach drei bis vier Monaten mit signifikanten Verbesserungen zu rechnen (vgl. S. 3 hier).

Erste kleine Verbesserungen sind manchmal bereits nach kürzerer Zeit spürbar – bei manchen Patienten auch bei niedriger Dosierung –, meist jedoch eher physiologische Vorgänge betreffend, wie z.B. eine verbesserte Schlafqualität und Rückkehr eines intakten Tag-/Nachtrhythmus, verbesserte Durchblutung der Gliedmaßen, weniger Nahrungsunverträglichkeiten usw., manchmal aber auch neurosensorische Symptome betreffend, z.B. ein Nachlassen der Reizüberempfindlichkeiten.





Risiken und Nebenwirkungen:


Zu den Risiken und Nebenwirkungen einer ART müssen sich Patienten und Ärzte selbst informieren. Über die NW lässt sich relativ wenig sagen, da sie auch bei ME-Patienten individuell unterschiedlich ausfallen. Die wichtigsten NW sind den Packungsbeilagen der Medikamente zu entnehmen. Alle ME-Patienten haben mit NW zu rechnen, insbesondere aber die schwerer Betroffenen. Auf NW sollten aber auch mild und moderat Erkrankte eingestellt sein. Vor allem immunologische Reaktionen treten bei Respondern auf, wie z.B. Schüttelfrost, Hals-, Nacken- u. Gliederschmerzen, erhöhte Temperatur, Kopfschmerzen, gastrointestinale Symptome. Diese Immunreaktionen sind auch ein Indikator dafür, dass der Patient ein Responder ist. Sobald der Körper sich aber an die Dosissteigerung angepasst hat, verschwinden diese Symptome wieder. 



Alternative zu Viread:


Eine gute Alternative zu Viread ist das Handelspräparat Vemlidy (TAF = Tenofovir alafenamid), das ein sehr viel besseres Nebenwirkungsprofil aufweist, obwohl es genauso potent sein soll wie Viread. Vemlidy kann man gleich in voller Dosierung nehmen. Man kann zwar auch mit einer kleineren Dosis beginnen, sollte dann aber besser bald auf die volle Dosis kommen, um einer etwaigen Resistenzbildung vorzubeugen. Denn es enthält sehr viel weniger Tenofovir als Viread.

Wegen der besseren Verträglichkeit, v.a. was Nierenfunktion und Knochendichte betrifft, ist Vemlidy wohl auch für ältere Patienten noch besser geeignet. Der einzige Haken an Vemlidy ist – neben der Tatsache, dass es im Gegensatz zu Viread noch nicht als Generikum verfügbar ist –, dass es noch relativ neu auf dem Markt ist, bisher Studien fehlen, mit welchen Integrase-Inhibitoren es kombinierbar ist und nur sehr wenige ME-Patienten bislang Erfahrungen damit gemacht haben. Die Wechselwirkung zwischen Vemlidy und beispielsweise dem Integrase-Hemmer Raltegravir, der ja, wie eingangs erwähnt, irgendwann hinzugefügt werden muss, ist zwar bislang nicht untersucht, es ist aber wohl auch keine zu erwarten



2. Phytotherapeutische Zusatzbehandlungen:


Die andere Säule meines Behandlungskonzepts ist die zusätzliche Gabe von antiretroviral wirksamen Phytotherapeutika. Damit konnten wir bisher erfolgreich die Einnahme eines synthetischen Integrase-Hemmers wie Raltegravir abwenden und auch die in einer regulären anti-HIV-Kombinationstherapie erforderlichen Protease-Hemmer vermeiden. Das spart nicht nur sehr viel Geld, sondern auch eine Palette an möglichen NW und Langzeitschäden. Außerdem ist das Risiko einer Resistenzbildung bei diesen Phytotherapeutika relativ gering.



An erster Stelle ist hier Cistus Incanus zu nennen. Cistus zeigt in vitro eine breite antivirale Aktivität mit einem geringen Virusresistenzrisiko. Es ist gewissermaßen als Entry-Inhibitor bei HIV wirksam (Rebensburg et al. 2016) und enthält u.a. mehrere Anti-HIV-Komponenten. Dabei wirkt es bereits auf der Eintrittsebene, was bedeutet, dass eine Behandlung mit Cistus bereits den Eintritt des Virus in eine Wirtszelle in einem sehr frühen Stadium blockiert und das Andocken von Viruspartikeln an Zellen verhindert. Dieser Effekt bietet einen maximalen Schutz der Wirtszellen gegen einen Virusangriff. Viele andere synthetische Entry-Inhibitoren wirken dagegen – laut Studie – erst in einem späteren Schritt des Eintrittsverfahrens. Cistus wirkt jedoch bereits als ein sogenannter Attachment-Inhibitor, ähnlich wie Pelargonium sidoides, eine Heilpflanze aus Südafrika. (Helfer et al. 2014) Auch gegenüber synthetischen Integrase-Inhibitoren soll Cistus einen Vorteil besitzen, da es gegen mehr HIV-Genotypen wirksam ist als z.B. Raltegravir. (Vgl. dazu auch z.B. Depatureaux et al. 2015)

Ganz nebenbei bekämpft Cistus außerdem noch wirksam Infektionen der oberen Atemwege, verfügt über antibakterielle, antivirale und antifungale Eigenschaften und attackiert somit auch die bei ME-Patienten so zahlreich vorhandenen, aber meist okkulten Infektionen. Es zeigt außerdem in vitro eine wachstumshemmende Aktivität gegen Borrelien, mit denen ME-Patienten häufig koinfiziert sind.

Bewährt hat sich in unserem Fall eine Dosis von insgesamt 2100mg Cistus, in Kapselform über den Tag verteilt. Die Cistuseinnahme sollte unbedingt zeitlich versetzt zu Viread/Vemlidy erfolgen, ein mindestens zweistündiger Abstand ist einzuhalten. Es ist unserer Erfahrung nach wohl günstig, schon vor Beginn der ART mit Cistus zu beginnen, damit bereits vorab Koinfektionen behandelt werden können. Außerdem muss sich der Organismus dann nicht an zwei neue Mittel gleichzeitig gewöhnen. Cistus incanus ist z.B. in Kapseln und Lutschtabletten erhältlich, letztere können beispielsweise zusätzlich bei immunologischen Reaktionen wie z.B. Halsschmerzen oder Pilzbefall im Mund-Rachenraum eingesetzt werden. Bei all den Unverträglichkeiten, die bei ME-Patienten so gehäuft auftreten, sollte man wohl besser auch mit Cistus langsam in die Behandlung einsteigen und die Dosis dann nach und nach steigern.



Das uns von Dr. Mikovits empfohlene Reishi (Ganoderma lucidum) stärkt und aktiviert das Immunsystem und hat noch eine Reihe weiterer interessanter Eigenschaften, insbesondere auch für ME-Patienten, denn Reishi hemmt z.B. auch die EBV-Aktivierung. Darüber hinaus ist es meiner Literaturrecherche zufolge wirksam gegen HIV-1 und hemmt die HIV-1-Protease. Deshalb verwenden wir es als Proteaseinhibitor; eine Kapsel (500mg) pro Tag. 



Zusätzlich kann man Grünteekapseln einnehmen. Einige der Grünteepflanzenextrakte haben, nach meinen Recherchen, eine hemmende Wirkung auf die Aktivität des Rauscher-Mausleukämievirus, das ja eine gewisse Verwandtschaft zu den HGRV aufweist, und auch auf die HIV-Reverse-Transkriptase. Das in Grüntee enthaltene Epigallocatechin-3-Gallat, ein starkes Antioxidans, hemmt somit ebenfalls die Replikation von HI-Viren und könnte deshalb potentielle Verwendung als Zusatztherapie bei einer HIV-1-Infektion finden. Laut Dr. Mikovits zieht es gewissermaßen die Retroviren aus dem Gewebe. Wir nehmen eine Grünteekapsel à 250mg täglich.

Ob unser erfolgreiches, meiner Kenntnis nach bislang einzigartiges Experiment mit einem synthetischen Reverse-Transkriptase-Hemmer in Verbindung mit phytotherapeutischen Entry-, Protease- und Reverse-Transkriptase-Inhibitoren (einzigartig zumindest, was den – hochdosierten – Einsatz von Cistus Incanus als Entry-Inhibitor angeht und das ich als wichtigste und wirksamste Zusatzbehandlung betrachte) auf andere Patienten übertragbar ist, wird sich erst im Laufe der Zeit herausstellen. Falls das bei anderen nicht klappen sollte, müsste wohl nach einiger Zeit, erfahrungsgemäß meist spätestens nach einem Jahr, der chemische Integrase-Inhibitor Raltegravir hinzugefügt werden, dann nämlich, wenn die Fortschritte stagnieren oder sogar wieder Verschlechterungen eintreten.

Da das Forscherteam der international renommierten Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren in München, das die infektionsblockierende Wirkung von Cistus gegenüber dem HI-Retrovirus entdeckt hat, davon ausgeht, dass die antivirale Aktivität von Cistus incanus eine Dosis-Senkung bei den anti-HIV-Kombinations-Therapien erlauben wird und damit Nebenwirkungen und Toxizitätsrisiko eingedämmt werden könnten, scheint es nicht so weit hergeholt, wenn ich die gleiche infektionsblockierende Wirkung von Cistus gegenüber dem HGRV postuliere, das vielleicht die ME-Erkrankung verursacht. Die Helmholtz-Wissenschaftler haben, nebenbei bemerkt, bereits ein Weltpatent angemeldet.



Raltegravir:


Raltegravir ist als chemischer Integrase-Hemmer bislang das Mittel der Wahl für ME-Kranke. Solange der Patient aber Fortschritte macht, ist es – bisherigen Erfahrungen zufolge – wohl nicht erforderlich, es zu nehmen. Erst wenn sich keine Fortschritte mehr einstellen, müsste Raltegravir hinzugefügt werden.

Zur Dosierung von Raltegravir bei ME liegen ebenfalls nur Erfahrungsberichte von Patienten vor, die ich hier lediglich wiedergeben kann, da wir selbst – dank Cistus Incanus – noch keine Erfahrungen mit dem Medikament gesammelt haben. Raltegravir wird von den Patienten, die es nehmen, als ein sehr starkes Medikament beschrieben. Deshalb könnte es auch hier ratsam sein, mit einer geringeren Dosis einzusteigen, z.B. mit der halben Dosis. Das wären dann 200mg morgens und 200mg abends. Wenn der Patient mit der Raltegravir-Behandlung beginnt, sollte es ihm insgesamt schon einigermaßen gut gehen, auch wegen der möglichen NW. 





Mitochondrien:


Am häufigsten wird bei ME-Patienten mit allen möglichen Mitteln an der Mitochondrienfunktion herumgedoktert – nicht selten mit dem Ergebnis, dass es dem Patienten anschließend noch schlechter geht. Was aber, wenn die Stärkung der Mitochondrien dazu führt, dass auch die mit einem etwaigen Retrovirus infizierten Zellen dadurch gestärkt werden und sich umso schneller vermehren können?

Deshalb ist es meiner Ansicht nach wichtig, zuerst das etwaige Retrovirus und alle anderen, meist okkulten Viren und bakteriellen Infektionen unter Kontrolle zu bekommen. Die durch die Krankheit herabgesetzte Mitochondrienfunktion repariert sich im Übrigen ganz von selbst durch die ART – so jedenfalls unsere Erfahrung.

Deshalb geht es bei der Stärkung der Mitochondrienfunktion unter Einnahme von synthetischen ARV vor allem darum, eine potentiell schädliche Wirkung der Medikamente abzufangen. Zeitversetzt zur Viread/Vemlidy-Einnahme eignet sich dazu N-Acetylcystein (NAC, Vorsicht bei Histaminintoleranz!), Glutathion oder Niacinamid (Vitamin B3 flush-free).

In vitro konnte übrigens nachgewiesen werden, dass NAC und Glutathion ebenfalls die Replikation von HIV-1 unterdrücken, somit also neben ihren mitochochdrienstärkenden Eigenschaften auch antiretroviral wirksam sind. Gerade bei HIV-Patienten mit fortgeschrittener Immundefizienz scheint eine kurzzeitige, hochdosierte Kombinationsbehandlung mit NAC und Vitamin C von therapeutischem Wert zu sein. Glutathion-Mangel ist auch bei HIV-Infizierten Personen häufig und deshalb scheint die Einnahme von NAC eine nützliche Zusatztherapie zu sein, nicht nur, um den Schutz vor oxidativem Stress zu erhöhen und die Funktion des Immunsystems zu verbessern, sondern auch um die Entgiftung von Medikamenten anzukurbeln. Deshalb könnte eine Behandlung mit NAC auch bei anderen Erkrankungen sinnvoll sein, bei denen Glutathion-Mangel oder oxidativer Stress eine Rolle spielt (wie z.B. bei ME!) – so die Ergebnisse einer Studie zu HIV.

Niacinamid (Vitamin B3), speziell Nicotinamid-Ribosid hat sich im Tierversuch als eine vielversprechende Behandlungsstrategie für die mitochondriale Myopathie erwiesen. Es wirkt sich günstig auf Energiestoffwechsel und Neuroprotektion aus.

Was aber vielleicht noch entscheidender sein könnte: Niacinamid scheint wirksam gegen multiresistente Keime zu sein, mit denen auch Gesunde, v.a. aber ME-Patienten häufig reichlich besiedelt sind. Eine Besiedelung, die Gesunde i.d.R. gut verkraften, könnte bei den geschwächten ME-Patienten womöglich in Verbindung mit den viralen Belastungen eine verheerende Wirkung entfalten. Mit Niacinamid flush-free 500mg täglich, eine Dosis, die noch unter dem von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit festgelegten Tolerable Upper Intake Level liegt, steht eine preisgünstige Option zur Bekämpfung der Krankenhauskeime zur Verfügung. 





Allgemeines:


Eine gute Vitamin- und Mineralstoffsupplementierung während der antiretroviralen Therapie ist ebenfalls wichtig, also das Übliche, was man bei ME so nimmt. Vor den Blutkontrollen sollte diverse NEM abgesetzt werden, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Die Einnahme von NEM sollte immer zeitversetzt zu den ARV erfolgen. Es muss auch stets auf Wechselwirkungen geachtet werden und ob Kontraindikationen vorliegen. Mariendistel zur Leberentgiftung ist – sofern es vertragen wird – sicher auch nicht verkehrt. Außerdem sollten die mit ARV behandelten Patienten nach Möglichkeit viel trinken, am besten Wasser, und sich so gesund wie möglich ernähren. Das ist oft zu Beginn der ART bei vielen ME-Patienten wegen der zahlreich vorhandenen Nahrungsmittelunverträglichkeiten nicht möglich, doch diese verschwinden – ebenso wie die Duftstoffunverträglichkeiten – unter der Therapie von allein – so zumindest unsere Erfahrung.





Aussichten:


Nach den wenigen bislang vorhandenen Erfahrungen weltweit muss man derzeit wohl davon ausgehen, dass es sich bei der ART um eine dauerhafte Medikation handeln wird. Dafür sprechen auch unsere bisherigen Erfahrungen. Von einer Heilung kann also keine Rede sein, ebenso wenig wie bei HIV-Patienten, die mit ART behandelt werden. Im Falle einer erfolgreichen ART kann man aber auch als ME-Patient davon ausgehen, ein einigermaßen, im Idealfall sogar ziemlich normales Leben führen zu können - jedenfalls solange man die starken Medikamente gut verträgt und keine allzu starken dauerhaften NW hat. 

Ein Therapieabbruch kann dazu führen, dass das Vollbild der Krankheit wieder relativ schnell zurückkehrt. Versuche, wöchentlich eine zweitägige Einnahmepause zu etablieren, um das Toxizitätsrisiko so gering wie möglich zu halten, waren in unserem Fall nicht zielführend, weil spätestens am zweiten Tag eine deutliche Zustandsverschlechterung eintrat und Symptome wiederaufflammten.

Auch bei einer sehr erfolgreichen ART können einige wenige, allerdings nicht immer zwangsläufig einschränkende Symptome noch eine ganze Weile anhalten. Ob ein gänzlich symptomfreies Leben unter ART möglich ist, vermögen wir derzeit noch nicht zu sagen.

Während der Genesung können Stimmungsschwankungen und eine zeitweilig erhöhte Reizbarkeit, insgesamt also eine gewisse Stimmungslabilität zutage treten. Gleiches wurde von Genesenden früherer Epidemien berichtet. (Vgl. Lancet 1956) Interessanterweise treten diese Symptome bei vielen schwerkranken Patienten während der Krankheit gar nicht oder nur sehr selten auf. Ob sie pathologisch bedingt sind oder erst durch das Erlangen des vollen Bewusstseins über die Dimension der durch die Krankheit erlittenen Verluste, die Schwerkranke nicht voll realisieren können, zum Vorschein kommen, ist bisher nicht erforscht.

Eine weitere Hürde während der allmählichen Regeneration besteht in der Schwierigkeit, das Vertrauen in den eigenen Körper wiederzugewinnen. Wenn man jahrelang die Erfahrung gemacht hat, dass jede Form von Belastung zu einer Zustandsverschlechterung führt, fällt eine Umstellung nicht immer leicht. Doch mit der Zeit kehrt das Vertrauen zurück, dann nämlich, wenn man oft genug die Erfahrung gemacht hat, dass man für körperliche, geistige und emotionale Anstrengungen nicht mehr mit einer Post-Exertional Neuroimmune Exhaustion (PENE) „bezahlen“ muss.

Doch eines sollte man wissen, bevor man sich für eine ART entscheidet: ARV sind keine Bonbons! Deshalb hoffen wir, dass es in nicht allzu ferner Zeit Behandlungsoptionen gibt, die die Einnahme von synthetischen ARV überflüssig machen werden. Und ich habe da schon eine Idee ...

This blog is dedicated to Dr. Judy Mikovits.  (Dieser Blog ist Dr. Judy Mikovits gewidmet.) 
Katharina Voss, Copyright 2018



Bildnachweise:


Joaquín Sorolla y Bastida, Research, www.commons.wikimedia.org
Anonymous, Arzt besucht eine Kranke und fühlt den Puls, www.commons.wikimedia.org
Henry Heath, An interior of a stylish pharmacy with the pharmacist serving a customer, www.commons.wikimedia.org
James Morison, An invalid with an undiagnosed illness, wrapped up and being pushed in a wheelchair, www.commons.wikimedia.org
Dorothea Maetzel-Johannsen, Das kranke Mädchen, www.commons.wikimedia.org
Anonymus, Beim Arzt, www.commons.wikimedia.org
William Curtis, A plate from The Botanical Magazine, Volume 2., www.commons.wikimedia.org
James Sowerby, A plate from James Sowerby's Coloured Figures of English Fungi or Mushrooms, www.commons.wikimedia.org
J. Miller, Green Tea, A 1771 engraving of tea (Camellia sinensis) leaves, flowers, and fruit, www.commons.wikimedia.org
Anonymus, Quacksalber, www.commons.wikimedia.org
Henry Alexander, In the Laboratory, www.commons.wikimedia.org
Frank Reynolds, David and Emily, characters in Charles Dickens' David Copperfield, www.commons.wikimedia.org



Freitag, 3. November 2017

Time for Truth – Zurück im Leben dank HIV-Medikament / Back to Life Due to an HIV Drug

(Scroll down for the English version.)

Sehr geehrter Herr Minister Gröhe,
sehr geehrte Frau Ministerin Wanka,

dies ist mein zweiter und womöglich letzter offener Brief an Sie, denn Sie sind nur noch geschäftsführend im Amt und es ist fraglich, ob Sie in der nächsten Regierung Ihre Ministerien behalten werden. Eine Antwort auf meinen ersten Brief habe ich freilich nie erhalten. Mit mir warteten die ca. zwei- bis dreihunderttausend Deutschen, die an Myalgischer Enzephalomyelitis (ME) erkrankt sind, sowie ihre Angehörigen und Freunde vergeblich auf eine Stellungnahme von Ihnen. Ebenso die mehr als 7500 Unterzeichner meiner Petition, die für die Krankheit ME, die in Deutschland unzutreffend als „Chronisches Müdigkeits“- bzw. „Erschöpfungssyndrom“ bezeichnet wird, die Anerkennung des WHO-Codes G93.3, Gelder für ihre biomedizinische Erforschung und ein Ende der Diskriminierung durch unser Gesundheitssystem fordern. [1]

Dennoch versuche ich es noch einmal, mit Ihnen Kontakt aufzunehmen. Denn heute möchte ich Ihnen eine Neuigkeit mitteilen, die Sie vielleicht doch ins Grübeln bringen wird.





Wie vielen bekannt, sind meine beiden Töchter sehr schwer an Myalgischer Enzephalomyelitis erkrankt. Eine Tochter – seit mehr als 8 Jahren schwer erkrankt und seit über 5 Jahren komplett bettlägerig – war so stark betroffen, dass sie ihre Tage und Nächte in einem abgedunkelten Zimmer mit Gehörschutz und Augenbinde verbringen musste, unfähig zu irgendeiner Art von Beschäftigung und zu den einfachsten Hygienemaßnahmen. Sie konnte kaum noch sprechen, tageweise überhaupt nicht, dann wieder nur ein paar Worte flüstern und an einem guten Tag nicht mehr als drei Sätze. [2]

Heute (Stand Oktober 2017) kann sie wieder sprechen und längere Unterhaltungen führen, lesen, sich die Zähne putzen, duschen und Haare waschen, gehen, stehen, durch die Wohnung laufen, auf dem Balkon sitzen, Treppen steigen, kurze Spaziergänge in der näheren Umgebung machen usw. Geräusch-, Licht-, Geruchs- und Berührungsüberempfindlichkeit sind stark zurückgegangen.

Was ist geschehen? Ein Wunder?

Nein. Aber meine Tochter nimmt ein HIV-Medikament!

Sie haben richtig gelesen: ein HIV-Medikament, nämlich Tenofovir disoproxil fumarate. Dabei ist sie nachweislich HIV-negativ und auch Hepatitis B-negativ. Sollten die Forscher, die im Blut von ME-Patienten Retroviren oder retrovirale Sequenzen fanden, also doch recht haben?

Bereits 1986 fand Michael Holmes bei diesen Patienten Anzeichen für retrovirale Aktivität. [3] 1989 isolierte Sidney Grossberg im Blut einer ME-Patientin Sequenzen eines Retrovirus, das der Familie der Maus-Leukämie-Viren zugerechnet wird. [4] 2013 wies er mittels Elektronenmikroskopie wiederholt Retrovirionen und IgG-Antikörper bei einer ME-Patientin nach, die eine Infektion durch JHKV belegten. [5] 1990 entdeckte Elaine DeFreitas im Blut von ME-Patienten retrovirale Sequenzen eines HTLV-II ähnlichen Retrovirus. [6]

2009 fand Judy Mikovits im Blut von ME-Patienten Sequenzen eines humanen Gammaretrovirus, das Ähnlichkeit mit XMRV hatte. [7] Ihre Blutanalysen zeigten außerdem, dass infizierte ME-Patienten Antikörper gegen XMRV-Hüllproteine (oder das, was man – in Ermangelung verlässlicher Kontrollstandards – seinerzeit als XMRV bezeichnete) exprimierten, was bei einer Laborkontamination nicht möglich ist. [8] 2010 konnten Shyh-Ching Lo und Harvey Alter bei 86,5% ihrer Proben von ME-Patienten eine Gruppe von Retroviren identifizieren, die verwandtschaftliche Nähe zu polytropen endogenen Maus-Leukämie-Viren aufwiesen. [9] 2011 entdeckte Maureen Hanson retrovirale Sequenzen mit infektiösem Potential in einer ME-Patientenkohorte. [10] Und 2013 erklärte Ian Lipkin, gefeiertster Virusjäger der Welt, bei 85% der von ihm untersuchten Proben einer ME-Patientengruppe Hinweise auf Retroviren ausfindig gemacht zu haben. [11]

Es existieren also bereits diverse Belege für eine – womöglich ursächliche – Beteiligung von Retroviren am Krankheitsgeschehen und vielleicht sind diese auch verantwortlich für die galoppierende Inzidenzrate – gerade auch bei Kindern und Jugendlichen. [12]





HIV-Medikamente gelten jedoch nicht als evidenzbasierte Behandlung für ME. Es gibt auch keine Behandlungsstudien dazu. Doch es gibt immer wieder Einzelfallberichte von ME-Patienten, die mit HIV-Medikamenten (meist Tenofovir und Raltegravir in Kombination sowie auch Lamivudin) in Remission kamen. [13] (Z.B. hier zu lesen, hier, hier, hier, hier, hier und hier.)

Obwohl Medikamente wie Tenofovir und Raltegravir derzeit womöglich die Mittel der Wahl für ME-Patienten sind, muss man leider einräumen, dass sie nicht auf diese Krankheit zugeschnitten sind. Aus diesem Grund müssen dringend Behandlungsstudien mit ME-Patienten für diese Therapie auf den Weg gebracht und parallel dazu speziell auf ME-Kranke zugeschnittene antiretrovirale Medikamente entwickelt werden. Voraussetzung für eine solche Medikamentenentwicklung ist allerdings eine unerschrockene Ursachenforschung, die sich nicht scheut, die Dinge beim Namen zu nennen – auch wenn es für viele schockierend sein mag, dass der Krankheit ein Retrovirus zugrunde liegen könnte.

Die gute Nachricht ist aber, dass es offensichtlich eben doch effektive Behandlungen für diese entsetzliche Krankheit gibt. Die schlechte Nachricht, dass die Krankenkassen die Kosten nicht übernehmen. Man müsste also den Klageweg beschreiten. Doch dafür braucht man eine ärztliche Stellungnahme. Aber die mutigen und engagierten Ärzte, die diese Medikamente im off label use verschreiben, haben leider den Entzug der Approbation zu befürchten, wenn ihr Name auf diese Weise publik wird.

Das ist skandalös. Denn endlich gibt es einen relativ einfach gangbaren Weg, ME-Patienten – selbst die Schwerstkranken wie meine Tochter! – medikamentös aus ihrer Hölle zu befreien und wieder zurück ins Leben zu holen. Aber das ist offenbar politisch nicht gewollt. Lieber hält man an einer psychogenen Verursachung fest und schiebt den Patienten die Verantwortung für ihre Genesung in die Schuhe. Gerade auch die stark bis extrem herabgesetzte Reiztoleranzschwelle wird den ME-Patienten dabei gerne als hysterisches Symptom ausgelegt. Doch wenn der Einsatz eines antiretroviralen Mittels die Reiztoleranzschwelle so signifikant zu erhöhen vermag, wie das bei meiner Tochter der Fall ist, ist das ein weiterer überzeugender Beleg dafür, dass diese Krankheit keine psychiatrische ist!

Für die Psychopathologisierung von ME gibt es einen wesentlichen Grund: Sie ist sehr viel billiger als eine effektive Therapie, die die Gesundheitskassen stark belasten würde. Doch wenn man bedenkt, was diese Krankheit die Gesellschaft kostet, ist das ein Klacks im Vergleich. Eine amerikanische Studie, die direkte und indirekte Kosten einberechnete, kam auf die schwindelerregende Summe von fast 24 Milliarden Dollar, die ME/“CFS“ die US-Amerikaner pro Jahr kostet. [14]

Bei einer im Jahr 2017 vom Statistischen Bundesamt geschätzten Einwohnerzahl von 82,8 Millionen ist in Deutschland ein jährlicher Verlust von derzeit etwa 7 Milliarden Euro zu beklagen, legt man die Prävalenzzahlen der Studie zugrunde. [15] Hier sind jedoch noch nicht die Kosten für die bei ME-Patienten überhäufig auftretenden Folgekrankheiten, wie z.B. Krebs, einberechnet. [16] Die Kosten für eine Chemotherapie betragen in vielen Fällen mehr als 100.000 Euro, [17] ein Pflegeheimplatz verschlingt mehr als 3000 Euro monatlich. [18]

Diese finanziellen Belastungen wären vermeidbar. Denn effektiv therapierte ME-Patienten, die in den Produktionsprozess reintegriert wären, würden nicht nur rasch die Kosten für medizinische Forschung und Behandlung erwirtschaften, sondern könnten auch wieder deutlich zur Steigerung des Bruttosozialproduktes beitragen. Das wäre ganz im Sinne von Gesellschaft und Politik.

Kritische Stimmen mögen einwenden, dass HIV-Medikamente zu gefährlich seien, weil es keine Behandlungsstudien mit ME-Kranken gebe. Doch verglichen mit dem, was diesen Patienten an Antidepressiva, Schmerz- und Schlafmitteln verordnet wird, die allenfalls einige wenige Symptome beeinflussen, nicht aber die Krankheit an sich bekämpfen und teils sogar verschlechtern, nehmen sich antiretrovirale Medikamente daneben fast harmlos aus.

Außerdem drängt die Zeit – gerade für die Schwerbetroffenen! Denn sie können nicht mehr darauf warten, dass die biomedizinische Erforschung der Krankheit endlich gesundheitspolitisch und finanziell unterstützt wird. Und sie können dann nicht noch weitere 15 bis 20 Jahre abwarten, bis irgendwann ein wirksames Medikament für ME zur Verfügung steht. Denn müssen sie beispielsweise ins Pflegeheim oder wegen einer zusätzlichen Erkrankung in die Klinik oder operiert werden, bedeutet das für viele von ihnen den Anfang vom Ende. Sie bezahlen dafür entweder mit einer weiteren extremen Verschlechterung oder sie bleiben unbehandelt – und beides kann fatale Folgen für sie haben. Deshalb muss es ein Umdenken in der Gesundheitspolitik geben und eine Ausnahmeregelung für den off label use getroffen werden.



Für meine Tochter hoffe ich jedenfalls, dass sie in nicht allzu ferner Zeit die Behandlung von der Kasse erstattet bekommt, bevor unsere finanziellen Ressourcen aufgebraucht sind. Denn sie soll nie wieder in die grausame Dunkelheit, die sie jahrelang ertragen musste, zurückgeworfen werden. Und auch ihre Schwester will ihr aussichtsloses Dahinvegetieren ohne Perspektive so bald als möglich hinter sich lassen. Für beide Töchter hoffe ich, dass ihre Gesundheit eines Tages wieder soweit hergestellt sein wird, dass sie ein eigenständiges Leben führen können, ohne auf Hilfe und finanzielle Unterstützung angewiesen zu bleiben.

Die so lang ersehnte allmähliche Erholung meiner Tochter haben wir aber nicht dem so vielgepriesenen deutschen Gesundheitssystem oder dem „attraktiven Forschungsstandort Deutschland“ zu verdanken, sondern einzig und allein der furchtlosen US-amerikanischen Wissenschaftlerin Dr. Judy Mikovits, den Forschungsergebnissen von Ila Singh [19] und den couragierten Ärzten, die uns unterstützen!

Nun ist es an Ihnen, Herr Minister Gröhe und Frau Ministerin Wanka, (oder Aufgabe Ihrer Nachfolger) dafür zu sorgen, dass die vielen deutschen ME-Kranken ein menschenwürdiges Leben zurückbekommen und bald wieder in Lohn und Brot stehen können, damit sie dem Staat nicht länger zur Last fallen müssen.

In der Hoffnung, mit diesem Brief nicht wieder auf taube Ohren zu stoßen, verbleibe ich mit freundlichen Grüßen,

Katharina Voss

P.S.: Dieser offene Brief wird auf meinem Blog und auf meiner Petitionsseite veröffentlicht.



Ich bedanke mich herzlich bei Regina Clos von http://www.cfs-aktuell.de/ für ihre Übersetzung ins Englische. 

Many thanks to Regina Clos for her translation! 

English version:


Time for Truth – Back to Life Due to an HIV Drug


Dear Minister Gröhe
Dear Minister Wanka

This is my second and possibly my last open letter to you because, at present, you are just an acting minister and it is not sure whether you will keep your ministry in the next cabinet. However, I never got an answer to my first letter. So far I am still waiting for your response, and together with me are waiting approximately 200.000 or 300.000 Germans suffering from Myalgic Encephalomyelitis as well as their relatives and friends and the more than 7.500 signatories of my petition, asking for funds for biomedical research for ME, misnamed as “Chronic Fatigue Syndrome”, and asking for the recognition of the WHO code 93.3 and for an end to the discrimination by our health care system.

Nonetheless, I’m trying again to contact you because today I have to tell you something that might, after all, be food for thought for you.



As many people know, my two daughters are very severely affected by Myalgic Encephalomyelitis. One of my daughters who is severely ill for 8 years now and completely bedridden for 5 years was suffering so badly that she had to spend her days and nights in a darkened room, wearing ear and eye protectors, unable to perform any activity, including the most elementary hygiene measures. She could hardly speak, some days she couldn’t talk at all, sometimes she could only whisper a few words and on a good day she couldn’t say more than three sentences. [2]

Today, in October 2017, she can talk again and can have longer conversations, she can read, brush her teeth, have a shower and wash her hair, she can walk, stand, walk through the apartment, sit on the balcony, manage stairs, have short walks in the vicinity, and her hypersensitivity to sound, light, smells and touch have decreased considerably.

What has happened? A miracle?

No, not at all. But my daughter is taking some HIV medication.

Yes, you have not misread this: she is taking HIV medication: Tenofovir disoproxil fumarate. And yet she is tested negative for HIV and also negative for hepatitis B. Should the researchers who found retroviruses and retroviral sequences in the blood of ME patients be in the right, after all?

Already in 1986, Michael Holmes found signs of retroviral activity in these patients. [3] In 1989 Sidney Grossberg isolated sequences of a retrovirus in the blood of an ME patient which is classified to the family of the murine leukemia viruses. [4] In 2013, he again and again detected retrovirus virions and IgG antibodies via electron microscopy in a patient, thus confirming that she was infected with JHKV. [5] In 1990, Elaine DeFreitas detected retroviral sequences of a retrovirus related to HTLV-II in the blood of ME patients. [6]

In 2009, Judy Mikovits detected sequences of a human gamma-retrovirus in the blood of ME patients, which is related to XMRV. Moreover, her blood tests detected antibodies to envelope proteins of XMRV in infected ME patients (or what was then called XMRV in the absence of reliable control standards), something that is impossible in case of a lab contamination. [8] In 2010, Shyh-Ching Lo und Harvey Alter identified in 86.5% of their samples from ME patients a group of retroviruses that were related to polytropic murine leukemia viruses. [9] In 2011, Maureen Hanson detected retroviral sequences with infectious potential in a cohort of ME patients. [10] And in 2013, Ian Lipkin, the most renowned virus hunter of the world, announced that he had found in 85% of the tested samples of a group of ME patients evidence of retroviruses. [11]

That means, there is already abundant evidence for a – possibly causal – involvement of retroviruses in the disease process, and perhaps these retroviruses are also responsible for the skyrocketing incidence rates, especially in children and adolescents. [12]



However, HIV drugs are not accepted as an evidence-based treatment for ME. No treatment studies have been done so far. But there are, again and again, case reports of ME patients who go into remission with HIV drugs (usually Tenofovir and Raltegravir in combination as well as Lamivudin). [13] (Case reports can be seen here, here, here, here, here, here and here.)

Although drugs like Tenofovir and Raltegravir are, at present, possibly the means of choice for ME patients it has to be conceded that they are not tailor-made for this disease. Therefore, treatment studies with ME patients on this medication have to be driven forth urgently, and at the same time, antiretroviral drugs, especially geared to ME patients, have to be developed. However, a precondition for such a drug development is an intrepid research on the cause of that disease which does not back off from describing things as they are, even if it might be shocking for many people that the root cause of this disease might be a retrovirus.

However, the good news is that there are obviously effective treatments for this horrible disease. The bad news is that the health insurance companies don’t pay for them. Hence it would be necessary to take legal action. But for going to court medical certificates would be needed. But the courageous and dedicated physicians who provide an off label use prescription unfortunately have to reckon with having their medical license withdrawn if their names and practices became public.

This is a scandal, because finally there is a relatively easy way to rescue even most severely ill ME patients like my daughter from their hell and to bring them back to life. But obviously, this is against the political agenda which, instead, clings to the ideology of psychogenic causation and blames the patients for (not) recovering. In particular, the strongly or extremely lowered tolerance threshold to sensory input is interpreted as a symptom of hysteria. However, if taking an antiretroviral drug may raise this tolerance threshold significantly – as it is the case with my daughter – this proves again that this disease is not a psychiatric/psychological disease!

There is a major reason for falsely depicting ME as a psychological disease: this is much cheaper than providing an effective therapy that would burden the medical insurance companies. However, as compared to the costs of that disease for the society in general these costs would be insignificant. A US study reckoning up the direct and indirect costs of this disease calculated the staggering amount of annually almost 24 billion dollar for the US Americans. [14]

Given the fact that the German Federal Office of Statistics estimated the population of Germany to 82.2 million people and calculating on the basis of the prevalence rate of the above mentioned study this would result in an annual loss of 7 billion Euro for Germany. [15] And this does not even include the costs for those diseases often resulting from ME, as for instance cancer. [16] The costs for chemo therapy often exceed 100.000 Euro [17] and the monthly cost for a nursing home come up to more than 3.000 Euro. [18]

This financial burden could be avoided because effectively treated ME patients who were re-integrated into the world of employment would not only generate the costs for medical research and treatment within a short time but, moreover, they could also significantly contribute to an increase of the gross national product. Wouldn’t this serve the interests of policy and society in general?

Some might argue against HIV drugs that they would be dangerous because there are no treatment studies with ME patients. However, as compared to drugs like antidepressants, painkillers and sleeping pills which are often prescribed to these patients and which, at best, ease a few symptoms but do not fight the disease as such and which often even worsen the condition, antiretroviral drugs seem to be almost innoxious.

What is more – time presses, in particular for the severely ill ME patients! Because they can no longer wait until the biomedical research on the disease will finally be supported by health care policy and with funding. And they then cannot wait for another 15 or 20 years until an effective medication for ME is finally available. They cannot wait that long because in case they had to live in a nursing home or had to be hospitalized due to another disease or had to have surgery this would be the beginning of the end for many of them. They either pay for this with further extreme deterioration of their condition or they remain untreated, and both might have fatal consequences for them. Therefore, there has to be a change of thinking in health care policy and an exception regulation for an off label use has to be implemented.



As for my daughter, I do hope by all means that her treatment will be paid by the health insurers in the not too distant future and before our financial resources are depleted. For she shall never again be forced to return into the gruesome darkness she had to endure for years. And also her sister wants to leave her hopeless and forlorn limbo as soon as possible. 
I do hope for both of my daughters that one day their health will be restored to such an extent that they may lead an independent life without depending on constant caregiving and financial support. 

However, we do not owe the long-yearned-for gradual recovery of my daughter to the highly praised German health care system or to the “attractive research location Germany” but solely to the intrepid US researcher Dr. Judy Mikovits, to the research of Ila Singh [19] and to the courageous physicians who support us!

Now it is your task, dear Minister Gröhe and Minister Wanka (or the task of your successors), to ensure that the many ME patients in Germany may return to a humane life and may return to gainful employment so that they will be no longer a burden for the state.

Hoping that this letter does not again fall on deaf ears I remain respectfully yours

Katharina Voss

P.S. This open letter will be published on my blog and on my petition site.

Referenzen / References:

1 „Wir wollen unser Leben zurück!“ Petition an Gesundheitsminister Gröhe und Forschungsministerin Wanka und 11 weitere Entscheidungsträger, https://www.change.org/p/hermann-gr%C3%B6he-bundesminister-f%C3%BCr-gesundheit-bmg-wir-wollen-unser-leben-zur%C3%BCck

2 ZDF-Reportage von 2012 https://www.youtube.com/watch?v=k3BjkLBOODM&t=1s
„Frohes Fest!“, Blogpost vom 19. Dezember 2015, http://meversuscfs.blogspot.de/2015/12/frohes-fest.html
ZDF-Reportage von 2014 https://www.youtube.com/watch?v=p5RErAU_Ppc&t=58s

3 Holmes MJ „A Retrovirus Aetiology for CFS?“ Chapter 33 (S. 319-324) in Hyde BM (H. & A.), Levine PH (H.), Goldstein JA (H. & A.) „The Clinical and Scientific Basis for M.E./ CFS“, Nightingale Research Foundation (C. A.) 1992

4 Grossberg SE et al. United States Patent, Patent Number: 5,827,750, Oct. 27 1998, http://www.ncf-net.org/patents/pdf/GrossPat.pdf (Abruf 26.10.17)

5 Halligan BD, Grossberg SE et al. „Partial molecular cloning of the JHK retrovirus using gammaretrovirus consensus PCR primers”, Future Virology 2013

6 DeFreitas E, Cheney PR, Koprowski H et al. „Retroviral sequences related to human Tlymphotropic virus type II in patients with chronic fatigue immune dysfunction syndrome (Epstein-Barr virus syndrome/ infectious mononucleosis/ myalgic encephalomyelitis/ polymerase chain reaction/ in situ hybridization)“, Proc. Natl. Acad. Sci. USA 1991

7 Lombardi VC, Ruscetti FW, Das Gupta J, Pfost MA, Hagen KS, Peterson DL, Ruscetti SK, Bagni RK, Petrow-Sadowski C, Gold B, Dean M, Silverman RH, Mikovits JA „Detection of an infectious retrovirus, XMRV, in blood cells of patients with chronic fatigue syndrome”, Science 2009

8 Mikovits JA et al. „Xenotropic Murine Leukemia Virus-related Virus-associated Chronic Fatigue Syndrome Reveals a Distinct Inflammatory Signature", In Vivo 2011

9 Lo S-C, Alter HJ et al. „Detection of MLV-related virus gene sequences in blood of patients with chronic fatigue syndrome and healthy blood donors”, PNAS 2010

10 Hanson MR et al. „Detection of MLV-like gag sequences in blood samples from a New York state CFS cohort“, Retrovirology 2011

11 Fleming R „Transcript: Ian Lipkin – CDC Telephone Broadcast Conference 10 September 2013“, https://docs.google.com/file/d/0B-NT-7M70igudmZVSVJUTnZVclU/edit?pli=1 (Abruf 27.10.17)

12 Vgl. Abbildung 1 (Fig. 1) hier: Feiring B et al. „HPV vaccination and risk of chronic fatigue syndrome/myalgic encephalomyelitis: A nationwide register-based study from Norway", Vaccine 2017, https://ars.els-cdn.com/content/image/1-s2.0-S0264410X17308083-gr1_lrg.jpg (Abruf 30.10.17)

13 „NIH Request for Information (RFI) on ME/CFS“, S. 3-4,
https://www.nih.gov/sites/default/files/research-training/initiatives/mecfs/rfi-healthcare-professionals-researchers.pdf (Abruf 28.10.17)
Siehe diesen Blog: http://www.x-rx.net/blog/about-me
Siehe auch diesen Bericht des Patienten, der unter Viread und Raltegravir in Remission kam: http://www.x-rx.net/blog/2016/09/hibernation-consternation.html
Siehe auch hier: http://www.x-rx.net/blog/2013/01/our-experience-with-antiretrovirals.html#comment-14820
Siehe auch hier: http://www.cortjohnson.org/blog/2014/03/16/persist-without-exception-interview-andrea-whittemore/
Siehe Dr. Michael Snyderman: „Eighteen Month Experience with Antiretrovirals in a Patient with CFS and Chronic Lymphocytic Leukemia”, http://www.x-rx.net/blog/2011/12/update-from-michael-snyderman-md.html
Siehe den Bericht von Ken „Bin HIV positiv - mein CFS durch ARV Therapie verschwunden” vom 2.04.14: http://www.symptome.ch/vbboard/cfids-cfs-me/117681-hiv-positiv-chronic-fatigue-syndrome-chronisches-muedigkeitssyndrom-arv-therapie-verschwunden.html 

14 Jason LA et al. „The Economic impact of ME/CFS: Individual and societal costs”, Dyn Med. 2008 

15 „So viele Menschen wie nie leben in Deutschland“, ZEIT ONLINE, dpa, jr vom 27. Januar 2017, http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-01/einwohnerzahl-steigt-deutschland-statistisches-bundesamt-rekord-einwanderung (Abruf 28.10.17)

16 Chang CM et al. „Chronic fatigue syndrome and subsequent risk of cancer among elderly US adults.“ Cancer 2012

17 „Krebs: Kosten für die Behandlung explodieren", aponet.de vom 23.06.2017, https://www.aponet.de/aktuelles/aus-gesellschaft-und-politik/20170623-krebs-kosten-fuer-die-behandlung-explodieren.html

18 Wikipedia, Stichwort „Pflegeheim“, 4.5 „Monatliche Gesamtkosten“, https://de.wikipedia.org/wiki/Pflegeheim#Monatliche_Gesamtkosten (Abruf 28.10.17)

19 Singh IR, Gorzynski JE, Drobysheva D, Bassit L, Schinazi RF „Raltegravir Is a Potent Inhibitor of XMRV, a Virus Implicated in Prostate Cancer and Chronic Fatigue Syndrome.” PLoS One 2010
 


Katharina Voss, Copyright 2017

Mittwoch, 30. August 2017

#MEICC


Colleen Steckel, Gründerin der North Carolina & Ohio M.E./FM Support Group und ehrenamtlich für die ME-Aktivistenorganisation ME ADVOCACY tätig, hat einen sehr bemerkenswerten Vorschlag unterbreitet, um die Endlosdebatte über die korrekte Bezeichnung der Krankheit auf eine einfache und problemlos praktikable Weise zu beenden. Mit ihrer freundlichen Genehmigung durfte ich ihren Beitrag, der hier im Original zu lesen ist, ins Deutsche übertragen. Der Chicagoer ME-Aktivist Jerrold Spinhirne hat einen sehr lesenswerten Kommentar – hier in den Kommentaren im Original zu finden – zu Colleen Steckels Vorschlag geschrieben, den ich ebenfalls übersetzen durfte. Der britische ME-Aktivist Greg Crowhurst hat mir freundlicherweise erlaubt, sein eindrucksvolles Logo zu verwenden. Ich danke allen Dreien herzlich für ihre liebenswürdige Zustimmung!



Logo von Greg Crowhurst, http://stonebird.co.uk/


Zur Einführung in das Thema ein paar Worte vorweg:


Wie ich in meinem Buch und in meinen ersten drei Blogposts schon ausführlich auseinandergesetzt habe, ist die Diskussion über die korrekte Bezeichnung der Krankheit keineswegs überflüssig oder sogar schädlich für die öffentliche Wahrnehmung der Erkrankung, wie manchmal auch behauptet wird. Denn die derzeit gebräuchlichen Bezeichnungen wie ME oder CFS oder ME/CFS oder SEID sind jeweils mit unterschiedlichen Krankheitsdefinitionen und sogar verschiedenen Kernsymptomen verknüpft.

Damit aber eine korrekte Diagnose überhaupt gestellt werden kann, benötigt man bei einer Krankheit, deren Ursache bislang unbekannt ist und die keine allgemein anerkannten Biomarker hat, mit denen die Krankheit zweifelsfrei festzustellen ist, eine scharf umrissene Krankheitsdefinition, die nur diejenigen Patienten identifiziert, die auch tatsächlich an der Krankheit leiden.

Die neueste ME-Krankheitsdefinition sind die Internationalen Konsenskriterien (ICC, hier die deutsche Kurzfassung in der Übersetzung von Regina Clos) von 2011. Kernsymptom ist hier die neuroimmunologische Entkräftung nach Belastung – auch Post-Exertional Neuroimmune Exhaustion (PENE) genannt. Es handelt sich bei diesem Symptom um die pathologische Unfähigkeit, bei Bedarf genügend Energie auf Abruf zu produzieren. Charakteristisch für die PENE ist eine signifikante, schnell einsetzende körperliche und/oder kognitive Erschöpfbarkeit als Reaktion auf bereits minimale Belastung, z.B. Alltagsaktivitäten oder einfache mentale Aufgaben, die zur völligen Entkräftung führen können. Mit der PENE sind vorwiegend Symptome aus dem neuroimmunologischen Bereich assoziiert. Das heißt, viele Krankheitssymptome verstärken sich nach Belastung, vor allem grippeähnliche Symptome, Schmerzen, neurokognitive Beeinträchtigungen und Symptome, die dem autonomen Nervensystem zuzuordnen sind. Die PENE kann sofort im Anschluss an die Aktivität auftreten oder zeitverzögert erst nach Stunden oder Tagen. Die Erholungszeit ist generell verlängert und erstreckt sich über 24 Stunden oder auch länger. Die rasche körperliche und mentale Erschöpfbarkeit ME-Kranker führt zu einer erheblichen Verminderung des vor Beginn der Erkrankung vorhandenen Aktivitätsniveaus.



Ferdinand Hodler, Valentine Godé-Darel im Krankenbett, www.commonswikimedia.org

Hingegen ist das Kernsymptom von CFS nach der Fukuda-Definition Müdigkeit (Fatigue). Die neuroimmune Entkräftung nach Belastung, die PENE, fehlt in der CFS-Definition als zwingend notwendiges Kriterium. Außerdem sind Depressionen, Somatisierungsstörungen und Angsterkrankungen in dieser Definition nicht ausgeschlossen.

Auch der SEID-Definition des Institute of Medicine (IOM) mangelt es an Ausschlussdiagnostik. Hier ist sogar überhaupt keine Ausschlussdiagnose erforderlich. Damit sind verhängnisvolle ärztliche Kunstfehler vorprogrammiert. Hinzu kommt noch, dass auch bei dieser Definition wieder eine ungeklärte chronische Müdigkeit (Fatigue) die zentrale Rolle spielt. Müdigkeit ist jedoch kein definierendes Krankheitssymptom von ME. Sie kann zwar zeitweise Begleitsymptom einer ME sein, doch zwingend ist das nicht. Auch Krebs- oder Multiple-Sklerose-Patienten können zeitweilig unter Müdigkeit leiden, aber der Zusatz Müdigkeit taucht weder in den Namen der verschiedenen Krebsarten noch bei MS auf.


Christian Krogh, Tired, www.commons.wikimedia.org

Die von den IOM-Kriterien geforderte Postexertional Malaise (PEM = Unwohlsein nach Anstrengung) ist außerdem lediglich ein subjektives Gefühl, jedoch kein objektivierbares Symptom im Gegensatz zur PENE, deren biomedizinische  Anomalien durch verschiedene Untersuchungen nachgewiesen werden kann. Zudem ist der Begriff malaise vollkommen unangemessen angesichts der bei den ME-Patienten pathologisch erniedrigten Belastungsschwelle mit ihren schwerwiegenden Folgen. Unwohl können sich nämlich auch dekonditionierte Menschen nach körperlichen Aktivitäten fühlen. Doch sie entwickeln 
nach Belastung keine Symptome mit Krankheitswert wie die ME-Patienten. 

Folglich stellen die ICC die derzeit treffendsten Kriterien, um eine Myalgische Enzephalomyelitis sicher zu identifizieren und von unspezifischen Erschöpfungszuständen oder Müdigkeit abzugrenzen. Um die Sicherheit aller Patienten zu gewährleisten – auch derer, die nicht an ME, sondern an Erschöpfung oder Müdigkeit leiden, die mit anderen Erkrankungen oder Störungen verknüpft ist –, sollte für Diagnose und Forschung künftig nur noch die ICC-Definition zum Einsatz kommen.

Nun möchte ich aber Colleen Steckel mit ihrem glänzenden Vorschlag zu Wort kommen lassen:


Zeit für #MEICC



Wenn die Augustausgabe 2017 des ME Global Chronicle veröffentlicht wird, werde ich den Jahrestag meiner vor 28 Jahren plötzlich ausgebrochenen Krankheit ME begehen. Obwohl ich es schwer finde, mir vorzustellen, dass ich mich so lange derart krank fühlen konnte und immer noch am Leben bin, weiß ich, dass ich nicht die Einzige bin, die seit über zwei Jahrzehnten krank ist, ohne wirkliche Behandlungen bekommen zu haben.

So lange krank zu sein, bedeutet auch, dass ich die Verwandlung meiner Originaldiagnose Chronic Fatigue Immune Dysfunction Syndrome (CFIDS) zu einer vagen Ermüdungserkrankung namens CFS und die wachsende Verachtung von Ärzten gegenüber meinem anhaltenden Krankheitszustand mitansehen musste.

Meiner Meinung nach ist es Zeit herauszufinden, wie viele Patienten die Internationalen Konsenskriterien (ICC) erfüllen. Wir können uns dann als MEICC-Patientengruppe vereinen, um die Fachleute im Gesundheitswesen in allen Ländern zu konfrontieren und darauf zu bestehen, dass sie anerkennen, dass die MEICC-Patienten nicht mit Patienten in einen Topf geworfen werden dürfen, auf die diese Kriterien nicht passen. Ich schlage vor, dass diese Gruppe den Hashtag #MEICC benutzt.

Wir haben jetzt die Wissenschaft, die unsere Forderungen absichert, dass wir nicht „nur müde" sind. Wir wissen definitiv, dass Aktivitäten außerhalb unseres begrenzten Rahmens gefährlich sind und zu Rückschlägen und Verschlechterungen führen.

Ich denke, es ist auch Zeit, dass wir erkennen, dass die schwer betroffenen ME-Patienten von Gesundheitsbehörden auf der ganzen Welt ebenso wie von zu vielen (Patienten-)Advokatengruppen völlig ignoriert worden sind und dass es Zeit ist, dass sie alle Informationen aufnehmen, die speziell auf die schwerkranken Patienten abgestimmt sind. Der #SevereME Awareness Day ist der 8. August.

Bei Überprüfung der Aktualisierung der CDC-Website vom 3. Juli 2017, die viele als einen Schritt vorwärts bejubelt haben, möchte ich darauf hinweisen, dass die Änderungen, die ich sehe, kosmetisch sind. Die Links für die Ärzte forcieren weiterhin abgestufte körperliche Belastung als eine Behandlungsoption.

Nachfolgend einiges von dem, was, wie ich sehe, auf der CDC-Website und bei zu vielen „CFS“-Unterhaltungen fehlt: 

  • Lähmung der Patienten
  • Muskelfehlfunktionen, die nicht durch Dekonditionierung entstehen, und die die Patienten ans Bett und/oder an den Rollstuhl fesseln. 
  • Herzanomalien, die zu vorzeitigem Tod führen können.
  • Herzfrequenzanomalien, die von einem EP-Kardiologen gesehen werden sollten und mit Medikamenten wie Corlanor (Ivabradin) behandelt werden können.
  • Immunsystem-Dysfunktion, die zur Reaktivierung von Viren, Nahrungsmittel- und Medikamentenunverträglichkeiten und einem höheren Krebsrisiko führt.
  • Energieproduktionsstörung auf zellulärer Ebene, die dazu führt, dass die Patienten nicht in der Lage sind, für sich selbst zu sorgen.
  • Defektes Sauerstoffaustauschsystem, wie von der Workwell Foundation beschrieben, das Toxizitätsprobleme verursachen kann, die angegangen werden müssen, um die Lebensqualität zu verbessern.
  • Wie wahrhaft behindernd diese Krankheit ist. Den fortgesetzten Aussagen à la „müde nach dem Einkauf", die von der CDC kommen, muss entgegengetreten werden. Diejenigen von uns, die am unteren Ende der Funktionsskala sind, können selten einkaufen gehen und wenn wir es tun, sind wir nicht nur „müde“, sondern es verursacht einen schweren Zusammenbruch.

Erfüllen Sie die Internationalen Konsenskriterien?

Hier ist ein einfacher Fragebogen, den Sie als Leitfaden verwenden können: http://bit.ly/2gsuEhM (ICC-Kurzfassung in der deutschen Übersetzung von Regina Clos hier.)

Colleen Steckel, Gründerin der North Carolina & Ohio M.E./FM Support Group http://bit.ly/2uuy3IB


Kommentar von Jerrold Spinhirne:



Ein ausgezeichneter Artikel von Colleen Steckel, der von entscheidender Bedeutung ist. Die ME-ICC von 2011 (Internationale Konsenskriterien) und der IC-Primer von 2012 (International Consensus Primer for Medical Practitioners für Diagnose und Behandlung von Jugendlichen und Erwachsenen mit Myalgischer Enzephalomyelitis) – die die neurologische Krankheit Myalgische Enzephalomyelitis (ME) von dem allgegenwärtigen Symptom chronischer Ermüdung und von schlecht definierten Diagnosen wie CFS, „ME/CFS", „CFS/ME" und dem lächerlichen neuen „SEID" separieren – müssen allgemein für die Diagnose und Forschung von ME angenommen werden.


Der gegenwärtige absurde Müdigkeitserkrankungs-Unsinn dauert seit 30 Jahren an. Es muss jetzt aufhören, bevor mehr Geld, Zeit und wertvolle Leben verschwendet werden. Es ist tragisch für Menschen mit ME, eine Zusammenstellung von allzu inklusiven, unspezifischen Kriterien – die Fukuda-CFS-Kriterien der CDC – durch noch ein weiteres Set selbiger Art ersetzt zu sehen – die „ME/CFS"(„SEID")-Diagnosekriterien des IOM. 

Das US Department of Health and Human Services und seine Agentur die CDC haben die unscharfe Abfalleimerdiagnose des Chronischen Müdigkeitssyndroms (CFS) genommen und durch eine noch breitgefächertere Abfalleimerdiagnose namens „systemische Anstrengungs-Intoleranz-Krankheit" („SEID") ersetzt. Wann werden Ärzte und Forscher endlich aufhören, diese Torheit zu erlauben? ME ist eine separate und einander ausschließende neurologische Erkrankung, für die chronische Müdigkeit nicht einmal ein diagnostisches Symptom ist.

Die niedrige Messlatte für die Diagnose durch die IOM-Kriterien und die Einbeziehung von psychiatrischen Störungen wird bald zu weiterem Verlust an Glaubwürdigkeit führen, zu mehr „Wunderkuren" und mehr Verhaltensbehandlungsempfehlungen für „ME/CFS" nach Art des IOM. Wie wird irgendjemand in der Lage sein, nach den Kanadischen Kriterien diagnostiziertes „ME/CFS", das mit hoher Wahrscheinlichkeit ME ist, von IOM-diagnostiziertem „ME/CFS", das eine primär depressive, Angst- oder somatoforme Störung sein könnte, zu unterscheiden?

Die Implementierung der IOM-Diagnosekriterien, die nun von der CDC empfohlen wird, wird in einem völligen Chaos resultieren. Offensichtlich haben zu wenige Fachleute auf dem Gebiet etwas aus dem Versagen der letzten 30 Jahre gelernt, um irgendeinen bedeutsamen Fortschritt zu machen. 

Diese fortgesetzte Verwirrung wird der Anerkennung, Diagnose und Forschung der eigenständigen neurologischen Krankheit Myalgische Enzephalomyelitis schaden, die unweigerlich mit der neuen, vom IOM kreiierten und von der CDC befürworteten Müdigkeitssuppe vermengt werden wird. ME erfordert eine eigene Diagnose- und Forschungsfalldefinition, getrennt von diversen unklaren, auf Müdigkeit basierenden Leiden wie CFS und IOM-diagnostiziertes „ME/CFS" – nämlich die #MEICC.


Katharina Voss, Copyright 2017